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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.1.7 Prosagattungen der Kritik III: Rezensenten Kritischer Wälder, kritischer Wanderungen und kritischer Gänge

Die Bezeichnungen von Literatur, deren Bewertung angestrebt wird, sind mit bildlichen Ausdrücken gestaltet. Die Bezeichnungen Wälder, Wanderungen und Gänge nehmen Begriffe der Natur und Bewegung als Metaphorik in Titeln von Schriften auf. Die mit diesen Begriffen gestalteten Formen der Kritik sind in Schriften zu finden, die durch Erklärungen von anderen Werken Bedeutungen der Schrift veranschaulichen. Der Wald ist ein Symbol, das in der Bezeichnung Kritische Wälder nach dem lateinischen Wort silva für die Literatur in der Neuzeit genutzt wird. Hugo Grotius vermerkt in einem Schreiben an seinen Bruder Wilhelm Grotius am 16. Dezember 1615 in der Sentenz "obscoenitas epigramma facit" zu seinen Heiligen Wäldern (silva sacra), daß die Epigramme durch einen Verstoß gegen die Tugend, die Schmutzigkeit, hervorgebracht werden. (408) Diese Abwertung der Epigramme vermerkt Grotius auch bei dem Anmerken (notare) von schmutziger Rede durch den Zensor (censor): "Obscoena dicta maximus censor notat." (409) Grotius schreibt Jakob Augustus Thuanus am 9. Juli 1700, daß Scaliger für sein Urteil (iudicium) bei der Beschreibung von Bürgerkriegen (descriptio bellarum civilium) das Verfahren des Heranziehens eines Rats (consultare) nutzte. (410) Christian Wolf schreibt im Praefatio vom 24. September des Jahres 1734 zu seiner Schrift Ratio praelectionum über das Werk De Jure belli et pacis von Grotius seine Methoden des Lehrens (methodi dicendi). (411) Unter dem Titel Altdeutsche Geschichte wird die Schrift Franz Sternbalds Wanderungen im Jahre 1798 gedruckt, in der Ludwig Tieck Mond und Sonne als Symbole für das Leben der Menschen nutzt:

Es reist der Mond wohl hin und her,
Die Sonne auf und ab,
Guckt übern Berg und geht ind Meer,
Nie matt in ihrem Lauf.
Und, Mensch, du sitzest stets daheim,
Und sehnst sich nach der fern;
Sei frisch und wandle durch den Hain,
Und seh die Fremde gern.
(412)

Theodor Mundts Werk Kritische Wälder wird mit dem Untertitel Blätter zur Beurteilung der Literatur, Kunst und Wissenschaft unserer Zeit im Jahre 1833 gedruckt. Das Werk steht wie die Kritischen Wälder von Herder in der Tradition der als silvae bezeichneten Literaturgattung. Mundt schreibt im Jahre 1832 im Vorwort zu seiner Sammlung Kritische Aufsätze zu seiner Bücherkritik: "Sonst habe ich von dieser Auswahl meiner kritischen Aufsätze die bloße Bücherkritik im Durchschnitt ausgeschlossen, und nur das aufgenommen, woran sich mehr oder weniger etwas Allgemeines knüpft." (413) Gattungen wie die Kritischen Wanderungen und Kritischen Gänge sind als Exkurse (excursi) zu Texten konzipiert. Mundt, der am 19. September des Jahres 1807 in Potsdam geboren wurde, verfaßt eine Schrift mit dem Titel Spaziergänge und Weltfahrten und eine Aesthetik mit dem Untertitel Die Idee der Schönheit und des Kunstwerks im Lichte unserer Zeit, in der er die Bedeutung der Ästhetik als eine Wissenschaft für die Kunst und Natur beschreibt: "Die Ästhetik wird ihre Bedeutung als Wissenschaft gerade darin zu erfüllen haben, daß sie das Bewußtsein über das ewige und unverlierbare Wesen der Kunst, über das Wesen der Kunst als einer selbständigen und ursprünglichen Lebenskraft der menschlichen Natur, aufrecht zu erhalten und aus den innern Gründen des Gedankens festzustellen hat." (414) Dem den Genius verkörpernden Genie spricht er das Recht der Universalität zu: "Die Universalität, welche dem Genius seinem ursprünglichen Wesen nach eigen ist, sie macht ihn im Grunde zu einem allseitigen Schaffen, zu einem Hervorbringen nach allen Seiten hin, fähig, und es wird von einem großen Genie gewöhnlich mit Recht behauptet, daß es auch in allen den andern Künsten, in denen es nicht gearbeitet, ebenso groß geworden." (415)

