|






|
Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik
Ein Beispiel für die bewertenden poetischen Schriften Bodmers ist die im Jahre 1728
veröffentlichte Ode Anklagung des verderbten Geschmackes. In Breitingers Sammlung Critischen
Lobgedichten und Elegien aus dem Jahre 1747 sind Gedichte mit den Titeln Euergetai, oder Die
Wohlthaeter des Standes Zuerich, Charakter der Deutschen Gedichte, die Drollingerische Muse,
Eingang zu Königs Gedicht auf das Lager und seine drei Elegien mit den Titeln Trauer eines
Vaters, Die gerechtfertige Trauer und Das Mitleiden des Leidenden neben Bodmers Ekloga mit dem
Titel Die Entzauberung und der Schrift An Philokles zusammen in einem Band gedruckt worden.
Die Anrede an die Kritik (Critica) im Critischen Lobgedicht Charakter der Deutschen Gedichte ist
eine Variation der Anrufung an die Muse, die in der Einleitung der Odyssee überliefert ist:
Auch Deutsche koennen sich auf den Parnassus schwingen,
Und nach des Suedens Kunst geschickt und feurig singen.
Erzaehle, Critica, der Dichter lange Reih,
Die Deutschland auferzog: Doch laß nicht Schmeicheley
Und falsche Hoeflichkeit die bloede Feder führen.
Erzähle nicht mir die, so Deutschland herrlich zieren,
Erzähl auch jene Schaar, die einsichtlos und schwach,
Der Schoenheit Spur verfehlt´ und ihr Geseze brach. (334)
Die Ode ist eine lyrische Gattung mit Motiven des Wettstreits der Nationen. Als Dichtung mit
diesen Motiven ist die Ode bereits in der Lyrik der Antike anzutreffen. Die von Pindar aus Anlaß
öffentlicher Feste und Wettkämpfe verfaßte Lyrik ist aufschlußreich für Motive der Kritik dieser
Literatur. Pindars Beitrag zur Überlieferung von Begriffen zur Kritik ist mit den Worten
     und
     in seinen Oden gesichert. Das Lexicon Pindaricum vermerkt zum Wort
     die
Übersetzungen als Urteil (iudicium) und Unterscheidung (discrimen) mit dem Verweis auf die
Stellen der Oden Olympia, Pythia und Nemea. Mit dem Verweis auf seine Oden Pythia und Isthmia
werden das Adjektiv und Substantiv     
mit Wahl (electus), Auswahl (selectus) und
ausgezeichnet (egregius) von Johannes Rumpel in die lateinische Sprache übersetzt. (335) Der
Wettstreit der Kritiker gelangt in Deutschland im 18. Jahrhundert zusammen mit einem
Instrumentarium von Begriffen der Kritik in Übersetzungen von englischen Autoren nach
Deutschland. Bodmers Trauerspiel Gottsched oder der parodierte Cato aus dem Jahre 1765 ist ein
Parodie auf seinen Zeitgenossen. Diesen Abschnitt der Theorie der Kritik in der deutschen Sprache
an der Poetik bestimmt in der Aufklärung der Wettstreit zwischen Bodmer und Breitinger in der
Schweiz und Gottsched in Deutschland.
Johann Heinrich Gleim verfaßt in Halle unter dem Titel Der erste Criticus für den Teutschen
Merkur ein Gedicht, in dem er wie Milton in seinem Epos Paradise lost die Engel als Figuren aus der
Bibel verwendet. In dem Gedicht Tapp, der Kunstrichter stellt Gleim dem Kunstrichter einen Teufel
gegenüber, der die Dummheit des Tapp beklagt:
Der erste Criticus
Als Gott der Schoepfer fertig war
Mit Geister- und mit Koerper-Schaar,
Und seine Welten ihren Tanz
Schon tanzten seine Sonnen schon
Zwar Erden, aber keinen Thron
Beleuchteten mit ihrem Glanz,
Schon Meere braßten, Stuerme tobten,
Und er mit Vaterblick auf alles niedersah,
Und alles, alles waere gut,
Zu seinen Geistern sage: - Da,
Da sezte seinen neuen Hut
Ein Engelchen zurecht auf seinem Ohr,
und schoß aus seinem Engelchor
Auf einen leeren Platz hervor,
Stand auf dem Platz, sah zu Gott hinauf,
Und sagte: "Mit Erlaubniß, waere wohl
Dem Pferde, welches seinen Lauf,
Als wie der Vogel flieget, fliegen soll,
Der Fuß so recht? Und waere wohl
Zu seinem Sprung und seinem Gang
Dem Affen nicht der Schwanz zu lang?"
was drauf erfolgt, wissen wir!
