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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik
Das Epigramm ist als Form des Grußes seit der Antike zu finden. In einem Epigramm beschreibt
Martial den Wettstreit um die Gunst des Lesers und die Bekanntheit des Namens (nomen) der
Dichter Pompullus und Faustinus, in dem das Talent und der Genius des Dichters als seine Qualitäten
gelten. (526) Das Lexicon Criticum sive thesaurus linguae latinae von Philipp Pareus, das in Nürnberg
im Jahre 1645 gedruckt wird, ist an der Überlieferung des Wortschatzes lateinischer Quellen im
Zeitalter des Barock beteiligt. Auf dem Titelblatt von diesem Lexikon ist in einer Kartusche eine
nackte Figur mit weiblichen Körperkonturen ohne Brüste und langen Haaren unter einer Krone
dargestellt. Um sie herum liegt ihr eine im Kreise gewundene Schlage zu Füßen, die sich in den
Schwanz beißt. Im Hintergrund ist eine Landschaft mit einer Stadt zu sehen. In einem Vorwort des
Lexikons wird in Form eines Epigramms die Kritik als die elfte Muse angerufen:
Undecimam Musam ! Decimam magne dico Paréum
Quas tribunt laudes, Sarsina, Plaute, tibi.
Dextera sic numquam mihi visa est lippa Phillippi:
Atq hippoon nomen Tu phile inane geris.
Dicere ritè í        : censoris metis.
Virgula dùm runcat perdita quaeque sitû.
Prom* Opus integrum? multi lat a Ablegmina mitte.
Ante tuum fatum te mage fata beant.
(527)
Dieses Epigramma In Labores Philologicios Cl. VIRI. D. Phillippi Parei vermerkt die Liebe zur
Kritik ( í        )
und die Furcht des Zensors (censor). In seinem Vorwort Novem musis et
mercurio sacrum Phil. Pareus lubenti animo dedicavit. Consecravit beschreibt Pareus das kritische
Urteil (criticum): "Neque enim perversum vulgi illud judicium vel hili pendendum est, qui
CRITICUM nomen tam petulanter aversantur, ut ea se imbuerint inani persuasione, quicquid
CRITICUM audiret, ineptum plane esse: cum plenis parasangis res sese aliter habeat, ac discrepet
à stulta vulgi opinione." Die Kritiker (critici) sind diejenigen, die den Unterricht (eruditio) im
Umgang mit den Schriften (litteraturae) und den Grund und Boden aller menschlicher Weisheit
(sapientiae humanae basin ac fundamentum) bewahren (conservare): "Soli namque CRITICI sunt
illi, qui totius litteraturae eruditionis, omnisque sapientiae humanae basin ac fundamentum
conservant, & absque quibus si foret, omnem rem litterariam pessum ire ac concidere necessum
foret." (528) Ein Beispiel für den Titel eines Vorworts ist der Ausdruck Vorwort an den Leser. Das
Vorwort an den Leser ist in Form eines Prosatextes und in Form von Gedichten gehalten. In
Friedrich von Logaus Epigramm An den Leser werden Tichter und Richter gegenübergestellt. In
einem weiteren Epigramm Logaus mit dem Titel An den Leser werden an den Leser Fragen gestellt.
Leser, ich will seyn kein Tichter,
Wo nur du willst seyn kein Richter.
(529)
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Leser, wie gefall ich dir?
Leser, wie gefällst du mir?
(530)
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Auch in einem dritten Epigramm mit dem Titel An den Leser wird der Leser mit den Sonnen und
das Buch mit den Monden verglichen. Logau beschreibt in seinem vierten Sinngedicht mit dem Titel
An den Leser die Freiheit des Lesers, durch ein Urteil zu richten und das Urteil des Verfassers zu
dulden.
Dieser Buch soll Monde seyn,
Leser aber seine Sonnen,
So daß durch der Sonnen Schein
Auch der Monde sei entbronnen.
(531)
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O Leser, dir steht frei zu richten über mich,
Und andern stehet frei zu richten über dich.
Wie du dein Urteil nun von andern dir begehrest,
So siehe daß du mir mein Urteil auch gewährest.
(532)
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526. Martial: Epigramme. Eingeleitet und im antiken Versmass übertragen von Ru-dolf Helm. Zürich und
Stuttgart 1957. 6. Buch. S. 241.
527. In: Pareus, Phillip: Lexicon criticon, sive Thesaurus linguae latinae. Ex omnibus linguae latinae
classicis authoribus, jurisconsultis, historicis, antiquariis, criticis, oratoribus, & poetis, aerumnabili plurium
annorum labeore congestus a Philippo Pareo. Nürnberg 1645. S. 6.
528. Calcagninus: Epistolarum criticarum & familiarum Libri XVI. 1608. O. S. [S. 6-7].
529. Logau, Friedrich von: Sinn-Gedichte. Erlesen, erklärt und beantwortet von Werner Schmitz.
Zürich 1989. III. 7. 33. S. 117.
530. Logau: Sinn-Gedichte. 1. Z. 3. S. 89.
531. Logau: Sinn-Gedichte. I. 1. 71. S. 19.
532. Lessing, Gotthold Ephraim: Lessings Werke. 16. Teil. Schriften zur deutschen Sprache und Literatur.
Herausgegeben von Albert Hirsch. Berlin [O.J.]. S. 131.
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