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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2 Literatur als angewandte Kritik und die historischen Begriffe ihrer Gattungen

2.1 Der Begriff Kritik in der Theorie und Praxis von poetischer Literatur

2.1.1 Kritisches Schrifttum zu den Gattungen der Lyrik, Dramatik und Epik in der Antike und Neuzeit

Die Dichtung ist Gegenstand der Kritik in der Antike. Dramen werden nach der Dichtungstheorie des Aristoteles in der Antike von Autoren verfaßt und beurteilt. Auch für Methoden der Kritik an der Dichtung galt das Werk Poetik des Aristoteles als eine Quelle. Die Aufgaben der Kritik werden von Aristoteles durch die Grenze, das tauepsilonlambdaomicronsigmaf, der Dichtung bestimmt. (322) Aristoteles nennt in diesem Werk mit der Bezeichnung epsilonpiomicroniotapiomicroniotaiotaalphadie Epik als eine Form des Schreibens für das Epos. (323) Aristoteles nennt in der Poetik auch mit der Bezeichnung tauetasigmaf taurhoalphagammaomegadeltaiotaalphasigmaf piomicroniotaetasigmaiotasigmaf unter weiteren Formen des Schreibens die Tragödie, auf die sich Autoren von Trauerspielen in der Neuzeit berufen. (324) Im Schlußteil seiner Poetik nennt er den Begriff epsilonpiiotatauiotamuepsilonsigmaepsilonsigmaf für die Vorwürfe der Kritik. Für die Beschreibung der Forderung, daß man die Handlungen zusammenfügen und sprachlich ausarbeiten muß, so daß man sie möglichst vor Augen stellt, nutzt er als Bezeichnung für ein Gesetz den Begriff nuomicronmuomicronsigmaf. (325) Diese Anweisung an das bildliche Vorstellungsvermögen des Betrachter ist ein Bestandteil seiner Theorie der Dichtung. In Vergleichen nehmen Kritiker späterer Literatur Anleihen aus der Theorie der Dichtung von Aristoteles. Ein Beispiel dafür ist ein Kommentar zu seiner Poetik von Michael Conrad Curtius. In seiner Übersetzung des 25. Kapitels der antiken Schrift werden für das Trauerspiel die Quellen der Kritik und die Regeln der Dichtung als Begriffe seiner Theorie eingesetzt: "Alle Kritiken entspringen also aus fünf Quellen. Denn man wirft den Dichtern vor, daß sie Dinge vortragen, die entweder unmoeglich, oder unvernuenftig oder lasterhaft oder einander widersprechend, oder wider die besondern Regeln der Dichtkunst sind." (326) Zu dem in der aristotelischen Konzeption verankerten Begriff tauepsilonlambdaomicronsigmaf gehört die Bezeichnung Endzweck für eine Kunst, die zur Nachahmung der Natur dient. Curtius vermerkt in einer der Poetik angeschlossenen Abhandlung über die Absicht des Trauerspiels, den Endzweck des Trauerspiels darin bestimmet zu haben, daß durch sie Empfindungen wie die Triebe der Menschlichkeit "gepflanzet, erwecket und unterhalten", die Liebe zur Tugend und der Haß des Lasters "gewirket", und die Leidenschaften "verbessert werden." (327)

Nach den Quellen des Aristoteles wird das Verhältnis von Wahrheit und Dichtung als Teil seiner Kritik an der Literatur von Curtius in seiner Abhandlung Von der Personen und Handlungen eines Heldengedichts erörtert. Curtius bemerkt, daß Personen, für die er die Begriffe europäischer und indianischer Kunstrichter benutzt, bei Klopstocks und Miltons Epen Messias und Paradise lost oder in einem indischen Gedicht mit seinen Bemühungen, die Menschen zur ersten Reinigkeit zu bringen, die Stufen der Wichtigkeit nicht nach den Kriterien Uebereinstimmung der Handlungen mit der Wahrheit, sondern nach dem Kriterium ihres Verhältnisses zum System des Dichters und der Nation bestimmen müssen. (328) Diese Kriterien der Kritik an der Literatur sind beispielsweise in Miltons Epos Paradise lost mit den Bezeichnungen Wahrheit und Wahrscheinlichkeit beschrieben worden. Die Eigenschaften der biblischen Motive werden mit Begriffen wie Materie, Vorstellung, Charakter, Zusammenhang und Handlungen in einem Verfahren nachgeprüft. Curtius bewertet bei der Wahl der Materie aus der unsichtbaren Welt mit den Begriffen Vorstellung und Wahrscheinlichkeit den Character und die Handlungen die Werke. Heinrich Düntzers Schrift Rettung der aristotelischen Poetik ist ein kritischer Versuch aus dem Jahre 1840, der dem Werk des Aristoteles in der Gegenwart Bedeutung zukommen läßt. Johannes Vahlen vermerkt in dem im Februar des Jahres 1874 geschriebenen Vorwort zur Schrift des Aristoteles mit dem Titel De arte poetica liber die Fähigkeit des Beurteilens eines Büchleins (de libello iudicium facere). (329)

