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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


2.3.7 Begriffe der Kritik in romanischen Ländern im 20. Jahrhundert

Exemplarisch für die Literaturkritik in Frankreich im Jahre 1987 ist Jean-Yves Tadiés Schrift La critique littéraire au XXe siècle. Tadié gliedert in diesem Zeitabschnitt ihre Vertreter in die russischen Formalisten (formalistes russes), die deutsche Kritik (critique allemande), die Kritik des Gewissens (critique de la conscience), die psychoanalytische Kritik (critique psychoanalytique), die Kritik des Imaginären (critique de lŽimaginaire) in den Bereichen Soziologie der Literatur (sociologie de la littérature), Linguistik und Literatur (linguistique et littérature), Semiotik der Literatur (Sémiotique de la littérature), Poetik (poétique) und genetische Kritik (la critique génétique). Im Abschnitt über die Begriffe interpretationsimprägnierte Realität, konstruktiver Realismus und Konstruktionsinterpretationismus vermerkt Tadié über Verfahren und Regeln der Kritik: "Ohne Kritik und Kritikregeln läßt sich ein Kritikverfahren beziehungsweise eine Kritikregel nicht mit Gründen ablehnen!" (734)

Unter dem Titel Critique et vérité verfaßte Roland Barthes im Jahre 1967 ein Werk mit den Begriffen Wahrscheinlichkeitskritiker, Objektivität, Geschmack, Klarheit, Asymbolismus, plurale Sprache, Wissenschaft von der Literatur, Kritik, Lektüre und Krise des Kommentars. In seinem Überblick behauptet er über den Begriff Kritik und den Bruch mit der philologischen Tradition der Kritik vom Standpunkt des Semiotikers: "Die Kritik ist nicht die Wissenschaft; diese behandelt die Bedeutungen, jene bringt welche hervor." (735) Barthes vermerkt in seiner Schrift auch den Begriff wahrhafte Kritik (vraisemblable critique) (736) und spricht von der Krise des Kommentars (crise du commentaire). (737) Barthes grenzt in der Originalschrift eine Kritik, die Wahrnehmungen (sens) vermittelt, von der Wissenschaft und Lesung ab, die diese hervorbringen: "La critique nŽest pas la science. Celle-ci traite des sens, celle-là en produit. Elle occupe, comme on lŽa dit, une place intermédiaire entre la science et la lecture; elle donne une langue à la pure parole qui lit et elle donne une parole (parmi dŽautre) à la langue mythique dont est faite lŽoeuvre et dont traite la science." (738) Die Frage nach dem Rang von Kritik hat Barthes in seiner Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel Literatur oder Geschichte im Aufsatz Was ist Kritik? im Jahre 1969 anhand des Merkmals von Kritiken untersucht, daß der Verweis auf sie selbst und das Werk kennzeichnend ist: "Jede Kritik ist Kritik des Werkes und Kritik ihrer selbst." (739)