Mundt unterzieht in der Schrift Die Kunst der deutschen Prosa der Kritik eine Untersuchung über ihren Stil in seiner Abhandlung Verhaeltniß der Prosa zur Wissenschaft mit den Begriffen kritische Schreibart und kritische Manier, deren Quellen die politischen Verhältnisse und Wirren der Zeit sind: "Die Einflüsse der politischen Verhältnisse und Wirren auf den Stil haben sich in der letzten Zeit vornehmlich in der kritischen Schreibart mehrerer Schriftsteller auf eine bemerkenswerthe Weise gezeigt. - Die aesthetisierend kritische Manier, welche durch die Schlegel´sche Schule begruendet worden, genuegt heutzutage dem Geist nicht mehr, der sich an der Kritik einen Ausdruck zu geben sucht. (416) [...] In der aesthetisierenden Manier der Schlegel´schen Schule fuhr Franz Horn fort, ein sentimental humoristisches Naturell und jean-paul´sche Anfluege hinzufuegend, auch in seinem Stil, der oft eine vortreffliche Durchbildung hat, mehr für ein Frauenpublikum der Kritik geeignet. - Die neueste Kritik befand sich meistentheils immer nur auf dem qui vive? und nahm dadurch einen unruhigen, die literarischen Zwecke ueberschreitenden Charakter an." (417)

Die Schrift Denkmal Charlotte Stieglitz umfaßt Tagebuchblätter und ihre Korrespondenz mit Heinrich Stieglitz und Theodor Mundt aus dem Jahre 1835. Mundt beschreibt hier seine Stimmung im Vergleich mit dem Mond: "Den 28. Oktober 1833, Montag Abends, am Fenster stehend und zum Himmel aufblickend. Unsere Stimmung ist jetzet eigentlich ganz Mondscheinstimmung, nicht sonnenbeleuchtet, aber still in sich; ohne Strahlen, und doch hell; warm, und doch ohne die gewohnte Lebenswärme. - Der Mond ist ein Kahlkopf, ist die Sonne im Alter mit abgeschorenem Haupthaar." (418) An anderer Stelle beschreibt Mundt Ludwig Börne in einem Vergleich mit dem Volke Frankreichs: "Sonntag, den 16. März 1834/ Börne ähnelt unter den Schriftstellern als solcher (Parallelisirt, analysirt) dem französischen Volk unter den Völkern. Er ist das Agens, das Triebrad, das in Bewegung setzt; und kann man mit ihm und seinem Jacobinismus auch nicht sympathisieren, so darf man, abgesehen von etwa verletzender Persönlichkeit, doch solcher Naturen wohltätig anregenden Einfluß auf das Allgemeine nicht verkennen." (419) Mundt verfaßte im Jahre 1840 gegen den Tadel an seinen ersten literarischen Schriften seitens der Staatsbehörden Schriften an das Ministerium als Antwort auf diese preußische Censur. In einem Anschreiben vom 27. Juli des Jahres 1840 bittet er den König, diese Zensur gegen ihn aufzuheben.

Zurück zum Text  408. Grotius, Hugo: Poemata per Guil. Grotium denuo edita, aucta, & emendata. Leiden 1639. O. S.

Zurück zum Text  409. Grotius: Poemata: 1639. S. 517.

Zurück zum Text  410. Grotius, Hugo: Epistolae ad Gallos. Secunda editio. Leiden 1750. S. 14.

Zurück zum Text  411. Wolf, Christian: Ratio praelectionum Wolferianarum mathesin et philosophiam universam et opus Hugonis Grotii de Jure belli et pacis. Editio secunda auctior. Halle und Magdeburg 1735. O. S.

Zurück zum Text  412. Tieck, Ludwig: Frühe Erzählungen und Romane. Werke. Band 1. München 1978. S. 832.

Zurück zum Text  413. Mundt, Theodor: Kritische Wälder. Blätter zur Beurtheilung der Literatur, Kunst und Wissenschaft. Leipzig 1833. S. IX.

Mundt, Theodor: Zur Geschichte und Kritik der Novellen-Poesie. In: Berliner Conversations-Blatt für Poesie, Literatur und Kritik. Redigiert von F. Förster und W. Härting. Berlin. 2. Jg. Nr. 101-104. 24., 27., 29., 30. Mai 1828. Zitat S. 401.

Zurück zum Text  414. Mundt, Theodor: Aesthetik. Die Idee der Schönheit und des Kunstwerks im Lichte unserer Zeit. Berlin 1845. S. 8.

Zurück zum Text  415. Mundt: Ästhetik. 1845. S. 103.

Zurück zum Text  416. Mundt, Theodor: Die Kunst der deutschen Prosa. Ästhetisch, literargeschicht-lich, gesellschaftlich. Berlin 1837. S. 413.

Zurück zum Text  417. Mundt: Kunst. 1837. S. 414.

Zurück zum Text  418. Mundt, Theodor: Charlotte Stieglitz, ein Denkmal. Berlin 1835. S. 82.

Zurück zum Text  419. Mundt: Charlotte Stieglitz. 1835. S. 91.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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