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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Ein Beispiel des Briefes von Kästner ist das Schreiben Kritik, das ist verdollmetschet: Kunstgerichte über die Amalia des Herrn Fieldings, in beliebter Briefgestalt. (478) Lessings Schrift Der Rezensent braucht nicht besser zu machen, was er tadelt fordert die bereits vor diesem Zeitpunkt genutzte Trennung von Künstler und Kritiker. Lessing unterstreicht mit dieser Forderung die Bedeutung von Kritik als eine eigenständige literarische Leistung. (479) In der Zeit der Aufklärung setzt die Idee von der Autonomie des Kritikers mit den Begriffen für ihre Gesetze in der Gelehrtenrepublik ein. Lessing rezensiert in der Sammlung Briefe die neueste Literatur betreffend Werke von Autoren der Gegenwart. Im 16. der Briefe, die neueste Literatur betreffend vermerkt Lessing in der Schrift Der Kunstrichter mit den Kriterien der Zergliederung von Schönheiten und Fehlern die Methoden der Beurteilung: "Nur wenn das Ganze untadelhaft befunden wird, muß der Kunstrichter von einer nachteiligen Zergliederung absehen, und das Werk so, wie der Philosoph die Welt, betrachten." (480) Im 119. Brief der Sammlung Briefe, antiquarischen Inhalts verwendet Lessing für die Beschreibung einer Person das Lehnwort Criticus: "Warum verschweigt der Criticus die Rechtfertigung, die Herr Cramer seinem Rathe" (einem Kinde den Erlöser, vors erste nur als einen frommen und heiligen Mann vorzustellen) "wahrlich um schwächerer Personen willen, als ein Journalist seyn sollte, in demselben funfzigsten Stücke zugefügt hat?" - So fragt Herrn Basedow, und wahrlich in einem Tone, daß ein treuherziger Leser darauf schwören sollte, ich hätte diese Rechtfertigung aus bloßer Tücke verschwiegen. Und ich bin mir doch bewußt, daß ich sie aus blossem Mitleiden verschwiegen habe." (481) In der Hamburgischen Dramaturgie beinhaltet Lessing in der Abhandlung Kritik, Regeln und Genie eine Beschreibung der Kritiker als Vertreter dieser Gattung (genus) unter den Zeitgenossen: "Wir haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern, deren beste Kritik darin besteht, - alle Kritik verdächtig zu machen." (482) Lessing vermerkt in dieser Schrift das Fehlen von Kritik über den Dichter Johann Friedrich Freiherr von Cronegk: "Und welcher dramatische Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem sechs und zwanzigsten Jahre sterben könne, ohne die Kritik über seine wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen?" (483) Methoden der Kritik überliefert Lessing in der Abhandlung Grammatisch-kritische Anmerkungen ueber das Wörtlein Thatsache und der für die Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit im Jahre 1751 verfaßten Schrift über die vertheidigte Version der Bibelübersetzung von Martin Luther. Lessings Dichtung über das Wesen eines Kritikers ist ein Beispiel für den Wert des Kritikers. Das fiktive Literaturgespräch zwischen dem Literaturkritiker C. und L. von Günther Cwojdrak behandelt die Kritik. Hier fragt C.: "Bleiben wir noch etwas bei diesem Thema; was fiel Ihnen auf dem weiten Feld der Kritik in letzter Zeit am meisten auf?" und bekommt als Antwort von L. zu hören: "Gewisse Rezensenten haben ihre eigene Sprache. Unverzeihlich heißt bei ihnen alles, worüber sie sich nicht enthalten können, die Zähne zu fletschen." (484)