Benetto Croce ist ein Vertreter der Moderne, der den Gedanken der Nachahmung von Kritik ablehnt und die Autonomie der Kritik zum Thema seiner Arbeit macht. In Italien sprach Croce im Jahre 1970 in der Abhandlung Die Dichtung beim Verhältnis zwischen der Kritik und der Geschichte der Dichtung von einer Beurteilung der Dichtung als Synthese von Einfühlung und Denken. (740) Croce vermerkte, daß eine Geschichte nach Gattungen die letzte der falschen Literaturgeschichten ist, die eine eigene Kritik hervorgebracht hat. (741) Croce notiert in der Schrift Die Dichtung zum Kritiker, daß er auch ein Psychologe und Philosoph ist, der die Einordnung von Literatur nach Klassen vornimmt: "Der Kritiker muß in Wirklichkeit nicht ein Moralist sein, sondern ein Philosoph, der über die menschliche Seele in all ihrer Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Dialektik nachgedacht hat; [...] Dabei entfaltet der Kritiker seinen Scharfsinn und gibt eine Probe seines Feinsinns und seiner Einfühlungsgabe; er gibt sich erst dann zufrieden, wenn es ihm, nachdem er den Grundtenor des Werkes erfaßt hat, bei wiederholter, aufmerksamer Lektüre schließlich gelingt, ihn in eine Formel zu bringen, die zeigt, daß der Gefühlsgehalt der jeweiligen Dichtung in die nächstliegende Klasse, die ihm bekannt ist oder die er für diesen Anlaß erfunden hat, eingeordnet ist." (742) Bei Croces Unterscheidung zwischen Übersetzung und Kritik wird der Kritik eine übergeordnete Aufgabe zugeordnet: "Die Übersetzung aber gehört, wenn sie analytisch und prosaisch ist, allerhöchstens zur philologischen Vorbereitung der Lektüre und nicht zur Kritik der Dichtung; auch wenn sie synthetisch und künstlerisch ist, gehört sie nicht dazu, denn sie ist eine Variation des dichterischen Werks, während die Kritik an ihre unteilbare Realität gebunden bleibt und sich nicht davon lösen kann, ohne aufzuhören, Kritik zu sein." (743) Croce schreibt am 10. Juli im Jahre 1903 an Karl Vossler: "Diese letzten anderthalb Monate habe ich alle Hefte der Critica vorbereitet bis zum sechsten, eben um in der Sommerfrische an anderen Dingen arbeiten zu können." (744) Vossler schreibt am 30. Dezember des Jahres 1903 an Croce: "Mit großer Freude habe ich das letzte (November-) Heft Ihrer Critica gelesen. Richtig wie immer scheint mir Ihr Urteil über Di Giacomos Werk." (745) Vossler schreibt am 28. Januar des Jahres 1904 an Croce folgende Nachricht mit dem Lob der Unparteilichkeit seines Urteils: "Ich habe das Heft Ihrer Critica erhalten und fast ganz gelesen. Ich bewundere die Unparteilichkeit Ihres Urteils über DŽAnnunzio." (746)

Zurück zum Text  734. Tadié, Jean-Yves: La critique littéraire au XXe siècle. Paris 1987. S. 281.

Zurück zum Text  735. Bartes, Roland: Kritik und Wahrheit. Frankfurt am Main 1967. S. 75.

Zurück zum Text  736. Barthes, Roland: Critique et verité. Paris 1966. S. 14.

Zurück zum Text  737. Barthes: Critique et verité. 1966. S. 46.

Zurück zum Text  738. Barthes: Critique et verité. 1966. S. 63.

Zurück zum Text  739. Barthes, Roland: Literatur oder Geschichte. Aus dem Französischen von Hel-mut Scheffel. Frankfurt am Main 1969. S. 65.

Zurück zum Text  740. Croce, Benetto: Die Dichtung. Einführung in die Kritik und Geschichte der Dichtung und der Literatur. Ins Deutsche übertragen von Wolfgang Eitel. Mit einem einführenden Vorwort von Johannes Hösle. Tübingen 1970. S. 86-92.

Zurück zum Text  741. Croce: Die Dichtung. 1970. S. 143.

Vgl. auch den Ansatz zur Gattungsgeschichte und literarischem Werturteil bei: Müller-Seidel, Walter: Probleme der literarischen Wertung. Über die Wissen-schaftlichkeit eines unwissenschaftlichen Themas. Stuttgart 1969. S. 85-119.

Zurück zum Text  742. Croce: Dichtung. 1970. S. 100.

Zurück zum Text  743. Croce: Dichtung. 1970. S. 98.

Zurück zum Text  744. Croce, Benetto: Briefwechsel. Benedetto Croce. Karl Vossler. Berlin und Frankfurt am Main 1955. S. 58-59. Zitat S. 59.

Zurück zum Text  745. Croce: Briefwechsel. 1955. S. 62. Zitat S. 62.

Zurück zum Text  746. Croce: Briefwechsel. 1955. S. 64-65. Zitat S. 64.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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