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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


1.2.2 Dialektik als Methode der Antikritik im Spätbarock und 19. Jahrhundert

Der Begriff Antikritik ist als eine Bezeichnung für schriftliche Antworten auf ein kritisches Schreiben zu einem Werk in Titeln von Beiträgen zum Wettstreit über die Literatur der Gegenwart zu finden. In der Kunst der Dialektik werden bereits in der Antike Methoden der Kritik zur Entgegnung im mündlichen Gespräch und schriftlicher Rede behandelt. Werke, die als Antikritik bezeichnet werden, sind Vertreter für eine Prosagattung. Schriften mit diesen Titeln dienen zur Darstellung von Reaktionen des Autors oder anderer Personen auf Rezensionen.

In der Neuzeit wurden von Johannes Buxtorf in seinem Schreiben Anticritica seu vindiciae veritatis Hebraicae über Ludwig Capellus Werk Critica sacra im Jahre 1653 die Bezeichnungen ´unser Kritiker´ (criticus noster) und ´Zensor´ (censor) für den Autor des Werkes verwendet. Petrus Daniel Huett schreibt in seinem Werk Censura philosophiae Cartesianae im Jahre 1690 zum verkehrten Weg (perversa via) des Suchens des Kriteriums (criterii quaerendi) bei Cartesius: "Perversam Criterii quaerendi viam insistit Cartesius." (97) Die kritischen Untersuchungen der Grammatik von Sprachen werden im 18. Jahrhundert verbunden mit der Lehre von den Unterschieden zwischen einzelnen Sprachen und der Untersuchung von Schriftstücken. Gilles Menages Werk Anti-Baillet ou critique du livre de Mr. Baillet aus dem Jahre 1725 behandelt die Kommentare von Adrien Baillet, der in diesem Jahre die Abhandlung Jugemens des savans sur les principeaux ouvrages des auteurs publiziert. Balzac gilt Baillet als Führer unter den Gens de Lettres, die er auch als Schöngeister (Beaux Esprits) in der Nachfolge Quintilians bezeichnet. Kritiker (critiques) beschäftigen sich bei Baillet mit dem Aufdecken (découvir) der Spur (vestige) von Allusionen (allusions): "Mr. Baillet dit ensuite, que les Critiques prétendent n´avoir découvert aucun vestige de ces allusions aux noms propres dans les Poetes Grecs", stellt Manage fest und verweist auf Quintilian als Autorität. (98)

Formen antikritischen Schrifttums für Rezensionen sind in der Epoche der Aufklärung zu finden. Die Schrift Gründliche Critic über die Lebensbeschreibung des Grafen von Bonneval von Claude A. de Bonneval erscheint im Jahre 1738 als Antwort auf seine Biographie. Dominik Fiorillos Schrift Anticritica ad Herodem Attivum, im Jahre 1801 gedruckt, ist ein Beitrag zur Altertumskunde. Von Johann Stephan Pütter erscheint die Abhandlung Auch ein Wort an Wahrheitsfreunde in Beziehung auf eine Stelle in der Häberlinischen Anticritik gegen eine Rezension in den Göttingischen gelehrten Anzeigen vom 16. Febr. 1797. Auf Schellings Philosophische Briefe über Dogmatismus und Kriticismus aus dem Jahre 1795 folgt seine Antikritik vom 26. Oktober des Jahres 1796, in der er die Rezension seiner Schrift Vom Ich als Princip der Philosophie in der Allgemeinen Litteratur-Zeitung beantwortet. Formal sind Elemente der Kritik in Form von Briefen wie das Datum und die Textbearbeitung von Stellen in den antiken Schriften an Adressaten zu Werken über Kunst und Wissenschaft eingehalten. Schelling bemerkt, daß "jede andere Kunst oder Wissenschaft, deren Gegenstände freye Produkte des Geistes sind, eben so gut als die Philosophie mit jener Geistlosigkeit zu kämpfen" hat. (99) Am 14. Juli des Jahres 1804 schreibt Schelling an Karl Joseph Hieronymus Windischmann in einem Privatbrief zu seinem der Wissenschaft gewidmeten Plane einen Apell an seinen Adressaten, diesen mit Rezensionen zu unterstützen: "Die Kritik soll ohne alle Rücksicht, frei stark, wenn schon nicht heftig, doch kurz und rund ausgeübt werden." (100) Wielands Werk Anti-Ovid ist hier als Schrift über die Literatur der Antike auf dem Höhepunkt der Aufklärung zu nennen.

Auch auf anderen Gebieten der Wissenschaften und Künste wird antikritisches Schrifttum für die Bewertung von Autoren eingesetzt. In Ernst Raupachs Lustspiel Kritik und Antikritik, das im Jahre 1827 gedruckt wird, behandelt in einem Monolog ein Barons den Erhalt von Recensionen und den Ertrag von Schriften im Zusammenhang mit dem Begriff Recht in einem Vergleich mit den Pflichten des Bürgers: "Er praenumerirt und ueberlaeßt mir den Ertrag seiner Schriften; sie liefert mir die Recensionen unentgeltlich: das ist eine herrliche Zwickmuehle, die mich um einige Jahre dem Rittergut naeher bringt.- Ob ich Recht thue? unbezweifelt. Ein guter Buerger muß stets das Wohl des Staates vor Augen haben; der Staat ist aber desto kraeftiger und gluecklicher, je wohlhabender seine Buerger sind: also ist es die Pflicht eines guten Buergers, sich zu bereichern. Stehlen und Betruegen ist schaendlich und bringt Gefahr: also macht man sich Anderer Thorheit zu Nutze. Tertium non datur; und damit gut." (101) Die Freihefte für wissenschaftliche Kritik und Antikritik in der Natur- und Heilkunde erscheinen im Jahre 1837. Auch Philosophen nutzen Formen dieser Kritik für die Beschreibung von Leben und Werk für die Darstellung anderer Philosophen. Ludwig Andreas Feuerbachs Werk zur Darstellung, Entwicklung und Kritik der Philosophie von Leibnitz erscheint im Jahre 1848. Feuerbachs Kritik des Anti-Hegels dient im Jahre 1835 zur Einleitung in das Studium der Philosophie. Friedrich Engels Werk Anti-Düring wird in der Zeit vom 3. Januar des Jahres 1877 bis zum 7. Juli des Jahres 1878 als eine Biographie zur Gewinnung neuer Kriterien aus dieser Arbeit für seine späteren Werke verfaßt.

Zurück zum Text  97. Huett, Peter Daniel: Censura philosophiae Cartesianae. Kampen 1690. S. 44.

Zurück zum Text  98. Menage, Gilles: Anti-Baillet ou critique du livre de Mr. Baillet avec Balthasar Gilbert jugemens des savans sur les auteurs qui ont traité de la rhetorique. Amsterdam 1725. S. 1 und 56.

Zurück zum Text  99. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Historisch-kritische Ausgabe. Heraus-gegeben von Michael Baumgartner. Stuttgart, Bad Cannstatt 1982. S. 191-195. Zitat S. 195.

Zurück zum Text  100. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Briefe und Dokumente. Band 3. 1803-1809. Zusatzband. Herausgegeben von Horst Fuhrmann. Bonn 1975. S. 97.

Zurück zum Text  101. Raupach, Ernst: Kritik und Antikritik. Lustspiel in vier Akten. Hamburg 1827. S. 15.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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