Im 18. Jahrhundert finden sich unter den Briefen zur Literatur zeitgenössischer Autoren, die mit der Bezeichnung Kunstrichter klassifiziert werden, Begriffe der Kritik. Im ersten Schreiben der Litterarischen Briefe an das Publicum stellt Gottlob Benedict von Schirach den Ursprung der Kritik in der griechischen Antike durch jene Tochter des Himmels dar, die "junge Genies in ihrem Goetterschoße zu bilden, ihre Talente zu staerken, und zu ermuntern, und ihre Augen wacker zu machen suchte." (485) In drei Sammlungen erscheinen in den Jahren 1766 bis 1770 die Briefe über Merkwürdigkeiten der Litteratur mit einer anonymen Korrespondenz, die zwischen Kopenhagen und Deutschland gewechselt wurde. Nach dem Druck von diesem Werk wurden Schreiben über den Streit von Kritikern in der Gelehrtenrepublik verfaßt. Ein Kritischer Brief über zween Kunstrichter zu Mannheim wird von einem Dichter und Erforscher der Literturgeschichte, Jakob Hemmer, im Jahre 1770 gedruckt. Die Schrift Die neue und vermehrte Bockiade in Briefen über den Ton in der Litteratur, Kritik, Streitschriften, Geschmack, Meinungen und Sitten des heutigen Jahrhunderts wird von August Friedrich Cranz wird im Selbstverlag im Jahre 1781 gedruckt. Eine Schrift zur Literatur von Rezensionen ist die Kritik über gewisse Kritiker, Rezensenten und Broschürenmacher, die in Augsburg in den Jahren 1787 bis 1796 in vier Bänden publiziert wird. Die Schrift Der Reim mit dem Untertitel meistens mit den eigenen Worten der vornehmsten Kunstrichter beschrieben und beurtheilet zum Gebrauche der Vorlesungen am Kaiserlich Königlichen Vorösterreichischen Gymnasio der Hohen Schule zu Freyburg im Breisgau wird im Jahre 1777 gedruckt. Die Predigten an die Kunstrichter und Prediger stammen von dem Verfasser des Romans Sophiens Reise von Memel nach Sachsen Johann Timotheus Hermes. Eine Sammlung der Korrespondenz von Christian Gotthold Contius wird unter dem Titel Der aufgefangene litterarische Briefwechsel der Dodsleyschen Kunstrichter und anderer Gelehrten im Jahre 1772 gedruckt. August Wilhelm Schlegel schreibt am 22. Januar des Jahres 1798 an Schleiermacher über die von seinem Bruder Friedrich gewählte Bezeichnung Fragmente im Titel: "Wer giebt meinem Herrn Bruder das Recht, das Wort Fragmente dazu zu stempeln. Sie sollen also kritische Fragmente [heißen], wenn er sie nicht lieber Randglossen nennen will, nämlich Glossen an den Rand des Zeitalters geschrieben, ob wir uns gleich nicht wie Schlosser hinter dem Rücken desselben gebildet haben." (486) Schlegel bemerkt zur zeitgenössischen Kunstkritik, daß ihre Verfasser mit pedantischer Methode über Kunstwerke schreiben, weil sie ihrer Würde als sogenannte Kunstrichter dies schuldig zu sein glauben. Joseph Görres bemerkt in seinem Artikel Deutsche Critik über die zeitgenössischen deutschen Kritiker, daß sie sich wie Blei an die Füße des Genies hängen. (487)

In einer Sammlung Gottlieb Samuel Nicolais mit dem Titel Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland wird im 17. Schreiben thematisiert, daß die schärfste Kritik zur Aufnahme der schönen Wissenschaften unumgänglich nothwendig sei. Fiktionale Briefe des Euphem an Arist aus dem Werk Versuch einer kritischen Prosodie von Karl Philip Moritz aus dem Jahre 1786 behandeln den Versbau und das Metrum der Poesie. (488) Christoph Martin Wielands Sendschreiben an einen jungen Dichter aus dem Jahre 1782 ist mit der Rezension eines Gedichtes des Herrn Klinggut eine Variante des Oeuvres von literarischen Briefen, zu denen auch seine Moralischen Briefe und Briefe von Verstorbenen zählen. Ein Gedicht von Wieland verwendet die Begriffe Richter und Dichter in einem Zitat des Dichters Johann C. Klingguth, der selbst Werke unter dem Titel Episteln publizierte:

