|






|
Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik
Die Autoren im 19. Jahrhundert nutzen das Distichon zur Beschreibung von Kritik. Johann
Kaspar Friedrich Mansos Distichon Kritische Wechselwirkung ist ein Zeitzeugnis über den Kritiker
in diesem Versmaß. Heinrich Christian Boies Gedicht Leser und Kritiker beschreibt diese beiden
Typen durch den Vergleich mit Köchen und Gästen:
Kritische Wechselwirkung
Grimmig zerfleischt der Eine den Andern; aber ein Jeder,
Wird er geadelt, vermißt Schonung im richtenden Spruch.
(545)
|
Leser oder Kritiker
Mein Lied gefällt, was Meister Feil auch spreche.
Für Gäste kocht ich zu: was kümmern mich die Köche?
(546)
|
Eine Personifikation der Xenien wurde in den Volksliedern der Xenia von Karl Emil Franzos im
Jahre 1877 in der Erzählung Markttag in Barnow beschrieben. Das Treffen von Wassilj und Xenia,
die statt eines spöttischen Truntzliedes ein anderes Lied singt, ist eine Szene mit Elementen der
Polemik in diesem Werk. Theodor Storm stellt in seinem Gedicht An die Kritik, gelegentlich der
Berliner Erstaufführung von "Zensur" nach der Theateraufführung dar, wie die Kritik, die ihn
totgeschwiegen hat, nun giftige Lügen verbreitet und den Dichter in der Zukunft zu bestechen
beabsichtigt. Das Reimschema ab ab bcdc efef von drei parallelen Doppelversen wird hier für diese
Antwort des Dichters auf das Schweigen der Kritiker genutzt:
Mir ist die Kritik sich wahrlich
Von der schönsten Seiten zeigen:
Zwanzig Jahr war sie beharrlich
Drauf erpicht, mich totzuschweigen.
Jetzt, nachdem ich, totgeschwiegen,
Mich zum Trotz ans Licht gerungen,
|
Speit sie rastlos giftige Lügen,
Unversieglich haßdurchdrungen.
Einmal wird sie doch verzichten
Und die klügere Richtung wählen:
Hilft ihr nichts, mich zu vernichten,
Wie wird sie mich dann -bestehlen!
(547)
|
Ernst Bloch schreibt in seinem Werk Brief und Buch über den Unterschied der Qualität in der
Tradition von Epigrammen, die Leser und Schreiber als Personen, die dem Lesen und Schreiben
nachgehen, darstellen:
Kennzeichnendes Gefühl bei der Lektüre eines guten Autors:
Woher weiß der das von mir?
|
Ein guter Brief gibt Kunde vom Schreiber,
ein gutes Buch vom Leser.
(548)
|
545. Manso, Johann Kaspar Friedrich: Gedichte. In: Meyer´s Groschen-Bibliothek der Deutschen
Classiker. Hilperthausen s. t. [um 1850.]. S. 79.
546. In: Weinhold, Karl: Heinrich Christian Boie. Beitrag zur Geschichte der deut-schen Literatur im 18.
Jahrhundert. Halle 1868. S. 300. [Erstpublikation in: Mu-sen-Almanch für das Jahr 1776. S. 313.]
547. Wedekind, Frank: Werke in vier Bänden. Band 2. Dramen und Gedichte. Her-ausgegeben und
eingeleitet von Manfred Hahn. Berlin und Weimar 1969. S. 471.
548. Bloch, Ernst: Literarische Aufsätze. Frankfurt am Main 1984. S. 11.
|
|