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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.1.6 Prosagattungen der Kritik II: Verkörperungen in Novelle und Roman

Die Novelle ist eine Gattung mit Motiven der Kritik in der Moderne. In Anna Seghers in den Jahren 1957 bis 1958 niedergeschriebener Novelle Der gerechte Richter wird der Protagonist mit den Worten "Der kennt sich aus, dem macht man kein X für ein U vor. Der ist gerecht" charakterisiert. (391) Motive der Kritik sind im Briefroman vertreten, der exemplarisch für eine Form von poetischer Literatur ohne eine Zeitangabe ist. Die Reaktionen auf Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther sind ein Beispiel für die Wirkung einer Schrift auf die Literatur dieser Zeit. Goethe wählte eine authentische Person als Protagonisten. Schriften wie Isaak Daniel Diltheys Werk Werther an seinen Freund Wilhelm, aus dem Reiche der Todten und August Kornelius Stockmanns literarische Bearbeitung des Themas mit dem Titel Die Leiden der Jungen Wertherinn aus dem Jahre 1775 greifen den Stoff des Briefromans auf. Friedrich Nicolais Werk Freuden des jungen Werthers zählt zu den Bearbeitungen von Goethes Romanvorlage. Karl von Breidenbachs Berichtigung der Geschichte des jungen Werther wählt die Form Kommentierung zur Dokumentation des Stoffs. Die Elegie Lotte bey Werthers Grab von Karl Baron von Reitzenstein und das Trauerspiel Masuren oder der junge Werther von August Siegfried von Goué bearbeiten den Stoff in Form von Dichtung. Johann August Schlettweins Briefe an eine Freundin ueber die Leiden des jungen Werthers werden im Jahre 1775 veröffentlicht. Das Gedicht An Werthers Grabe von Novalis ist ein Beispiel für eine Klage über den Tod:

Armer Juengling, hast nun ausgelitten,
Hast vollendet dieses Lebens Traum,
Und dort oben in den Friedenshuetten
Denkst du an Erdenleiden kaum,
Jetzo liebst du Lotten ungestoeret,
Und im Himmelskusse fuehlest du
Freuden, die nur reine Liebe lehret,
Nie ermattende, in ewger Ruh. (392)

Ein Rezensent schreibt in der Neuen Bibliothek der Schönen Wissenschaften und freyen Künste über Goethes Werther: "Die Entwickelung der Leiden des jungen Werther kann noch einen andern Nutzen haben. Sie kann vielleicht junge Dichter manches über ihre Kunst, über Verbindung, Anordnung und Ausbildung dichterischer Charaktere und Werke lehren, - so wie sie uns Gelegenheit geben wird, zu richtiger Abwuerdigung solcher Produkte überhaupt, einige Punkte aufzuklären und festzusetzen." (393) Friedrich Hymmens Briefe, kritischen Inhalts, mit untermischten Gedichten rufen im Jahre 1773 in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen ein Gedicht über die Talente Goethes hervor. In den Neuesten critischen Nachrichten aus dem Jahre 1775 werden die Poesien nach verschiedenem Maas und Gedicht, nebst angehängten kritischen Urkunden von Hymmen rezensiert. Eine seiner Satyren über die Kritiken und Verbesserer von Werthers Leiden erwähnt Immanuel Kant. Hymmen schreibt in seiner Werther-Bearbeitung Meine Herren!: "Muß Herr Goethe nicht, wenn er dieses hoert, ueber das vorschnelle und beleidigende Urtheilen mancher Leute erschrecken? Ein Schriftsteller, der sein Buch in die Welt schickt, giebt dadurch einem jedem das Recht frei urtheilen zu koennen, es zu loben - es zu tadeln und ein vernuenftiger Autor soll beides, wenn Urtheile wahr und gegruendet seyn, mit Dank annehmen." (394) Vergleiche bringt auch die Bibliographie zur Kritik an Goethe in den wichtigsten Literaturzeitschriften bis zum Tode Goethes in Oskar Fambachs Werk Goethe und seine Kritiker mit den wesentlichen Rezensionen aus der periodischen Literatur seiner Zeit und Goethes eigenen und seiner Freunde Äußerungen zu deren Gehalt. Fambachs Arbeit ist in Einzeldarstellungen, einem Anhang, und eine Bibliographie zur Goethe-Kritik bis zu Goethes Tod, die in Düsseldorf im Jahre 1953 gedruckt werden, unterteilt. Zu den Veröffentlichungen bemerkt Fambach, daß Goethe sich der Presse als Kritiker oft bedient hat und so zu ihrem kritischen Wesen und Unwesen beitrug. (395)