Die Verwendung des Begriffs Kritik setzt nicht erst seit dem Jahre 1800 in Europa ein. Die Arbeit Elements of dramatic criticism von William Cooke erscheint in deutscher Übersetzung im Jahre 1777 unter dem Titel Grundsätze der dramatischen Kritik. (330) Die Schrift Critical observations on the writings of the most celebrated original Geniuses in Poetry von William Duff nennt Homer, Ariost und Ossian neben den englischen Dichtern William Shakespeare, Edmund Spenser, und John Milton. James Elpinghstons Abhandlung Animadversions upon elements of criticism, calculated equally for the Benefit of that celebrated work, and the Improvement of English stile wird im Jahre 1772 veröffentlicht. Jean Benoist Morells Arbeit Elemens de critique, ou recherches des differentes causes de l´alteration des textes latines wird in Paris im Jahre 1768 gedruckt. Eine chronologische Tabelle eines Allmanachs aus der Schweiz enthält einen Rückblick mit Daten zur Entwicklung der Kritik in der Schweitz und Deutschland. Dieser Neue critische Sack= und Taschen= Allmanach auf das Schalt=Jahr 1744 von Chrysostomus Mathanasius aus Winterthur ist ein Kalender zum Lobe der beiden Kritiker Bodmer und Breitinger. Seine Practica oder Calender Anhang auf das Jahr MDCCXLIV trägt das Motto Critik beschuetz dieß neue Jahr, verleyh uns Sieg in Kriegs Gefahr. Seine Einleitung in die Denckwuerdigen und wahrhafften Geschichten, die sich bey dem critischen Kriege und ruehmlichen Siege der Herren Schweitzer wider und ueber die Sachsen zugetragen haben, lautet der Aufruf an die Kunstricht´r:

Nun hoert ihr Kunstricht´r allzumal/
Ich sing vom crit´schen Fewr und Staal/
Und von mannicher critsch´n Schlacht/
Die viel Jamer und Noth gebracht. (331)

