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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Vischers Briefe umfassen den Briefwechsel zwischen ihm und David Friedrich Strauß nach dessen Veröffentlichung der Schrift Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte mit dem Untertitel Eine Kritik des Schleiermacher´schen Lebens Jesu im Jahre 1865. Das Werk wurde nach seiner Enthebung aus dem Amt als Philosophierepetent am Tübinger Stift im Jahre 1835 publiziert. Seine Abhandlung Zwei friedliche Blätter folgt im Jahre 1839. Von Karl Künzel wird die Schrift Der Papierreisende von Strauss mit einer Beschreibung Vischers im Jahre 1856 veröffentlicht: "Daher kenne ich in Tübingen einen Gelehrten, einen herrlichen Mann, den nächsten Geistesverwandten des Antigötze, der schreibt ganze Bücher, ohne sich nur einmal nach mir umzusehen; treffliche Bücher, unvergängliche, aber der Styl ohne Taille." (425) Die deutschen Dichtungen von Nicodemus Frischlin werden von Strauss im Jahre 1857 zum ersten Mal nach Originalen aus Handschriften und alten Drucken mit seiner New Comedi Fraw Wendegard im Jahre 1579 herausgegeben. Von Strauss stammt der Zweizeiler Negative und positive Kritik, der die Aussagen der beiden Kritiker in Form von Antithetiken als Gegensatz veranschaulicht:

Negative und positive Kritik
(Dr. Baur spricht:)

Wie Nein und Ja sind wir, wie Sturm und Regenbogen;
Er sagt: es ist nicht wahr; ich sag´: es ist erlogen
Ulm 1844
(426)

Unter Vischers Reden ist die Akademische Rede zum Antritte des Ordinariats, die am 21. November des Jahres 1844 in Tübingen gehalten wurde, zu finden, die nach dem Vorwurf von Stuttgarter Theologen Tendenzen des Unglaubens aufweist:

"Dennoch gebe ich hiermit diese Rede dem Publikum in die Hände. Ich tue es, weil ich in den Augen derjenigen, welche nicht vor, sondern nach der Kenntnis des Gegenstandes zu urteilen pflegen, mich von der Last einer Verleumdung reinigen muß, welche mich mit dämonischen Netzen umstrickt hat; ich tue es, weil ich es denjenigen, die mir allein zu befehlen haben, schuldig bin. Ich tue es mit reinem Gewissen, aber mit einer geistigen Qual und Folter, welche derjenige begreifen wird, der folgende Umstände erwägt." (427) Über den Unterschied zwischen dem mündlichen und schriftlichen Urteil vermerkt Vischer zu diesem Anlaß: "Allein die ganze Versammlung wußte, daß ich es mit einer unbestimmten Menge von Gegnern zu tun habe, welche in verschiedenen Formen der Äußerung, z. B. durch mündliche Urteile, durch litterarische Veröffentlichungen die Achtung verletzten, die ich in Anspruch nahm, und der ganze Zusammenhang meiner Rede bewies, daß ich, da ich immer im ganzen und großen sprach, auch hier ein unbestimmtes Konvolat von Personen im Auge habe, welche erst eine nachträgliche Deutung nun abzählt." (428) Nach der Anrede in seiner Rede vom 2. Januar des Jahres 1844 schreibt Vischer, gegenüber der Kritik des Verstandes in seiner Rede zur Verteidigung seiner Sache, daß er keine juristischen Beweise bringen kann: "Entschuldigen Eure Magnifizienz meine Wärme! Ich bin, wenn ich alles zusammenstelle, was man meiner Rede zum Vorwurf macht, schwer angegriffen, und fühle mich von einer Last der Mißdeutungen gedrückt, gegen welche ich doppelt mühsam ringe, weil ich gegenüber dem berechnenden Verstande, dessen Kritik eine aus tiefbewegter Empfindung hervorgegangenen Rede nun aushalten soll, keine juristischen Beweise bringen kann; diese Schwierigkeit meiner Stellung möge für die Lebhaftigkeit meiner Selbstverteidigung Nachsicht erbitten." (429)

