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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Die Stellung der Kritik in der Literatur der Gegenwart behandelt Goethe in biographischen Schriften. So beschreibt er in seinem Urtheil über den Zustand der deutschen Literatur in seiner Jugend, daß "so vieles und Ausreichendes geschrieben worden" ist, daß "wohl jedermann, der einigen Antheil hieran nimmt, vollkommen unterrichtet sein kann; wie denn auch das Urtheil darüber wohl ziemlich übereinstimmen dürfte". Bei der Gegenüberstellung von Bürger und Autor mit Vertretern der Satire und Kritik wird der Zustand der Literatur in Deutschland während seiner Studienzeit dargestellt. Goethe bezeichnet Satire und Kritik als die Erbfeinde des Publicums in der Gesellschaft der Bürger und Autoren:

"Ich will deßhalb zuerst von solchen Dingen sprechen, durch welche das Publicum besonders aufgeregt wird, von den beiden Erbfeinden alles behaglichen Lebens und aller heiteren, selbstgenügsamen, lebendigen Dichtkunst: von der Satire und der Kritik. In ruhigen Zeiten will jeder nach seiner Weise leben, der Bürger sein Gewerb, sein Geschäft treiben und sich nachher vergnügen: so mag auch der Schriftsteller gern etwas verfassen, seine Arbeiten bekannt machen, und wo nicht Lohn doch Lob dafür hoffen, weil er glaubt, etwas Gutes und Nützliches gethan zu haben. In dieser Ruhe wird der Bürger durch den Satiriker, der Autor durch den Kritiker gestört, und so die friedliche Gesellschaft in eine unangenehme Bewegung gesetzt." (384)

Unter den Formen von Kritik zur Dichtung nennt Goethe theoretische Versuche, für deren Ausbildung und Lehre die Ars poetica des Horaz und Gottscheds Kritische Dichtkunst als vorbildlich galten. Hinsichtlich des Unwissens von einem höchsten Princip der Kunst in dieser Zeit äußert sich Goethe über den Nutzen von Lehrschriften mit der Bemerkung, daß bei der Ausbildung zum Dichter mit der Methode von Abschrift, Sammlung und Lesung von Gedichten sein Interesse darin bestand, durch die Dichtung erquickt und erfreut zu werden. Über seine Ausbildung durch das Studium von Quellen der Literaturgeschichte wie den als beliebte Lehrschriften geltenden Oden und Elegien von Klopstock notiert er, daß für die poetischen Formen als Vorbilder authentische Personen, die im 18. Jahrhundert lebten, zu finden sind:

"Nun zur Kritik! und zwar vorerst zu den theoretischen Versuchen. Wir holen nicht zu weit aus, wenn wir sagen, daß damals das Ideelle sich aus der Welt in die Religion geflüchtet hatte, ja sogar in der Sittenlehre kaum zum Vorschein kam; von einem höchsten Princip der Kunst hatte niemand eine Ahnung. Man gab uns Gottscheds kritische Dichtkunst in die Hände; sie war brauchbar und belehrend genug: denn sie überlieferte von allen Dichtungsarten eine historische Kenntniß, so wie vom Rhythmus und den verschiedenen Bewegungen desselben; das poetische Genie ward vorausgesetzt! Übrigens aber sollte der Dichter Kenntnisse haben, ja gelehrt sein, er sollte Geschmack besitzen, und was dergleichen mehr war. Man wies uns zuletzt auf Horazens Dichtkunst; wir staunten einzelne Goldsprüche dieses unschätzbaren Werks mit Ehrfurcht an, wußten aber nicht im geringsten, was wir mit dem Ganzen machen, noch wie wir es nutzen sollte." (385) Die Formen von Kritik zur Literatur und bildenden Kunst werden von Goethe beobachtet und kommentiert. Goethe hat im Vorwort seine Übersetzung der Schrift Versuch über die Malerei von Denis Diderot die Auswirkungen der Kritik hervorgehoben. Welche Wirkungen ein bloßes Nachahmen kunstkritischer Urteile hervorruft, beschreibt Goethe am Fall von Diderot. Die Gegenwart ist durch Nachfolger der Revolution der Künste, "welche er hauptsächlich mit bewirken half," gekennzeichnet, die auf der breiten Fläche des Dilettantismus und der Pfuscherei zwischen Kunst und Natur wirken. (386) Von Friedrich Karl Julius Schütz erscheint im Jahre 1818 die Schrift Gebührende Rüge einer ungebührlichen Recension betreffend die Allgemeine Encyklopedie von Ersch und Gruber mit einem Anhang von Denksprüchen über das Recensionswesen von Göthe als ein Beitrag zu einer Kritik und Charakteristik der Jenaischen Literatur-Zeitung und ihres Redacteurs. Die Schriftensammlung Göthe"s Ideen über Religion, Moral, Politik und Geschichte, Literatur, Sprache und Kritik wird im Jahre 1825 gedruckt. Die Äesthetischen Vorlesungen über Göthe"s Faust werden als Beitrag zur Anerkennung wissenschaftlicher Kunstbeurtheilung von Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs im Jahre 1825 herausgegeben. Karl Ernst Schubarths und Friedrich A. Rauchs Vorlesungen über Goethes Faust, und die Abhndlung Critik und Erläuterung des Goetheschen Faust von Christian Hermann Weiße sind Friedrich Theodor Vischers Abhandlung Göthes Faust angefügt. (387) Wilhelm von Humboldts Schrift Ueber Goethe´s zweiten Römischen Aufenthalt erscheint in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik im Jahre 1830.