Den Affenschwanz, den Pferdefuß,
Bekam zu seiner schoenen Zier
Das Engelchen, der erste Criticus. (336)
|
Tapp, der Kunstrichter
Der Teufel kam mit Horn und Pferdefuß,
Und fuhr in Tapp den Criticus,
Und saß darinn, und sah ihn schreiben
Und als er nun darin saß,
Und die geschriebne Dummheit las,
Da wollt´ er nicht darinnen bleiben.
Ha! welche Qualen steh ich aus!
Die aber ist nicht auszustehen,
Sprach er zu Tapp, und fuhr heraus,
Und Tapp der sah ihn vor sich stehen.
Tapp betete; der Teufel brummte: Tropf,
Du betest dumm! Tapp war in Hoellennoethen.
Der Teufel, zornig schmiß ein Buch an den Kopf;
Es waren die Antiquitaeten.
Tapp betete; der Teufel sagte: Tapp!
Da steh mir starr auf dieser heißen Stelle
Zehntausend Jahr´, und bitte Dummheit ab,
Und werde klueger für die Hoelle.
Tapp stand; und ach, des armen Tropfs!
Er thut, was Teufel ihm befohlen.
Und alle Suenden seines Kopfes
Sind unter seinen Fueßen Kohlen.
Zehntausend Jahr, Herr Teufel? ach, halb ab!
Der Criticus, der arme Tropf, Herr Tapp,
Hat Bosheit nicht, hat Dummheit nur geschrieben!
Nichts, sagte da der Teufel, nichts halb ab!
Und kurz: es ist dabey geblieben. (337)
|
In dem Gedicht To Milton wird nach der Anrufung an den Dichter und dem Ausruf des Wortes
democracy für die Herrschaft des Volkes in einer Beschreibung des Zeitalters (age), das sich unter
mimischen Spiel veränderte (changed unto a mimic play) dargestellt, der Geist (spirit) des Dichters
der Gegenwart von Oscar Wilde gegenübergestellt:
To Milton
MILTON! I think thy spirit hath passed away
From these white cliffs and highembattled towers;
This gorgeous fiery-coloured world of ours
Seems fallen into ashes dull and grey,
and the age changed unto a mimic play
Wherein we waste our else too-crowned hours:
For all our pomp and pageantry and powers
|
We are but fit to delve the common clay,
Seeing this little isle on which we stand,
This England, this sea-lion of the sea,
By ignorant demagogoues is held in fee,
Who love her not: Dear God! is this the land
Which bare a triple empire in her hand
When Cromwell spake the word Democracy!
(338)
|
334. Bodmer, Johann Jakob: Charakter der Deutschen Gedichte. In: J. J. B. Critische Lobgedichte und
Elegien. Von J[ohann] G[eorg] S[chuldheiß] besorgt. Zürich 1747. S. 17-62. Zitat S. 17.
Vgl. auch den Abschnitt Kritik und Dissoziierung der normativ-systematischen Gattungspoetik über
Bodmer und Breitinger. In: Scherpe, Klaus R.: Gattungs-poetik im 18. Jahrhundert. Historische
Entwicklung von Gottsched bis Herder. Stuttgart 1968. S. 169-259.
335. Lexicon Pindaricum. Composuit Iohannes Rumpel. Hildesheim 1991. S. 261.
336. In: Der Teutsche Merkur. Bd. 2. 1775. S. 201-202.
337. In: Der Teutsche Merkur. Bd. 2. 1775. S. 202-203.
338. Wilde, Oscar: Poems. 1892. New York 1995. S. 11.
Vgl. auch Addison, Joseph: A glossary explaining the antiquated and difficult words in Milton´s poetical
works. In: The poetical Works of John Milton from the text of Dr. Newton in four volumes with the life of
the author, and a critique by Jo-seph Addison, ESQ. Vol. IV. Edinburg 1776. S. 167-212.
|
|