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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Die Unterweisung des Kritikers ist in Christian Morgensterns Gedicht Einigen Kritikern mit der Warnung vor Verschwendung des Besten leichten Sinns beschrieben.

Einigen Kritikern
Laßt bei diesem Kot und Stroh
endlich es bewenden;
müßt nicht euer Bestes so
leichten Sinns verschwenden!
(356)

Die Dichtung dient als Form der Kritik auch im 19. Jahrhundert. Das Gedicht Der Strafredner aus der Sammlung Wanderung von Friedrich Rückert behandelt eine Strafrede im Orient, in der sich der geistlich´ Strafredner Iman äußert. Auch in einem anderen Gedicht Rückerts ohne Titel wird das Bild des siebenköpf´gen Drachens der Kritik als Metapher für die sieben freien Künste genutzt, denen es recht zu machen gilt.

Der Strafredner

Der Imam Dschafer Bn Mohammed
Trat ein zu Harum al Raschid
Und fand von Zorn ihn übermeistert,
Von Leidenschaft bewältiget.
Da sprach er: "Fürst der Gläubigen,
Wenn du für Gott den Höchsten eiferst,
so eifre doch nicht eifriger
Für ihn, als für dich selbst er eifert,
Er hat den Eifer seines Zornes
Gesetzt die Grenzen seiner Huld,
Die er nicht überschreiten will,
Noch will, daß du sie überschreitest.
Er gab die Welt in deine Hand;
Gedenke, wie sie vor dir stehet,
Dahingegen deiner Macht,
So wirst du selber stehn vor ihm,
Der seinigen dahingegeben;
Und wie du über ihr Vergehn
Zur Rede deine Diener setzest,
So wird er selbst auch zur Rede
Dich setzen über deine Diener,
Die seine Diener sind wie du."
(357)
Kritik

Diesem siebenköpf´gen Drachen
Der Kritik es recht zu machen,
Dem verzweifelten Geschäfte
Unterliegen Zauberkräfte.

Wirst du hier ein Haupt besiegen,
Es in trunknen Taumel wiegen,
Daß die Augen freundlich blitzen,
Wird ein andres an dich grinzen.

Doch euch es recht zu machen, ihr Herrn,
Darauf verzichten wollt´ ich gern,
Hätt´ ich es nur so weit gebracht,
Daß ich mir selbst es recht gemacht.
(358)

Nikolaus Lenau beschreibt in dem Gedicht Einem kritischem Nachtarbeiter den Charakter von Kritikern. Die ironische Belehrung des kritischen Nachtarbeiters, dessen Leid beim richten für die welt in einer Klage dargestellt wird, beschreibt der zu beurteilende Dichter. Das Gedicht Ein Rezensent greift mit dem Ausdruck scharte Witze die argutia-Lehre von den Witzen in der Rhetorik des Barockzeitalters auf:

Einem kritischem Nachtarbeiter

Weil ein Wort der Diätik
Besser noch mir mag gelingen,
Als ein Wort dir der Ästhetik
Will ich einen Rat dir bringen.

Hast du auf des Tages Bahnen
Müd gelaufen deine Glieder,
Zupft mit wohlgemeintem Mahnen
Dir der Schlaf die Augenlieder:

Wolle nicht, hinüberduselnd,
Für die Welt geschwind noch richten,
Hegelisch-ästhetisch nuselnd,
Was du nicht verstehst, mein Dichten;

Schlage nicht das Haupt vom Rumpfe
Meinem Werke mit plumpen Scherzen,
Schnell, beim letzen Flackerstumpfe
Deiner abgebrannten Kerzen.
Denn dir leuchten zum Erkennen
Keine hellen Kunstgestirne;
Armer Kauz, du scheinst zu brennen
Talg im Leuchter und Gehirne.


Darum halte dich geschieden
Von den kritischen Bezirken,
Leg aufs Ohr dich, gönn dir Frieden
Dein Beruf ist Werkelwirken.
(359)






Ein Rezensent

Ich las in seinem Buche viel Frivoles,
Scheinbar Verständiges und witzig Hohles,
Ich sah ihn seine Richtermiene schneiden,
Ich sah ihm führen spitze Lanzetten,
Mit ekler Lust Skandale auszuweiden,
Heliogabaläisch Formen kneten.
Ich sah ihn Unrat sammeln in Retorten,
Er sublimierte ihn zu scharfen Witzen,
Am Boden blieb er nach schnellverdampften Worten
Als ´Caput mortuum´ die Ehre sitzen.
(360)

Wilhelm Busch ironisiert mit der Übernahme von Tugenden aus der theoretischen Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Gedicht aus Buschs Werk Kritik des Gefühls ist im Jahre 1874 ein Beispiel für das Motiv Selbstkritik. Ein Beispiel für die Dichtung über den Wert der guten Bücher ist im 20. Jahrhundert die Klage über die Dekorationen von Joachim Ringelnatz. Ringelnatz verwendet in seinem Gedicht Die guten Bücher reden eine Beschreibung der Bücher in einer Anrede an die Lesenden mit dem Hinweis auf eine Kritik von Gehirn und Herz:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetz den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es den zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
(361)
Die guten Bücher reden

Wir sind euch nur bedruckte Tücher,
Zimmer- und Seelen-Dekorationen.
Wir möchten gern bei euch einwohnen;
wir würden euch gern Lebensbücher.

Von der Kritik erwäge zwei Gehirn!
Das stärkere darf den Vortag halten.
Es kann ein Strick hier Tau sein und dort Zwirn.
Auch ist das Herz nicht auszuschalten.
(362)

Zurück zum Text  356. Morgenstern, Christian: Epigramme und Sprüche. München 1922. S. 13.

Zurück zum Text  357. Rückert, Friedrich: Werke. Vierter Teil. Wanderung. Herausgegeben von Elsa Hertzer. Mit einer Einleitung versehen von Edgar Gros. Berlin 1910. S. 194.

Zurück zum Text  358. Rückert: Werke. 1910. S. 23.

Zurück zum Text  359. Lenau, Nikolaus: Sämtliche Werke und Briefe. In zwei Bänden. Erster Band. Gedichte und Versepen. Frankfurt am Main. 1971. S. 479-480.

Zurück zum Text  360. Lenau. Sämtliche Werke und Briefe. 1971. S. 479.

Zurück zum Text  361. Busch, Wilhelm: Kritik des Gefühls. In: Wilhelm Busch. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Bd. 2. Herausgegeben von Friedrich Bohne. Wiesbaden-Berlin. 1960. S. 496.

Zurück zum Text  362. Ringelnatz, Joachim: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 2. Gedichte 2. Berlin 1985. S. 47.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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