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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.1.3 Themen und Motive der Kritik von Gedichten aus Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert

Gedichte mit dem Motiv Kritik sind eine Form von Publikationen im Kritikerstreit. Diese Gedichte mit bewertenden Funktionen nutzen die Tätigkeit von Kritikern in Journalen im 18. Jahrhundert als Motive. Derartige Gedichte, in denen die Kritik und ihre Vertreter beschrieben werden, sind Dokumente über die gesellschaftlichen Aufgaben des Kritikers. Eigenlob und Selbstkritik sind hier die Eigenschaften, mit denen die Kritiker der Gegenwart nicht mehr dem Katalog Tugenden nachzukommen. Im 18. Jahrhundert finden sich Motive für den Criticus und Kunstrichter in Abraham Gotthold Kästners Kästner beschreibt in seinem vierzeiligen Epigramm An die Feinde eines unbekannten Kunstrichters den Bösen Criticus. Kästners Epigramm Anonymität des Recensenten bewertet diesen Berufsstand anonymer Autoren als verwegen und heuchlerisch:

An die Feinde eines unbekannten Kunstrichters

Den Boesen Criticus doch einmal zu entdecken,
Bemueht Ihr Euch, und mit vergebner Wuth;
Vergoennt ihm nur, sich immer zu verstecken,
Das ist das Kluegste, was er thut.
(349)
A. Verwegen, weil er sich nicht nennt,
schmaeht heuchlerisch der Recensent.
B.
Und musst´er sich auch nennen,
Wer wird den Namen kennen!
(350)

Die Selbstkritik in Form eines Kommentars für die Einleitung des Autors zur seiner Dichtung wird von Verfassern als biographisches Element in ihren Werken genutzt. Die Kritik am eigenen Werk des Dichters ist auch in Form seiner Gedichte zu finden. Die Selbstkritik des Dramatikers Friedrich Hebbel ist ein Beispiel für die Kritik an den eigenen Werken in seiner Klage über die Gegenwart. In Hebbels Gedicht Meine Neuen Gedichte wird mit dem Verzicht auf den Kranz von Blumen auch auf den Verzicht einer Ehrung seines Werkes hingewiesen.

Selbstkritik meiner Dramen

Zu moralisch sind sie!
Für ihre sittliche Strenge
Stehn wir dem Paradies
leider schon lange zu fern,
Und dem Jüngsten Gericht
mit seinen verzehrenden Flammen
Noch nicht nahe genug.
Reuig bekenn ich euch dies. (351)
Meine Neuen Gedichte

Blumen will ich nicht mehr!
So rief ich und hätte die Keime
Mit dem erquetschenden Stein
gerne für immer erstickt.
Aber die spannen die Wurzeln
gelasssen weiter und schlingen
Um ihn nun als Kranz
farbig und frisch sich herum.
(352)

Adolph Freiherr von Knigge beschreibt die Wirkungen zwischen Schriftsteller und Leser als eine schriftliche Unterredung mit der Leserwelt: "Man soll es also dem Schriftsteller nicht übel ausdeuten, wenn er [...] etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben soll, seine eigenen Produkte zu beurtheilen [...]." (353) Im Vorwort vom Juli 1790 zu seiner Geschichte des armen Herrn von Mildenberg schreibt er in Hinblick auf die Aufnahme seines Werkes beim Publicum und den Herrn Kunstrichtern über die Beurtheilung von Literatur: "In wie fern es mir aber damit gelungen ist, das muß ich der Beurtheilung des Publicums ueberlassen, dem ich nur die Rechenschaft schuldig zu seyn glaubte, daß, wenn meine Arbeit nicht ganz seines Beyfalls, werth ist, ich wenigstens nicht ohne alle Ueberlegung so und nicht anders geschrieben habe." (354) Zum Lob des Kritikers werden seine Tugenden in Form von Anrufungen an den Kritiker verbreitet. Derartige Tugenden sind in dem Gedicht An einen Kunstrichter beschrieben, in dem die Begriffe Kraft, Mühe und Qual den Geist des Dichters in einer Aufforderung darstellen: "Stell´s dar, und wandle frey auf nie betretner Spur!-" lautet seine Aufforderung an die Wahrheit als eine Muse des Dichters. Das Gedicht beschreibt die Tugenden und Laster des Kritikers mit Hinweisen, wie er sich zu verhalten habe:

An einen Kunstrichter
Ward Kraft und Genius dir angeboren,
Und modelst doch an dir mit Müh und Qual?
Aus deinem Innern nimm dein Ideal,
Sonst geht dein Selbst an einen Traum verloren.
Den Geist des Dichters adelt die Natur.
Bist du´s, so hemme nichts, was in dir wogt und lodert;
Stell´s dar, und wandle frey auf nie betretner Spur!-
Doch wenn die Kunst Vollendung fordert,
So gib sie auf! Die ziemt den Göttern nur.
Natur ist Eins und Alles. Du erkennst
Die Himmlische nur träumend; darum wähnt
Dein grübelnder Verstand, daß du ihr Werk verschönt
Im Werke deines Hirnes spiegeln könntest.
Durchforsch´ in stiller Einfalt dieses All;
Durchforsche, meistere nicht! Und faß in deinen Busen
Der Dinge reines Bild! Die göttlichste der Musen
Ist Wahrheit. Ohne sie ist dein Gedicht nur Schall.
Die Rede gab uns eine weise Güte
Zum Bande der Liebe; Mittheilung im Schmerz
Und Mittheilung in Wonne heischt das Herz,
Und Dichtkunst ist der Rede Duft und Blüthe.
Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt,
Der atm´es aus und frage keinen Richter,
Und wisse dann, er sey´s, nicht der sey Dichter,
Deß weiser Kopf Gefühle mißt und wägt.
(355)

Zurück zum Text  349. Kästner, Abraham Gotthold: Epigramme. Heilbronn 1820. S. 77.

Zurück zum Text  350. Kästner: Epigramme. 1820. S. 77.

Zurück zum Text  351. Hebbel, Friedrich: Werke. Dritter Band. München 1965. S. 124.

Zurück zum Text  352. Hebbel: Werke. 1965. S. 125.

Zurück zum Text  353. Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Herausgegeben von Gert Ueding. Frankfurt am Main 1977. S. 401.

Zurück zum Text  354. Knigge, Adolph: Geschichte des armen Herrn von Mildenburg. Dritter und letzter Theil. Hannover 1790. O. S. [S. 3 und 14].

Zurück zum Text  355. Fambach, Oscar: Ein Jahrhundert deutscher Literaturkritik (1750-1850). Ein Lesebuch und Studienwerk. Band III. Der Aufstieg zur Klassik in der Kritik der Zeit. Die wesentlichen und die umstrittenen Rezensionen aus der periodischen Literatur von 1750-1795. Begleitet von den Stimmen der Umwelt. In Einzel-darstellungen. Berlin 1959. S. 468.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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