Vischers Werk Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen ist untergliedert in die Metaphysik der Schönen Kunst überhaupt und Abhandlungen über die Baukunst, Bildnerkunst und Malerei. Ein Brief von Strauß an Vischer vom 16. November des Jahres 1847 erläutert mit dem Ausdruck Deine kritische Guillotine die Wirkung von Vischers Ästhetik: "Heilbronn, den 16. November 1847 - - Daß ich´s wegen Deiner Aesthetik bei der Allgemeinen Zeitung hinterlegt habe, ist dir durch Märlin geschrieben worden. Und nun schreibt mir Schwegler von der Umgestaltung der Jahrbücher. Da kannst Du dann gleich Deine kritische Guillotine aufschlagen für moderne Poeten." (430) In der Ästhetik werden anhand einer Bestimmung ihrer Eigenschaften Grundbegriffe der Schönheit in Kategorien dargestellt. Vischer unterteilt im ersten Teil der Ästhetik die Metaphysik des Schönen in das einfach Schöne, dem die Idee und das Bild zugeordnet sind, und das Schöne im Widerstreit seiner Momente, dem das Erhabene und das Komische zugeordnet sind. Das objektiv Erhabene wird von Vischer in das Erhabene des Raums, das Erhabene der Zeit und das Erhabene der Kraft unterteilt. Nach dem Begriff subjektiv Erhabenes wird die Vielfältigkeit in das Erhabene der Leidenschaft, das Erhabene des bösen Willens und das Erhabene des guten Willens differenziert. Im zweiten Teil der Ästhetik wird das Schöne in einseitiger Existenz aufgeschlüsselt in das Naturschöne, das sich in die Schönheit der unorganischen Natur, die Schönheit der organischen Natur und die menschliche Schönheit gliedert. Bei der Schönheit der unorganischen Natur unterscheidet Vischer in Licht, Farbe, Luft, Wasser und Erde. Nach dem Ausdruck Schönheit der organischen Natur wird in die Schönheit des Pflanzenreiches und die tierische Schönheit unterteilt. Menschliche Schönheit wird untergliedert in das Wesen der menschlichen Schönheit als menschliche Gestalt, den Menschen im gesellschaftlichen Verbund und als Individuum. Die geschichtliche Schönheit wird in den Epochen Altertum, Mittelalter und Neuzeit veranschaulicht. Als weitere Kategorie nennt Vischer den Begriff Phantasie, die sich in das Wesen der Phantasie, die Geschichte der Phantasie und das zeitgenössische Ideal der Phantasie, die Objektivität mit Subjektivität verbindet, aufteilt. Vischer unterscheidet zwischen der ästhetischen Urteilsfähigkeit und dem Geschmacke als Begriffe. (431)Als eine Allegorie für die Revolution des Jahres 1848 ist in Vischers Abhandlung Ein literarischer Sonderbündler zu Joseph Freiherr von Eichendorffs Schrift Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland über den Begriff Kritik der Romanik die Metaphorik des Krieges zu lesen: "Eine gründliche Kritik der Romanik ist in diesen letzen Tagen geschrieben worden, geschrieben mit Bajonetten und wohlgezielten Kugeln wackerer Schützen, belegt mit den schlagenden Gründen des Kanonendonners." (432)

Die Rezensionen von den Brüdern Heinrich und Julius Hart sind Beispiele für die Gattung der Kritischen Waffengänge. In ihrer Sammlung Kritische Waffengänge sind im ersten Heft die Abhandlungen Wozu, Wogegen, Wofür? und Der Dramatiker Heinrich Kruse publiziert worden. Im zweiten Heft wird ein Offener Brief an den Fürsten Bismarck, die Abhandlung Paul Lindau als Kritiker und die Schrift Für und gegen Zola veröffentlicht. Im dritten Heft wird in dem Aufsatz Hugo Bürger. Ein Lyriker à la mode das Werk eines zeitgenössischen Dichters behandelt. Das vierte Heft wird mit dem Aufsatz Das "Deutsche Theater" des Herrn L´Arronge, das fünftes Heft mit dem Aufsatz Graf Schack als Dichter und das sechste Heft mit der Abhandlung Friedrich Spielhagen und der deutsche Roman der Gegenwart im Jahre 1832 in Leipzig gedruckt. Mit Berufung auf Aristoteles erläutern sie für die Bearbeitung der Materie die Aufgaben des kritischen Schriftstellers im Streit: "Übrigens sagt schon ein Größerer als wir: Ein kritischer Schriftsteller suche sich nur erst jemanden, mit dem er streiten kann, so kommt immer er nach und nach in die Materie. Wem diese Methode aber etwas mehr muthwillig als gründlich scheinen wollte, der soll wissen, daß selbst der gründliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat. Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, quaerere pugnam in suis libris." (433) Die Verfasser vergleichen den Kritiker mit dem Ackerbauern: "Zwei Worte sind es, mit welchen sich die Aufgaben des Ackerers wie des Kritikers genügend bezeichnen lassen: Pflügen und Pflegen. Das Erdreich zu durchfurchten, es von Steinen zu befreien und das Unkraut auszujäten, das ist die eine Pflicht, die aufsprossenden Pflanzen zu warten und zu schirmen, die andere. Hinweg also mit der schmarotzenden Mittelmäßigkeit, hinweg alle Greisenhaftigkeit und alle Blasirtheit, hinweg das verlogene Recensententhum, hinweg mit der Gleichgültigkeit des Publicums und hinweg mit allem sonstigen Geröll und Gerümpel." (434) In der Abhandlung Das "Deutsche Theater" des Herrn L´Arronge werden die Begriffe Recension und Kritik bei der Beschreibung einer zeitgenössischen Theatralischen Zeitung erwähnt: "Das Fragmentarische der übrigen Recensionen wird vermieden, da das Blatt zur ausführlichen, eingehenden Kritik, als deren Muster die Lessing´sche Dramaturgie gelten muß, ausreichenden Stoff bietet, und die dichterischen und schauspielerischen Kunstleistungen in gleich eindringlicher Weise besprochen werden können." (435) In der Schrift Paul Lindau als Kritiker heißt es über das Princip der Subjektivität dieses Kritikers, der im Jahre 1877 die Sammlung Ueberflüssige Briefe an eine Freundin publiziert, über den kritischen Beruf : "Es ist ganz erklärlich, wenn es einem Kritiker, der wie Lindau dem Princip der Subjektivität und der eigenen Unfehlbarkeit huldigt, bei seiner Gottesähnlichkeit zuweilen bange wird, - wenn ihn zuweilen das Gefühl der eigenen Ohnmacht übermannt und er sich seines prahlerischen Augurthums bewußt wird. Ist es doch nichts als persönliche Eitelkeit und Selbstzufriedenheit, die ihm den kritischen Beruf werth macht, - während das höhere Ziel, ein positives Wirken, ihm so gut wie verborgen bleibt." (436)