Die Textkritik an Goethes Werk setzt nach Vischers Kritischen Gängen aus dem Jahre 1844 mit der Abhandlung Zur Kritik früherer Poesie ein, die Literatur zu Goethes Faust als Commentare klassizifiert, in der das Werk als ein dunkles Gedicht bezeichnet wird. Die Schrift Faust mit dem Untertitel Der Tragödie dritter Theil. Treu im Geiste des zweiten Theils des Göthischen Faust wird von Vischer unter seinem Pseudonym Deutobald Symbolozetti Allegoriowitsch Mystifizinsky veröffentlicht. Vischers Schrift Göthe´s Faust sind neue Beiträge zur Kritik über die Ursachen des Gedichts, die im Jahre 1875 veröffentlicht werden. Der erste Abschnitt behandelt die lange Säumnis und ihre Ursachen, die Zeitstrecke der Entstehung und den Stylwechsel als die erste Ursache der Verzögerung, die philosophische Schwierigkeit als die zweite Ursache, die Schwierigkeit der politischen Aufgabe für Göthe als die dritte Ursache und die rein subjektive Schwierigkeit als die vierte Ursache. Vischer notiert zur Beschreibung der Wirkung Goethes auf seine Zeitgenossen den Begriff unkritischer Cultus: "Es ist Göthes wie Shakespeares Schicksal gewesen, daß die Kritik das Ungeschick beging, falsche Maßstäbe anzulegen und daß, als diese zurückgewiesen waren, ein unkritischer Cultus an ihre Stelle trat, der nun von einer solchen Mehrheit getrieben wird, daß nur vereinzelt und halbversteckt die Angriffe sich noch hervorwagen." (388) Der Briefwechsel zwischen David Friedrich Strauß und Theodor Vischer behandelt die Schrift Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte. Eine Kritik des Schleiermacher´schen Lebens Jesu von David Friedrich Strauß, die in Berlin im Jahre 1865 erscheint.

Robert Springer veröffentlicht seine Sammlung Essays zur Kritik und Philosophie, in der er sich in dem Essay Kritik der Goethe´schen Texte der Bibliographie und Textkritik diesem Autor zuwendet. (389) Springers Arbeit aus dem Jahre 1885 ist in Essays zur Kritik und Philosophie und Essays zur Goethe-Litteratur gegliedert. Eine Rede von Thomas Mann zum Thema Goethe´s Laufbahn als Schriftsteller wird im Jahre 1932 gedruckt. Mann behandelt auch Goethes Figuren Faust und Werther in Drucken aus den Jahren 1939 und 1941 und verfaßt schließlich die Phantasie über Goethe im Jahre 1948. Mann erwähnt in der Abhandlung Kritik und Schaffen, die erstmals im Oktober des Jahres 1896 in der Zeitschrift Das 20. Jahrhundert erschien, das Ende des Kritikers als Richter und den Beginn seiner Tätigkeit als Erklärer durch den Glauben an ein "Schönes an sich" mit dem Begriff Recht:

"Die Frage, ob der Künstler oder der Kritiker mehr Recht habe, auf den anderen herabzusehen, setzt ein feindschaftliches Verhältnis zwischen beiden voraus, das schlechterdings nicht besteht. Mit dem Dahinsinken des Glaubens an ein "Schönes an sich" hat der Kritiker aufgehört, ein Richter zu sein, und ist zur Erklärer geworden. Denn während dem Künstler die Gabe ward, seine Persönlichkeit in sich aufzunehmen, in fremden Persönlichkeiten zu verschwinden, durch sie die Welt zu sehen und aus ihnen heraus ihre Worte, ja das Entstehen ihrer Werke zu erklären. Der Künstler ist einseitig, wie jede starke Persönlichkeit; der Kritiker ist vielseitig, eben weil er keine Persönlichkeit ist, denn er ist jeden Tag eine neue." (390)

Zurück zum Text  384. Goethe: Werke. Bd. 27. 1889. S. 71.

Zurück zum Text  385. Goethe: Werke. Bd. 27. 1889. S. 76-77.

Zurück zum Text  386. Goethe, Johann Wolfgang: Diderots Versuch über die Malerei. Übersetzt und mit Anmerkungen begleitet. In: Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Schriften. Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Herausgegeben von Ernst Beutler. Bd. 13. Schriften zur Kunst. Zürich 1954. S. 203.

Zurück zum Text  387. Vischer, Friedrich Theodor: Kritische Gänge. Zweiter Band. Tübingen 1844. S. 49.

Zurück zum Text  388. Vischer, Friedrich Theodor: Göthe´s Faust. Neue Beiträge zur Kritik des Ge-dichts von Fried-rich Vischer. Neudruck der Ausgabe 1875. Osnabrück 1969. S. 37.

Zurück zum Text  389. Springer, Robert: Essays zur Kritik und Philosophie und zur Goethe-Litteratur. Minden 1885. S. 337-343. Zitat S. 337.

Zurück zum Text  390. Mann, Thomas: ´Kritik´ und Schaffen´. In: Thomas Mann. Essays. Band 1. Aus-gewählte Schriften zur Literatur. Begegnungen mit Dichtern und Dichtung. In Zu-sammenarbeit mit Hunter Hannum herausgegeben von Michael Mann. Fischer 1977. S. 370-373. Zitat S. 371.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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