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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


1.2.3 Kritik als Begriff der Streitkultur an Akademien und Organisationen der Neuzeit

Antike Preisschriften loben die Gerechtigkeit des Sieges in einem Wettstreit. So beschreibt Pindar den Gewinner eines Wagenrennens, Arkesilas von Kyrene, in einer ihm gewidmeten Ode als Sieger, der den Pfad der Gerechtigkeit (deltaíkappaeta) als König der großen Städte beschreitet. (102) Der Streit im Gespräch und in schriftlichen Abhandlungen ist als eine Form des Wettstreits (certamen) an Universitäten in der Epoche der Aufklärung zu finden. In diesen Lehranstalten wird der Wettstreit zwischen den Fakultäten nach Reihen (ordines) in einem Literaturstreit (certamen litterarium) ausgetragen. Neu erschienene Schriften werden in Abhandlungen der Gelehrten nach ihren Themen in verschiedenen Gattungen der Kritik behandelt. In der Philologie werden verschiedene Begriffe für die Gattungen von Beschreibungen und Reden verwendet. Das deutsche Schulwesen und die philologischen Institute an den Universitäten nutzen als Bezeichnungen für die mündliche und schriftlichen Kritik die Bezeichnung Unterredung in den Ausdrücken disputatio critica und disputatio philologico-critica. Die Verteilung von Preisen (praemia), die nach dem Urteil (iudicium) ausgeteilt werden, ist bei der Verleihung von Autorenpreisen zu finden. Den nicht mehr verbal ausgefochten Streit von Kritikern über die Literatur eines Gebietes ermöglichen Journale und spezielle Zeitschriften für Publikationen auf wissenschaftlichem Gebiete.

Dokumente des Wettbewerbs im 19. Jahrhundert sind die Gekrönten Preisschriften und Urkunden für Preise der Germanistik. Die von der Fürstlich Jablonowiskischen Gesellschaft in Leipzig gekrönte Preisschrift Das erste Auftreten der deutschen Sprache in den Urkunden von Max Vancsa beinhaltet im Jahre 1895 eine Beilage mit juristischen Schriften des Prozesses der Vansdorffer gegen den Erzbischof von Salzburg, die in einer Schlußformel mit dem Ort und der Zeit das Dokument vom 17. April des Jahres 1303 als brief bezeichnet, in dem eine Urteile genannt wird. (103)

Von Vertretern der Moderne werden im 20. Jahrhundert die Druckmedien für den Streit über die Literatur genutzt. Diskussion finden zur Unterhaltung auch in anderen Medien und Kommunikationsmitteln statt. Politische Streitkultur ist Gegenstand der in diesen Medien ausgetragenen öffentlichen Kritik. In Georg Rauschs Preisschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins mit dem Titel Goethe und die deutsche Sprache sind im Jahre 1909 im Anhang zu den Begriffen sigmaupsilongammakapparhoínuepsiloniotanu und deltaiotaalphakapparhoínuepsiloniotanu Ausführungen Goethes zur Farbenlehre erwähnt. Goethe stellt hier zu ihrer Übersetzung fest: "Wir finden keinen so geistig-körperlichen Ausdruck für das Pulsiren, in welchem sich Leben und Empfinden ausspricht. Überdies sind die griechischen Ausdrücke Kunstworte, welche bei mehrern Gelegenheiten vorkommen, wodurch sich ihre Bedeutsamkeit jedes Mal vermehrt." Als Worte in deutschen und französischen Übersetzungen schlägt Goethe die Begriffe zusammenziehen, ausdehnen, sammeln, entbinden, fesseln, lösen, rétrécir und développer vor. (104) Bei Preisen von Städten, die an Autoren vergeben werden, folgt auf die Lobrede (Laudatio) die Rede des Autors, an den dieser Preis verliehen wurde. Die Jury für den Friedrich Hölderlin-Preis läßt auf die Verleihung eine Rede zur Preisverleihung am 7. Juni des Jahres 1998 an Christoph Ransmayr folgen. Dur Grünbeins Rede Den Körper zerbrechen zur Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises wird im Jahre 1995 zusammen mit der Laudatio und dem Portrait des Künstlers als junger Grenzhund von Heiner Müller vorgetragen.

