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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Unter den Briefen von Literaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert sind Briefe der Dichter zur kritischen Theorie zu finden. In einem nicht datierten Schreiben an Heinrich Vormweg, das im Jahre 1969 veröffentlicht wurde, stellt Helmut Heißenbüttel mit den Begriffen (Gesellschafts-)Kritik und kritischen Theorie zur Gegenwart zur Sprache folgende Wirkungen fest: "Was die generelle (Gesellschafts-) Kritik heute unergiebig macht im Sinne eines wissenschaftlichen Hilfsmittels, ist ihr restaurativer Kern. Von Adorno bis zu den Neo-Marxisten beruht die Kritik darauf, daß etwas fehlt. [...] Diese Verwissenschaftlichung kritischer Theorien, wenn ich es einen Augenblick so nennen darf, bedeutet nicht die Verharmlosung ihrer Einwirkung auf Praxis, im Gegenteil, nur so werden sie relevant. [...] Wenn Sprache sich unmittelbar zur Praxis verhält, so bedeutet das auch, daß die Maßstäbe für ein Urteil nicht vorgegeben sein oder in einem neuen Kanon zusammengestellt werden können, sondern daß sie aus dem sprachlich-materiellen Verhalten der zu beurteilenden Literatur abgeleitet werden müssen." (608)

Schriftsteller und Kritiker, die einen Beitrag zur Literaturgeschichte leisten, sind nach dem zweiten Weltkrieg in der Deutschen Demokratischen Republik und in der Bundesrepublik Deutschland in Verbänden organisiert. Die vergleichende Literaturkritik der deutschsprachigen Literatur in der Deutschen Demokratischen Republik bezeichnet sich als antifaschistische deutsche Literaturkritik in der Tradition der Exilliteratur in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Vertreter Eberhard Günter, Werner Liersch und Klaus Walther geben seit dem Jahre 1977 bis zum Jahre 1989 die Zeitschrift Kritik mit dem Untertitel Rezensionen zur DDR-Literatur heraus. In ihrem ersten Artikel bemerkt Liersch: "Die Kritik ist mit der Gegenwart beschäftigt, und das bleibt so, aber mit sich selbst sollte sie auch in die Vergangenheit gehen dürfen." (609) Das Werk Geschichte der Literatur der Deutschen Demokratischen Republik erscheint als Arbeit von einem Autorenkollektiv unter der Leitung von Horst Haase, Hans Jürgen Geerdts, Erich Kühne und Walter Pallus in Berlin im Jahre 1977. Das Werk nennt die antikommunistische Konzeption und den Rang einzelner Schriftsteller und Werke als Methoden von mißgünstigen Kritikern. (610) Mit einem Aufruf an den Verband in der Deutschen Demokratischen Republik wird ein Brief an den Kongreß des Schriftstellerverbandes der DDR in Berlin im November 1987 publiziert, in dem Christa Wolf bemerkt: "Nicht die Ausgrenzung, sondern die Integration der jungen kritischen Autoren stünde ihm an." (611)

Die sozialistischen Ansätze der Literaturkritik betrachten Dichtung als nicht vom Künstler geschaffen, sondern von der Gesellschaft abhängige Werke. Ein Beispiel für die Literaturkritik durch die Politik rechtfertigende Literatur ist im Jahre 1974 Hermann Kählers Schrift Der kalte Krieg der Kritiker mit dem Untertitel Zur antikommunistischen Kritik an der DDR-Literatur. Die Metapher Sonne wird für die Literaturkritik in der Deutschen Demokratischen Republik von Kähler genannt: "Doch wer diese Bedingtheit des Urteils nur für das zeitgenössische Werk sieht, verengt das Problem. Auch in den Literaturgeschichten verändern sich ständig die Einschätzungen, selbst der allergrößten Sonnen am Firmament der Dichtung." (612) Als einen Vorwurf vermerkt Kähler über die Kritik im Dienste der Politik ihre Trivialität: "Der Nachweis, es wird Kritik im Dienste der Politik geschrieben, ist konkret auf d i e s e Kritik und d i e s e Politik gerichtet. Nicht, daß sie sich als Politik begreift, macht die Kritik trivial, sondern daß sie im Dienste einer r e a k t i o n ä r e n und i l l u s i o n ä r e n Politik steht." (613) Christa Wolfs Brief an Franz Fühmann aus Neu Meteln vom 27. Juni des Jahres 1979 ist eine private Stellungnahme, die mit den Worten abschließt: "Ich will dir nur zeigen, wie dein Buch einen ganzen Schwarm von Gedanken in mir aufgestört hat, der mir gerade recht kommt. Dankeschön, und mach´s gut. Deine C." (614)

Zurück zum Text  608. Heißenbüttel, Helmut; Vormweg, Heinrich: Briefwechsel über Literatur. Frankfurt 1969. S. 95.

Zurück zum Text  609. Arnold: Vorbemerkung. S. 5.

Zurück zum Text  610. Geschichte der Literatur der Deutschen Demokratischen Republik. Von einem Autorenkollektiv unter der Leitung von Horst Haase und Hans Jürgen Geerdts, Erich Kühne und Walter Pallus. Berlin 1977. S. 783.

Zurück zum Text  611. Wolf, Christa: Brief an den Kongreß des Schriftstellerverbandes der DDR in Berlin im Novem-ber 1987. In: Dies.: Ansprachen. Darmstadt 1988. S. 85-87. Zitat S. 87.

Zurück zum Text  612. Kähler, Hermann: Der kalte Krieg der Kritiker. Zur antikommunistischen Kritik an der DDR-Literatur. Berlin 1974. S. 18.

Zurück zum Text  613. Kähler: Der kalte Krieg der Kritiker. 1974. S. 38.

Zurück zum Text  614. Wolf, Christa: Ansprachen. 1988. S. 27-32. Zitat S. 33.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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