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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


1.3.8 Der Begriff Kritik im deutschen Wortschatz des 19. Jahrhunderts

Im Wortschatz des Hochdeutschen von Wörterbüchern ist der Begriff Kritik bekannt. Johann Christoph Adelung erwähnt in einem Kapitel mit dem Titel Kenntnis der Regeln und Kritik in seiner Abhandlung Ueber den deutschen Styl, daß die Regeln der Kritik eine gründliche Sprachkenntniß voraussetzen. Diese Regeln haben einen Grund und erstrecken sich auf alle Arten des Schönen. (244) In einer Darstellung von Adelungs Abhandlung Grammatisch-kritisches Wörterbuch hat der Begriff Kritik nach den Bedeutungen der griechischen und lateinischen Worte die Definitionen Kunst oder Wissenschaft, die richtige Leseart und den Sinn der alten Schriftsteller zu bestimmen und Fertigkeit, etwas nach den Regeln der Kunst zu beurtheilen und ihre Wissenschaft zu vertreten. Adelungs Werk Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen verweist auf die Funktion der Kritik als eine Anwendung der Beurtheilung nach den Regeln der Kunst. (245)

Der Begriff Kritik wird in dem Werk Deutsches Wörterbuch von Moritz Heyne als eine Kunst des Urteils und fachmännisches Urteil mit Ableitungen wie den Tätigkeiten Kritik üben und Kritiken schreiben und Ausdrücken wie Kritik eines Gemäldes, Kritik einer Schrift, Kritik eines Ausspruchs und Kritik eines neues Romans definiert. (246) Heyne schreibt in seinem Vorwort zu Wilhelm Wackernagels Abhandlungen zur deutschen Litteraturgeschichte, in denen der Aufsatz Zur Erklärung und Beurtheilung von Bürgers Leonore im Jahre 1835 erscheint, von Basel aus an seine Leser am 9. Oktober des Jahres 1873 über seine Arbeitstechnik: "Unter den Abhandlungen dieses Bandes, die ebenso wie die des ersten nach den Handexemplaren des Verfassers, mit Einschaltung zahlreicher Nachträge, zum Druck gerichtet sind, befinden sich zwei vorher noch ungedruckte, neben no. 2 die längere Arbeit über die Thiersage (no. 5), die sich in manchen Punkten als ausführliche Neubearbeitung des unmittelbar vorhergehenden Aufsatzes darstellt, ohne dessen Inhalt voll aufzunehmen. Sie ist der erste Theil eines Collegienheftes über Reinke de Vos, durch die Bemühung des Herrn Dr. L. Sieber hier für den Druck ausgeschrieben. Ein demnächst erscheinender dritter und letzter Band wird die Abhandlungen zur deutschen Sprachkunde enthalten." (247)