In einer Urkunde anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1979 wird Hans-Georg Gadamer am 13. Juni des Jahres 1979 eine Auszeichnung zuteil als "dem Philosophen, dessen Hermeneutik für die Verständigung über Sprache, Geschichte und Kunst neue Horizonte erschloß, dem denkenden Interpreten der philosophischen Tradition Griechenlands und der Werke der Dichter; dem Gründer der Internationalen Hegel-Vereinigung; dem wirkungskräftigen Lehrer zur Freiheit des Gedankens." (105) In der Urkunde anläßlich der Verleihung des Lessing-Preises des Jahres 1968 wird Walter Jens am 12. Dezember 1967 die Würdigung "seiner auf eine zeitgerechte politische und sittliche Aufklärung zeolenden schriftstellerischen Werke, insbesondere seiner kritischen Beiträge zur Literaturwissenschaft und Rhetorik sowie seiner mutig ins öffentliche Bewußtsein wirkende Tätigkeit als vielseitiger Publizist; in Anerkennung aber auch seiner vorurtheilsfreien Bemühungen um die Neugestaltung des Lehrbetriebes an den deutschen Universitäten" zuteil. (106) Gerhard Helbig schreibt in seiner Rede Grammatik im Kreuzfeuer bei der Verleihung des Konrad-Duden-Preises am 16. März 1994: "Einer berechtigten Kritik ausgesetzt war nicht nur eine zu enge, sondern auch eine zu weite Auffassung der Grammatik, die Grammatik letztlich mit der Sprache bzw. mit der Sprachwissenschaft identifiziert." (107) Ein Beispiel für eine Rede, die direkt auf die Rechtfertigung der Rechtschreibreform abzielt, ist die Rede Sprachpflege und Sprachgeschichte von Ingo Reiffenstein, die er am 11. März des Jahres 1998 bei der Verleihung des Konrad-Duden-Preises der Stadt Mannheim hielt und in der er von der Schicht der litterati im Mittelalter spricht. (108) Diese Autoren haben die Erforschung der Sprache zum Gegenstand in der Wissenschaft gemacht. Die Preise sind Auszeichnungen zum Ausdruck der Bewertung ihrer Werke in der Öffentlichkeit.

Zurück zum Text  102. Pindar: Olympian Odes. Pythian Odes. Edited and translated by William H. Race. Cambridge und London 1997. Zeile 14 und 15. S. 300.

Vgl. auch: Braswell, Bruce Karl: A commentary on the forth Pythian ode of Pindar. Berlin und New York 1988. S. 369-376.

Zurück zum Text  103. Vancsa, Max: Das erste Auftreten der deutschen Sprache in den Urkunden. Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe 1895. Leipzig 1963. S. 134-135. Zitat S. 134.

Zurück zum Text  104. Rausch, Georg: Goethe und die deutsche Sprache. Gekrönte Preisschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins. Leipzig und Berlin 1909. S. 260-261.

Zurück zum Text  105. Ein Faksimile der Urkunde vor dem Textteil befindet sich in: Das Erbe Hegels. Zwei Reden aus Anlaß der Verleihung des Hegel-Preises 1979 der Stadt Stuttgart an Hans-Georg Gadamer am 13. Juni 1979. Jürgen Habermas. Urbanisierung der Heideggerschen Provinz. Laudatio auf Hans-Georg Gadamer. Hans Georg Ga-damer. Das Erbe Hegels. Frankfurt am Main 1979. O. S.

Zurück zum Text  106. Ein Faksimile der Urkunde vor dem Textteil befindet sich in: Feldzüge eines Redners. Rede auf Gotthold Ephraim Lessing und Laudatio anläßlich der Ver-leihung des Lessing-Preises an Walter Jens am 8. März 1968. Hamburg 1968. O. S.

Zurück zum Text  107. Helbig, Gerhard: Grammatik im Kreuzfeuer. Rede Gerhard Helbigs anläßlich der Ehrung mit dem Konrad-Duden-Preis der Stadt Mannheim am 16. März 1994. Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich 1994. S. 11.

Zurück zum Text  108. Reiffenstein, Ingo: Sprachpflege und Sprachgeschichte. Rede anlässlich der Ehr-ung mit dem Konrad-Duden-Preis der Stadt Mannheim am 11. März 1998 mit der Laudatio von Hugo Steger. Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich 1998. S. 25.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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