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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.1.5 Prosagattungen der Kritik I: Charakteristiken von Autoren, Künstlern und Kritikern

Johann Wolfgang Goethes Studien zu Charakteren authentischer Personen dokumentieren seine Briefe über Zeitgenossen. So schreibt Goethe an August Wilhelm Schlegel aus Weimar am 16. Dezember 1824 über Kritik und Technik seiner Studien zur indischen Sprache: "Das folgenreiche Gelingen jeden Unternehmens, dem Sie Ihre Tätigkeit widmen möchten, war mir niemals zweifelhaft und so bin ich auch Ihren Bemühungen in der indischen Literatur mit Anteil, wenn auch nur von ferne gefolgt, und freue mich zu sehen wie auch hier die Kritik und Technik dem belebenden Genius willfährig die Hand reichen." (373) Goethe verwendet für die Kennzeichnung von Kritik verschiedene Gestalten in seinen Prosaschriften und Versdichtung. Neben ihren weiblichen Allegorien in poetischen Schriften ist insbesondere seine Beschreibung Johann Heinrich Mercks für die Darstellung eines gegenwärtigen Kritikers in der Literatur aufschlußreich. Das Verhältnis der Nachahmung zwischen Dichtkunst und ihrer Kritik veranschaulichen die allegorischen Gestalten Ate und Frau Kritik. Auf die Grenzen von Möglichkeiten der Nachahmung von Kritik gegenüber der Kunst verweist Goethe in den beiden Sentenzen "Keine Nation hat eine Kritik als in der Maße, wie sie vorzügliche, tüchtige und vortreffliche Werke besitzt." (374) und "Die Kritik erscheint wie Ate: sie verfolgt die Autoren, aber hinkend." (375) In dem Gedicht Neueröffnetes moralisch-politisches Puppenspiel dient ihm bei der Beschreibung einer städtischen Gesellschaft des Orients für die allegorische poetische Charakterisierung eine Personifizierung der Frau Kritik, die "mit großer Lust" und "großem Glück" ein Serail besitzt, in dem "ein jeder, er sei groß und klein, sehr willkommen" ist:

Mit großer Lust und großem Glück
Hält ihr Serail hier Frau Kritik.
Ein jeder, er sei groß und klein,
Wird ihr gar sehr willkommen sein
. (376)

Die verschiedenen literarischen Gattungen unter den Charakteristiken mit dem Thema Kritik aus dem 18. Jahrhundert bezeugen ihren zu dieser Zeit vorhandenen Reichtum an Formen innerhalb der deutschsprachigen Literatur. Innerhalb der literarischen Formen der Charakterisierung sind im letzten Drittel dieses Jahrhunderts Werke von Künstlern und Dichtern mit Bezeichnungen wie Charakteristiken für die in Prosa und Versdichtung verfaßten Beschreibungen von Kritikern zu finden. Der Anteil verschiedener Gattungen an Charakteristiken über die Kritik spiegelt sich insbesondere in Briefen aus dieser Zeit wider. Am 20. Dezember des Jahres 1773 findet sich in Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern ein Vermerk über eine Allegorie vom Zustand der Kritik: "Vielleicht ließe sich keine üble Allegorie auf den gegenwärtigen Zustand der Kritik machen, wenn man Gärten so nähme wie Swift Kleider in Märgen von der Tonne." (377) Lichtenbergs Bericht von den über die Abhandlung Über Physiognomik; wider die Physiognomen entstandenen Streitigkeiten behandelt diese Lehren, die Studien von Charakteren sind. Unter den deutschsprachigen Beiträgen zu diesem Thema der Literatur gewähren wissenschaftliche Abhandlungen, Briefe und Dichtungen mit poetischen Beschreibungen von Personen einen Überblick über den zeitgenössischen Formenreichtum an Beurteilungen von Menschen. Die Schriften von Goethe über Merck sind Beispiele für die Gattungsverwandtschaft und biographischen Verflechtungen von verschiedenen Disziplinen wie der zeitgenössischen Lehre von Dichtkunst und Redekunst in Briefen, die als Charakteristiken und ihnen verwandten charakterisierenden Beschreibungen gestaltet wurden.