In der Romantik ist ein Fall des Lebens einer biographischen Person, Kaspar Hauser, von einem Dichter behandelt worden. "AENIGMA SUI TEMPORIS IGNOTA NATIVITATIS OCCULTA MORS." Diese Inschrift befindet sich auf dem Grabstein von Kaspar Hauser, die in dem Protokoll einer modernen Sage mit dem Titel Der Prinz Kaspar Hauser von Hans Scholz zitiert wird. (396) Die Mittheilungen über Kaspar Hausser werden von seinem ehemaligen Pflegevater, dem Professor Georg Friedrich Daumer, in Nürnberg im Jahre 1832 gedruckt. Daumer lobt hier Anselm Feuerbachs Werk Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschens. Der Autor notiert in dieser Abhandlung die eigenthuemliche Empfindung Hausers für Mineralisches und Animalisches, seinen empfindlichen Geruch, sein auffallendes Verhaeltniß zu einer Katze, sein Benehmen und den physischen Zustand in den ersten Zeiten seines Aufenthalts in Nürnberg. (397) Daumers Dichtungen des Morgenlandes mit den Titeln Hafis, Mahomud und sein Werk und Die Weisheit Israels stammen aus dem Jahre 1824. In diesem Werk wird in der Klage über das zu Grunde Richten von Weisheit, Alter und Tugend auch der Apell an die Thorheit, Sünde und Jugend ausgesprochen:

Ach, wie richtet, so klage ich,
Saure Weisheit, Alter, Tugend
Mich so ganz und gar zu Grunde!
Komm und sauge, sprach mein Liebchen,
Süße Thorheit, Suende, Jugend
Leise mir vom Rosenmunde,
Linde mir vom Lilienbusen,
Und zu neuern Tag gesundet.
(398)

Zurück zum Text  391. Seghers, Anna: Der gerechte Richter. Eine Novelle. Berlin und Weimar 1990. S. 8.

Zurück zum Text  392. Novalis: Schriften. Herausgegeben von Jakob Minor. Erster Band. Jena 1907. S. 161.

Zurück zum Text  393. In: Neue Bibliothek der Schönen Wissenschaften und freyen Künste. 18. Bd. Erstes Stück. 1775. S. 56-95. Zitat S. 47.

Zurück zum Text  394. In: Neueste critische Nachrichten. 1775. S. 6.

Zurück zum Text  395. Fambach, Oskar: Goethe und seine Kritiker. Die wesentlichen Rezensionen aus der periodischen Literatur seiner Zeit, begleitet von Goethes eigenen und seiner Freunde Äußerungen zu deren Gehalt. In Einzeldarstellungen, mit einem Anhang: Bibliographie der Goethe-Kritik bis zu Goethes Tod. Düsseldorf 1953. Einleitung. S. VII. S. VIII-IX.

Zurück zum Text  396. Scholz, Hans: Der Prinz Kaspar Hauser. Protokoll einer modernen Sage. Frank-furt am Main 1964. S. 413.

Zurück zum Text  397. Daumer, Georg Friedrich: Mittheilungen über Kaspar Hausser. Erstes Heft. Nürnberg 1832. S. VI. Vgl. zu den einzelnen Kapiteln auch Daumer: Mitthei-lungen. 1832; S. 9-13; S. 14; S. 21-23; S. 24-39; S. 20-21; S. 79-104.

Zurück zum Text  398. Daumer, Georg Friedrich: Dichtungen des Morgenlandes. Hafis. Mahomud und sein Werk. Die Weisheit Israels. Georg Friedrich Daumer. Gesammelte Werke. Herausgegeben von Leopold Hirschberg. Erster Band. Berlin 1924. S. 77.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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