Ruft dich dann einmahl, sagt Herr Klingguth,
ein schöner Tag in deinen Garten,
Dein Kaffe und die Vögel warten
Nebst deinen Blumen schon auf dich;
Du wirst entzückt, du freu´st dich inniglich,
Du kennst schon die Natur
und sie kennt dich,
Und eh´ du´s merkst,
macht sie dich selbst zum Dichter;
Rufe dann die Kurie als Richter,
Dein Amt, dein Haus, dein Freund,
nichts auf der Welt, dies ab:
So eil´ und lauf´ in vollem Trab,
Hohl´ dir ein Blatt Papier und schreibe,
Von keinem bessern Zeitvertreibe
Gereizt, den ganzen langen Tag,
Und schick´s nach Dessau in Verlag.
(489)

Zurück zum Text  478. Kästner: Vermischte Schriften. 1775. S. 64-66.

Zurück zum Text  479. Lessing, Gotthold Ephraim: Werke. Herausgegeben von Kurt Wölfel. Frankfurt a. M. 1967. d. II. S. 662-664.

Zurück zum Text  480. Literaturkritik und literarische Wertung. Herausgegeben von Peter Gebhardt. Darmstadt 1980. S. 5.

Zurück zum Text  481. Lessing, Gotthold Epraim: Sämtliche Werke. Unveränderter photomechanischer Abdruck der von Karl Lachmann und Franz Muncker 1886 bis 1924 herausgege-benen Ausgabe von Gotthold Ephraim Lessings sämtlichen Schriften. Achter Band. Berlin und New York 1979. S. 252-259. Zitat S. 252.

Zurück zum Text  482. Literaturkritik und literarische Wertung. 1980. S. 10-12. Zitat S. 10.

Zurück zum Text  483. Lessing, Gotthold Ephraim: Hamburgische Dramaturgie. Für die oberste Klasse höherer Lehranstalten und den weiteren Kreis der Gebildeten erläutert von Friedrich Schröter und Richard Thiele. Halle 1878. S. 8.

Zurück zum Text  484. Cwojdrak, Günther: Literaturgespräch mit Lessing. Kritik 85. Rezensionen zur DDR-Literatur. Halle und Leipzig 1985. S. 5-9. Zitat S. 6.

Zurück zum Text  485. Litterarische Briefe an das Publicum. Herausgegeben von Gottlob Benedict von Schirach. Erstes Paquet. Altenburg 1769. S. 1-21. Zitat S. 6-7.

Zu Lessings Kritische Briefen mit dem Fragment der Tragödie Samuel Henzi vgl. die Bezeichnung "Form zwanglos privater Mitteilung". In: Mann, Otto; Straube-Mann, Rotraut: Lessing-Kommentar zu den kritischen, antiquarischen und philoso-phischen Schriften. Band II. München 1971. S. 7-18. Zitat S. 7.

Zurück zum Text  486. Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Briefwechsel 1796-1898. Herausgege-ben von Andreas Arndt und Wolfgang Virmond. Kritische Gesamtausgabe. Berlin und New York 1988. S. 260.

Zurück zum Text  487. Görres, Joseph: Deutsche Critik. In: Aurora. 1804. S. 493-494. Zit. n.: Görres, Joseph: Charakteristiken und Kritiken. Herausgegeben von Franz Schulz. Köln 1900. S. 42.

Zurück zum Text  488. Moritz: Schriften zur Ästhetik und Poetik. 1962. S. 188-190.

Zurück zum Text  489. Wieland, Christoph Martin: Sämtliche Werke. VIII. 24. Band. Vermischte Auf-sätze, literarischen, filosophischen und historischen Inhalts. Leipzig 1796. S. 11-12.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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