Goethes Beschreibungen von Merck sind Studien über den für den Teutschen Merkur tätigen Autor, Kommentator und Dichter. Nach Angaben Goethes über das Jahr 1771 fand ein Treffen zwischen Merck und ihm unmittelbar nach Goethes Promotion am 6. August nach seiner Rückkehr von Frankfurt in Darmstadt statt, auf das sich im darauffolgenden Jahre eine Zusammenarbeit mit Merck für die Veröffentlichung der Werke Werther und Götz von Berlichingen im Selbstverlag anschloß. (378) Hinsichtlich der Form von Beschreibungen der physiognomischen Gestalt und des Charakters Mercks weisen Goethes Charakteristiken Eigenschaften verschiedener literarischer Gattungen auf. Goethes in Prosa verfaßte Schriften zur Charakteristik Mercks umfassen neben Beschreibungen des biographischen Werdegangs, Körpers und Charakters die Bewertung seines literarischen Werkes. So waren Goethe als biographische Daten aus dem Leben Mercks seine Ausbildung in Göttingen und die Ausbildung und Begleitung eines Jünglings in die Schweiz bekannt, aus der er nach seiner Heirat zurückkam und das Amt eines Kriegszahlmeisters in Darmstadt annahm. (379) Merck wird in seiner Darstellung des Charakter[s] nach seinen Eindrücken während des Aufenthalts in Darmstadt als eigner Mann mit Verstand und Geist und sehr schöne[n] Kenntnisse[n], besonders der neueren Literaturen und der Fähigkeit, sich in der Welt- und Menschengeschichte nach allen Zeiten und Gegenden umgesehn zu haben, beschrieben. Mercks Vermögen, treffend und scharf zu urtheilen und seine Erscheinung als ein sehr angenehmer Gesellschafter für die, denen er sich durch beißende Züge nicht furchtbar gemacht hatte, gehören zu der Beschreibung des Verhaltens Mercks. (380)

Neben einer Beschreibung der Kritik in Prosaform ergänzen poetische Briefe das Bild von den seitens Goethe seinem Mentor zugesprochenen Charaktereigenschaften. In seiner Korrespondenz mit Merck, aus deren an Merck gerichteten erhaltenen Briefen die Anrede "lieber Alter" Zeugnis von den Sympathien und freundschaftlichen Gefühlen des jungen Goethe für Merck ablegt, verweisen seine Ermahnungen wie "ehr", "erkenne" und "fühle" auf die literarischen Ausdrücke der Nähe zwischen dem charakterisierenden Goethe und dem Kritikers Merck. Die zeitgenössischen Autoren werden bei Erörterungen ihrer Werke aus der bildenden Kunst und Literatur von Goethe in ironischer Distanz mit den Bezeichnungen Kritikaster und Philister in seinem Brief an Merck in zwei Gedichten beschrieben. Unter den Charakterisierungen von zeitgenössischer Kritik befindet sich in diesen Briefen als Ergänzungen des weiblichen Pendants in poetischen Allegorien an Merck die Charakteristik des Malers und Schriftstellers in ermahnend-aufmunterndem Tonfall.

Nimm"s, lieber Alter, auf dein Knie
Und denke mein wenn"s um dich schwebt
Wie es in Sympathien hie
Um mein verschwirbelt Hirnchen lebt.
Geb" Gott dir Lieb" zu deinem Pantoffel,
Ehr" jede krüppliche Kartoffel,
Erkenne jedes Dings Gestalt,
Sein Leid und Freud", Ruh und Gewalt,
Und fühle wie die ganze Welt
Der große Himmel zusammen hält.
Dann du ein Zeichner, Colorist,
Haltungs und Ausdrucks Meister bist.[...]
(381)
Und können wir nicht tragen mehr
Krebs, Panzerhemd, Helm, Schwert und Speer,
Und erliegen darunter todt
Wie Ameis unter"m Schollenkoth,
So ist doch immer unser Muth
Wahrhaftig wahr und bieder gut.
Und allen Perrückeurs und Fratzen
Und allen litterar"schen Katzen
Und Räthen, Schreibern, Maidels, Kindern
Und wissenschaftlich schönen Sündern
Sei Trotz und Hohn gesprochen hier
Und Haß und Ärger für und für.
Weisen wir so diesen Philistern,
Kritikastern und ihren Geschwistern
Wohl ein jeder aus seinem Haus
Seinen zum Fenster hinaus.
(382)

Eine Gestalt, die Goethe in der Dichtung dem Kritiker gegenübersteht, ist der Dogmatiker im Drama Faust, der durch das Vermögen ausgezeichnet ist, sich Kritik und Zweifel zu widersetzen:

Ich lasse mich nicht irre schrein,
Nicht durch Kritik noch Zweifel.
Der Teufel muß doch etwas sein;
Wie gäb"s denn sonst auch Teufel?
(383)

Zurück zum Text  373. Goethe, Johann Wolfgang: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. 28. August 1949. Band 21. Herausgegeben von Ernst Beutler. Zürich 1949. S. 617-618.

Zurück zum Text  374. Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 42. Weimar 1907. S. 246.

Zurück zum Text  375. Goethes Werke. Bd. 42. 1907. S. 246.

Zurück zum Text  376. Goethes Werke. Bd. I, 16. 1894. S. 47-48.

Zurück zum Text  377. Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Erster Band. Sudelbücher I. Herausgegeben von Wolfgang Promies. München 1968. S. 264-266. Zitat S. 264.

Zurück zum Text  378. Goethe: Werke. Bd. 28. 1890. S. 71.

Zurück zum Text  379. Goethe: Werke. Bd. 28. 1890. S. 95.

Zurück zum Text  380. Goethe: Werke. Bd. 28. 1890. S. 95.

Zurück zum Text  381. Goethe: Werke. Bd. I. 14. 1894. S. 195.

Zurück zum Text  382. Goethe: Werke. Bd. I, 14. 1894. S. 196-197.

Zurück zum Text  383. Goethe: Werke. Bd. 14. 1887. S. 220.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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