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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.3.5 Literaturkritik II: Theorien der Bewertung von Kritik in der Postmoderne

Unter diesen Betrachtungen zur Literaturkritik von der späten Neuzeit seit 1700 bis zur Gegenwart und auch in der jüngeren theoretischen Forschung herrscht die Frage nach dem Wert von Literatur vor, den die Kritik vermittelt. Fritz Lockemanns Abhandlung Literaturwissenschaft und literarische Wertung gliedert im Jahre 1965 den Begriff Gestalt nach den Kategorien Merkmale der Gestalt, lyrische Gestalt, epische und dramatische Gestalt und Ursprünglichkeit. (714) Dem Begriff Schönheit weist Lockemann als Kategorien die Eigenschaften Einstimmigkeit, Grade der Schönheit, Typen der Schönheit und Ordnungskraft der Gestaltungsmittel zu. Die Kategorien Lockemanns für die Persönlichkeit sind Individualität des Dichters und persönliche Auffassung. Das Wesen und Werte des Inhalts und die literarische Kritik bestehen nach Lockemann für das Amt des Kritikers in Maßstäben der Kritik. Hans Robert Jauß wies im Jahre 1970 auf die gemeinsame Aufgabe der Lesung für den Kritiker, Schriftsteller und Literarhistoriker hin. (715) Hartmut Steinecke vermerkte im Jahre 1982 in seiner Darstellung Literaturkritik des Jungen Deutschland, daß die Dichter des Jungen Deutschlands Kritik als eine literarische Gattung verstanden, die neben poetischen Gattungen existierte. (716) Manfred Geier vermerkt in seiner Schrift Methoden der Sprach- und Literaturwissenschaft im Jahre 1983 im Abschnitt Von Nutzen und Nachteil der Kritik zum Begriff ästhetische Mimesis: "Ästhetische Mimesis gesellschaftlicher Abstraktion ist immer aber auch in materialistischer Perspektive- radikale Kritik der allegorischen Welt." (717)

Als Erkenntnis des Forschungsstands im Jahre 1990 läßt sich über Literaturtheorien nach Martin Neubauers Abhandlung Poetik in Stichworten mit dem Untertitel Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe referieren, daß sie Kriterien verwenden, die sich mit dem Anspruch auf eine Referenzleistung gegenüber dem Text behaupten müssen. Diese Theorien berufen sich bei Neubauer auf Wertungen, deren Kriterien in historisch-vergleichender Betrachtung aus literaturhistorischem Blickwinkel von gesellschaftlichen Bedingungen abhängig sind. Neubauer stellt die Gleichung auf, daß je abstrakter diese Kriterien sind, desto mehr die Möglichkeit besteht, daß sie eine Ideologie oder einen anderen, außerhalb des literarischen Textes liegenden Sachverhalt repräsentieren. Neubauer behauptet, die Erforschung der Literaturkritik strebt nach allgemeingültigen Urteilen über literarische Texte. Die objektive Erfassung von Qualitätsmerkmalen durch die Interpretation und Wertung ist ein wesentliches Moment bei der Bildung eines Literaturkanons in Form eines Katalogs von Werken, die für die Entwicklung einer Kulturgemeinschaft als repräsentativ gelten. Neubauer kommt zu dem Schlusse, daß Literaturkritik sich nicht nur der Form von wissenschaftlichen Abhandlungen oder journalistischen Gebrauchsformen bedient. Ihre Formen sind für ihn jedoch nicht nach systematischen literarischen Eigenschaften erschlossen. (718) Da die Kriterien für die literarische Wertung von den jeweiligen kulturellen Normen abhängig sind, unterscheidet man nach Neugebauer hier in außerliterarische Kriterien und literarische Kriterien. (719)

Kriterien zur Bewertung von Literatur offenzulegen, zählt zum Verständnis von Arbeiten zur Erforschung der Literaturkritik. Eine Ableitung von Kriterien wird dabei in der Forschung von Werten genutzt. Peter Gebhardt bemerkt, in seine Edition Literaturkritik und literarische Wertung einleitend, über die Begriffe Kritik und Krise: "Kritik und Krise gehören zusammen, nicht nur etymologisch. Als eine ´permanente Krise´ stellt sich in Deutschland die Geschichte der Literaturkritik dar. Im Verbund mit der Hoffnung auf eine andere, bessere als die bestehende Kritik." (720) Die Schrift Einführung in die Wertung von Literatur von Renate Heydebrand und Simone Winko behandelt im Jahre 1996 nach der Ableitung von Grundbegriffen diese Kategorien mit dem Ausdruck Wert. Im Rahmen sozialen Handelns wird so typologisch und historisch in einem Überblick seit der Klassik bis zur Gegenwart eine Sache behandelt. Der Schluß ihrer Einführung ist als ein ideologiekritischer Ausblick in nachideologischer Forschungssituation über die Wirkung der Gesamtgesellschaft zu betrachten: "Nicht substantielle Werte (der Objekte oder Subjekte) bringen Werke den Kanon bzw. in differenziernde Kanones, sondern ihre Differenzierungsleistung für die Gesamtgesellschaft." (721)

Zurück zum Text  714. Lockemann, Fritz: Literaturwissenschaft und literarische Wertung. München 1965. Vgl. die Abschnitte S. 20-43, S. 59-86, S. 87-101, S. 102-116, S. 117-121, S. 121-128.

Zurück zum Text  715. Jauß, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt am Main 1970. S. 169.

Zurück zum Text  716. Steinecke, Hartmut: Literaturkritik des Jungen Deutschland. Entwicklungen, Tendenzen, Texte. Berlin 1982. S. 11.

Zurück zum Text  717. Geier, Manfred: Methoden der Sprach- und Literaturwissenschaft. Darstellung und Kritik. München 1983. S. 145.

Zurück zum Text  718. Neubauer, Martin: Poetik in Stichworten. Literaturwissenschaftliche Grund-begriffe. Eine Ein-führung von Ivo Braak. 7., überarbeitete Auflage von Martin Neubauer. Wien 1990. S. 38.

Zurück zum Text  719. Neubauer: Poetik in Stichworten. 1990. S. 38-39.

Zurück zum Text  720. Literaturkritik und literarische Wertung. Herausgegeben von Peter Gebhardt. Darmstadt 1980. S. 1.

Zurück zum Text  721. Vgl. beispielsweise den Ausdruck ´Literatur als kulturelles Kapital´ in: Heyde-brand, Renate von; Winko, Simone: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik, Geschichte, Legitimation. Paderborn, München, Wien, Zürich 1996. S. 320. Zitat S. 321.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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