Die Gebrüder Grimm untersuchen die Geschichte von Worten in deutscher Sprache. In der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft wird im Jahre 1816 die Abhandlung Von der Poesie im Recht von Jakob Grimm mit einer Reihe von poetischen Rechtswörtern veröffentlicht. (248) In Studien der Gebrüder Grimm zur deutschen Sprache wird die Symbolik des Begriffs Wald für die Methoden der Kritik aufgezeigt. Jakob Grimm beschreibt Wälder und Bäume nach Quellen der heidnischen Deutschen zu Hainen und Heiligen Wäldern. (249) Jakob und Johann Grimms Werk Altdeutsche Wälder aus dem Jahre 1816 beinhaltet Lieder aus der Nibelungensage mit ihren unterschiedlichen Lesarten. (250) Zur Geschichte der Schreibung des Wortes Kritik in grammatikalischen Studien zur deutschen Sprache im letzten Jahrhundert vermerken die Brüder Grimm, daß im 17. Jahrhundert die beiden Worte kritisch und critique dem lateinischen Wort criticus entlehnt wurden. Dem griechischen Wort kapparhoiotanuepsiloniotanu ordnen die Gebrüder Grimm die drei Bedeutungen scheiden, entscheiden und trennen zu. Ihr Wörterbuch weist dem Wort Kritik die Bedeutungen kunst des fachmäszigen urtheilenes oder beurtheilens in sachen der künste und wissenschaften mit der fähigkeit oder fertigkeit in der ausübung einer Wissenschaft mit Ableitungen in Form von Substantiven wie Kritikakel, Kritikaster, Kritiker, den Adjektiven kritiklos und kritisch und dem Verbum kritisieren zu. Die deutschen Worte Kritman, Krittel, Krittler und Krittlerin werden für den Rezensenten oder Kritiker genutzt. Die Substantive, Adjektive und Verben Krittelei, krittlich, Krittlichkeit, Krittling und kritteln leiten die Gebrüder Grimm aus dem norddeutschen Wortschatz ab. (251) Jakob Grimm beschreibt in der Vorrede seines Werkes Deutsche Grammatik die Verfahren der Textkritik (critik des textes): "Wir fordern also critische ausgaben, keine willkürliche critik, eine durch grammatik, eigenthümlichkeit des dichters und vergleichung der handschriften geleitete. Es ist uns weniger zu thun um die schreibweise eines noch so ausgezeichneten copisten, als darum, allerwärts die ächte lesart des gedichts zu haben und bisher kennt man wohl verschiedene handschriften mit vorzüglich gutem Texte, keine, die einen tadellosen lieferte. Jene schreibweise mag an und für sich mancherlei aufklären, die einschwärzung fremder mundarten willkommen, ja der offenbare schreibfehler für beurtheilung ähnlicher fälle brauchbar seyn; solche nebenzwecke dürfen die critik des textes nirgends aufhalten." (252) Grimm schreibt auch in den Vorbemerkungen seiner Deutschen Grammatik über die Pflichten von critischen Herausgebern folgende Hinweise: "Es versteht sich nur dabei von selbst, daß die grammatik, so angelegen, ihr die sorgfältige zergliederung einzelner mundarten seyn muß, nicht in das familienleben und die unendlichkeit aller und jeder idiome eingehen darf, sondern für perioden und landschaften allgemeinerer, festerer regeln zu folgen hat. Critischen herausgebern der bedeutendsten schriftsteller und dichter bleibt es überlaßen, auf die feinere darstellung ihrer eigenthümlichkeiten bedacht zu nehmen. (253)

Zurück zum Text  244. Adelung, Johann Christoph: Ueber den deutschen Styl. Dritter Theil. Berlin 1785. S. 394.

Zurück zum Text  245. Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hoch-deutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, beson-ders aber der Oberdeutschen, von Johann Christoph Adelung. Zweyter Theil. Von F-L. Leipzig 1796. Sp. 1792.

Zurück zum Text  246. Heyne, Moritz: Deutsches Wörterbuch. Bd. 2. H-Q. Leipzig 1869. [Reprint 1970. Hildesheim New York]. S. 483.

Zurück zum Text  247. Wackernagel, Wilhelm: Abhandlungen zur deutschen Literaturgeschichte. Neu-druck der Ausgabe 1873. Osnabrück 1966. O. S. S. 399-427.

Zurück zum Text  248. Grimm, Jakob: Von der Poesie im Recht. Darmstadt 1957. S. 23-27.

Zurück zum Text  249. Grimm, Jakob: Deutsche Mythologie. Göttingen 1835. S. 372-376.

Zurück zum Text  250. Altdeutsche Waelder. Herausgegeben durch die Brueder Grimm. Dritter Band. Frankfurt 1816. S. 1-13.

Zurück zum Text  251. Grimm, Jakob und Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Fünfter Band. Bearbeitet von Rudolf Hildebrand. Leipzig 1873. Sp. 2334-2341.

Zurück zum Text  252. Grimm, Jakob: Deutsche Grammatik. Herausgegeben von Wilhelm Scherer. Hildesheim 1967. S. IX.

Zurück zum Text  253. Grimm, Jakob: Deutsche Grammatik. 1967. S. 2.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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