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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Die Neuen Kritischen Gänge von Friedrich Theodor Vischer werden von Gottfried Keller in der Beilage zur Augsburgischen Allgemeinen Zeitung im Jahre 1861 rezensiert. Vischer beschreibt mit den Worten Wahrheit und Schönheit das Bild der Disziplin dieses Mannes: "Mit dem dritten Heft ist die neue, hoffentlich nicht letzte, Folge der Kritischen Gänge abgeschlossen und damit glücklich das Bild eines Mannes erneuert, der an sich selber Disziplin übt und daher auch berechtigt ist, sie überhaupt zu üben; der nicht ein Jünglingsalter, sondern ein Mannesalter entlang dieselbe Fahne geistiger Freiheit aufrecht hält, ein Freund seinen Freunden, ein Feind seinen Feinden ist, aber ohne ein blinder Parteigänger zu sein, weil er weder über der Wahrheit die Schönheit, noch über der Schönheit die Wahrheit vergißt, da ihm beide eins sind." (420) Vischers Korrespondenz mit Eduard Mörike dokumentiert die Auseinandersetzung eines Kritikers mit Dichtern. So heißt es in dem Schreiben Eduard Mörike an F. T. Vischer über seine Gedichte:

Mit meinen Gedichten:
Oft hat mich der Freud verteidigt,
Oft sogar gelobt; doch nun?
Der Professor ist beleidigt,
Und da hilft kein Traulichtun.
Also geht, ihr braven Lieder,
Daß man euch die Köpfe wascht!

Seht auch, daß ihr hin und wieder
Einen guten Blick erhascht.
Er ist Vater: um so minder
Denkī ich ihn euch abgeneigt;
Sind doch seine eignen Kinder
Auf der Schulbank nicht gezeugt! (421)

In Vischers Kritischen und Lyrischen Gänge sind die Begriffe Cultus und Kultur zu finden. Vischer beschreibt in seinen Gedichten in vierzeiligen Strophen in einem Dialog aus Fragen und Antworten die Tätigkeiten des Richtens und Dichtens:

"Lyrische Gänge?
Willst du dir schaden?
Kritische Gänge
Reisīkameraden?"

"Machst uns Gedanken!
Neben dem Richten
Muß wohl erkranken
Fröhliches Dichten."

"Rauh sind die Gänge:
Steinige Wege,
Stoß im Gedränge,
Schwindlige Stege!"

"Hast du nicht Schwingen?
Kannst du nicht schweben,
Wolken durchdringen,
Himmelan streben?"
- Trunkenes Wiegen
Bleibe mir ferne!
Ohne zu fliegen
Findī ich die Sterne

Laß mich vertrauen,
Daß mir das Auge,
Träumend zu schauen,
Immer noch tauge.

Magst du mich sehen
Leiden und streiten,
Lasse mich gehen,
Lasse mich schreiten.

Fuß über Grüften
Fest auf dem Festen,
Haupt in den Lüften,
So istīs am besten.
(422)

In dem Schreiben F. W. an F. T. Vischer vermerkt der Autor die Idee, daß der Kritiker nur noch an der gemeinen Natur des Menschens Anteil hat, in einem Gedicht mit dem Reinschema ABBB CDDDD CEEFF. In seinem Schreiben F. W. an F. V. wird ein Brief in Form eines Sonetts mit dem traditionellen Reimschema ABBA ABBA CDD CEE als eine Antwort auf Vischers Strafgedichte beigefügt:

Manch ein Kritiker
Über Dichter
Dünkt sich ein lichter,
Mehr als schlichter
Kopf

Und ist ein entfärbter,
Von Halbkultur verderbter,
Zu Leder gegerbter,
Von der Natur enterbter
Tropf.

Wie: von der Natur?
Je nun, ich meine nur:
Von der seelischen, feinen,
Nicht von der gemeinen.
(423)
12. Januar 1868.

Hab Dank für deiner Strafgedichte Spendung!
Mir ist Musik das Klirren deiner Waffen,
Die von des Geistes Sehne du, der straffen,
Wirft gegen deutscher Tugend feile Schaendung.

O glaub mir bei meines Wortes Verpfaendung,
Schon sah ich manchen, von den Traegen, Schlaffen
Zu ernstem Kampfe sich zusammenraffen,
Dem du vom Auge loestest die Verblendung!

Nur will mein Herz ein tiefes Leid verspueren,
Daß du siehst ungern von des Nordens Huegeln
Aufsteigen Deutschlands Ar auf maechtīgen Fluegeln.

Die sollen Kaiser sein, die stark uns fuehren
Zur immer hoehern Macht und immer vollern,
Und wie die Staufen einst, so jetzt die Zollern.
(424)

Zurück zum Text  420. Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Bd. 22. Herausgegeben von Jonas Fränkel und Karl Helbling. Bern 1948. S. 158. [Erstpublikation vom 23./25. Mai 1861.]

Zurück zum Text  421. Briefwechsel zwischen Eduard Mörike und Friedrich Theodor Vischer. Her-ausgegeben von Robert Vischer. München 1926. S. 153-154.

Zurück zum Text  422. Vischer, Friedrich Theodor: Kritische Gänge. Zweiter Band. Herausgegeben von Robert Vi-scher. Zweite, vermehrte Auflage. Leipzig 1914. S. 1-2.

Zurück zum Text  423. Vischer, Friedrich Theodor: Lyrische Gänge. Leipzig 1917. S. 180.

Zurück zum Text  424. Vischer, Friedrich Theodor: Kritische Gänge. Erster Band. Herausgegeben von Robert Vischer. Zweite, vermehrte Auflage. Leipzig 1914. S. 225.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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