Die Epik wird nach Kriterien, die vom Werk des Aristoteles ausgehen, in der Neuzeit bewertet. Die Forderung einer Epik nach Homers Vorbild ist ein Beispiel für diese Kritik nach dem Vorbild der Antike in der Epoche der Empfindsamkeit. Die Werke der Schweizer Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger untersuchen diese Gattung der Poetik mit Bezeichnungen in deutscher Sprache. Die Form der Nachricht ist für die Vermittlung von Kritik für die Besprechung der Werke von Autoren in der Aufklärung zu finden. Seit dem Jahre 1744 werden die Freymüthigen Nachrichten von neuen Büchern und anderen zur Gelahrtheit gehörenden Sachen von Bodmer und Breitinger herausgegeben. Breitingers Werk Critische Abhandlung von der Natur, den Absichten und dem Gebrauche der Gleichnisse historische und critische Beyträge zu der Historie der Eidgenossen erscheint mit Dokumenten in Form von Urkunden, Zeugnissen und Untersuchungen über das Werk von Jakob Lauffer. Breitinger und Bodmers Werk Critische Abhandlung von der Natur wird mit Beyspielen aus den Schriften der berühmtesten alten und neuen Scribenten in Zürich im Jahre 1740 veröffentlicht. Zur Nachahmung von Trauerspielen wie dem Drama Karl von Burgund werden von Bodmer Motive von Aischylus benutzt. Für Vertreter deutscher Dramen sind nach dem platonischen Begriff der Mimesis wie in den Schriften Bodmers und Breitingers auch nach der Empfindsamkeit Begriffe für andere literarische Gattungen und Methoden genutzt worden. Personifizierte Allegorien der Kritik dienen in den Schriften der Schweizer den Kritikern. Von Malern und Bildhauern ist nach Bodmers Ausführungen in seiner Schrift Critische Betrachtungen über die poetischen Gemählde der Dichter bekannt, daß sie wie der Poet die Natur als ihre Lehrerin und Meisterin studieren und nachmachen. (332) Mit diesem Vergleich von Dichtung und bildender Kunst wird in den Schriften des 18. Jahrhunderts auf die Nachahmung der Natur durch die Kunst verwiesen. Der Vergleich von Dichter und Kritiker ist in einer Gegenüberstellung von Tugenden und Lastern ein an antiken Figuren veranschaulichtes Motiv für Handlungen. Die Tugenden des Kritikers werden bei den Aufgaben von Disziplinen der Bewertung in Beschreibungen dargestellt. Breitinger erläutert in einer Definition nach seinem Begriff des Wortes Criticus im Jahre 1740 diese Aufgaben des Erteilens von Lob und Tadel: "Ein Criticus ist nach meinem Begriff eine Person, die Lob und Tadel nach Verdienen ausspendet. Dieser Erklaerung gemaeß muß derjenige, der sich des Straf-und Richter-Amts unter den Gelahrten anmassen will, nicht nach blosser Willkuer handeln; sondern in Verwaltung einer unpartheyischen Gerechtigkeit alle seine Urtheile und Ausspruche lediglich auf den Verdienst eines guten oder schlimmen Schriftstellers gründen." (333) Begriffe für die Motive und literarischen Formen in deutscher Sprache aus der Bibel werden bei Milton - wie Bodmer und Breitinger in ihren Abhandlungen auszeigen - genutzt. Im Jahre 1740 wird in Stuttgart Bodmers Schrift Critische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie mit der Critischen Abhandlung von den poetischen Schönheiten in Johann Miltons verlohrnem Paradiese von Joseph Addison veröffentlicht. Bodmers Arbeit dient durch Vertheidigung zum Lob des Gedichtes Paradise lost.

Zurück zum Text  322. Aristoteles: Dichtkunst. Ins Deutsche übersetzet, Mit Anmerkungen, und beson-dern Abhandlungen versehen von Michael Conrad Curtius. Hannover 1753. [Re-print Hildesheim und New York 1973]. S. 396.

Zurück zum Text  323. Aristoteles: Poetik. Griechisch-deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Man-fred Fuhrmann. Stuttgart 1982. S. 4. 1. Abschnitt.

Zurück zum Text  324. Aristoteles: Poetik. 1982. S. 4. 1. Abschnitt.

Zurück zum Text  325. Aristoteles: Peri Poietikes. Mit Erläuterung, Text und adnotatio critica, exege-tischem Kom-mentar, kritischem Anhang und indices nominum, rerum, locorum von Alfred Gudemann. Berlin und Leipzig 1934. 1445 b. S. 54.

Zurück zum Text  326. Aristoteles: Dichtkunst. 1753. S. 63-64.

Zurück zum Text  327. Aristoteles: Dichtkunst. 1753. S. 396.

Zurück zum Text  328. Aristoteles: Dichtkunst. 1753. S. 383.

Zurück zum Text  329. Aristoteles: De arte poetica liber. Tertiis curis recognovit et adnotatione critica auxit Iohannes Vahlen. Hildesheim 1964. S. VII.

Zurück zum Text  330. Vgl. zur Kommentierung von Miltons Paradise lost durch Theologen: Gertsch, Alfred: Der steigende Ruhm Miltons. Die Geschichte einer Heteronomie der lite-rarischen Urteilsbildung. Leipzig 1927. S. 31-35.

Zurück zum Text  331. Anonymus: Neuer critischer Sack= und Taschen= Allmanach auf das Schalt-=Jahr 1744. gestellt durch Chrysostomum Mathanasium. Winterthur 1744. S. 3.

Zurück zum Text  332. [Bodmer, Johann Jakob]: Johann Jacob Bodmers critische Betrachtungen über die poetischen Gemählde der Dichter. Mit einer Vorrede von Johann Jacob Brei-tinger. Zürich und Leipzig 1741. [Reprint Frankfurt a. M. 1971]. S. 28.

Zurück zum Text  333. Bodmer, Johann Jakob: Critische Betrachtungen. 1741. [S. 2].

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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