Zurück zum Text  425. Strauss, David Friedrich: Der Papierreisende. Ein Gespräch. Neugedruckt für die Mitglieder der Gesellschaft der Bibliophilen.Weimar 1907. S. 18-19.

Zurück zum Text  426. Strauss, David Friedrich: Poetisches Gedenkbuch. Gedichte aus dem Nachlasse von David Friedrich Strauss. Eingeleitet von Eduard Zeller. Bonn 1877. S. 27.

Zurück zum Text  427. Vischer: Kritische Gänge. 1914. S. 132.

Zurück zum Text  428. Vischer: Kritische Gänge. 1914. S. 153.

Zurück zum Text  429. Vischer: Kritische Gänge. 1914. S. 130-154. Zitat S. 154.

Zurück zum Text  430. Strauss, David Friedrich: Ausgewählte Briefe von David Friedrich Strauß. Her-ausgegeben und erläutert von Eduard Zeller. Bonn 1895. S. 198-199. Zitat S. 198.

Zurück zum Text  431. Vischer, Friedrich Theodor: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Herausgegeben von Robert Vischer. München 1922. (Reprint Hildesheim und New York 1975).

Vgl. zu den Begriffen Bd. 1. S. 45-532 und Bd. 2. S. 3-356. Zitat § 509. S. 84.

Zurück zum Text  432. Deutsche Literaturkritik im 19. Jahrhundert. Herausgegeben von Hans Meyer. Von Heyne bis Mehring. Frankfurt am Main 1976. S. 453-471. Zitat S. 453.

Zurück zum Text  433. Hart, Heinrich und Hart, Julius: Kritische Waffengänge. Mit einer Einführung von Mark Boulby. Classics in Germanic Literature and Philosophy. Herausgegeben von Wolfgang F. Tataba. New York und London 1969. Erstes Heft. Wozu, Wogegen, Wofür? Der Dramatiker Heirich Kruse. 1832. S. 8.

Zurück zum Text  434. Hart; Hart: Kritische Waffengänge. Erstes Heft. Wozu, Wogegen, Wofür? Der Dramatiker Heinrich Kruse. Leipzig 1832. S. 1-58. Zitat S. 7.

Zurück zum Text  435. Hart; Hart: Kritische Waffengänge. Viertes Heft. Das "Deutsche Theater" des Herrn L´Arronge. 1883. S. 3-69. Zitat S. 67.

Zurück zum Text  436. Hart; Hart: Kritische Waffengänge. Zweites Heft. Offener Brief an den Fürsten Bismarck. Paul Lindau als Kritiker. Für und gegen Zola. 1882. S. 9-43. Zitat S. 18.

Vgl. desweiteren die Abschnitte: Hart, Hart: Kritische Waffengänge. Zweites Heft. Offener Brief an den Fürsten Bismarck. Paul Lindau als Kritiker. Für und gegen Zola. 1882. S. 1-8; S. 9-43; S. 44-55.

Hart; Hart: Kritische Waffengänge. Drittes Heft. Hugo Bürger. Ein Lyriker à la mode. 1882. S. 3-51; S. 52-68.

Hart, Hart: Kritische Waffengänge. Fünftes Heft. Graf Schack als Dichter. 1882. S. 3-69.

Hart; Hart: Kritische Waffengänge. Sechstes Heft. Friedrich Spielhagen und der deutsche Roman der Gegenwart. 1884. S. 3-74.
 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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