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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


3 Vermittlung von Wissenschaft und Kunst durch Methoden der Kritik

3.1 Methoden und Begriffe der Kritik zur Theorie wissenschaftlicher Erkenntnis

3.1.1 Critica als historischer Begriff für politische Kritik im 18. Jahrhundert

Neben naturwissenschaftlichen, juristischen, medizinischen und theologischen Abhandlungen werden unter der Bezeichnung Kritik in der Neuzeit auch Schriften zur Politik veröffentlicht. Unter den antiken Schriften über den griechischen Staat sind Platons Werk über den utopischen Staat und Xenophons Abhandlung über den Staat der Athener vertreten. Xenophon behandelt in diesem Werk das Gerechtsein (deltaiotakappaalphaiotaomicronnu epsiloniotanualphaiota) von Herrschaften (alpharhochiomeganu). (747) Die Utopie ist eine Form der Darstellung von Kritik in der Literatur der Neuzeit, die sich an Platons Werk über den ideelen Staat anschließt. Thomas Morus behandelt in seinem Geleitbrief an Petrus Aegidius zum Werk Der utopische Staat (De optimo rei publicae statu, deque nova insula utopia) die Frage nach der Lage von Utopien. (748) So schreibt Morus in seinem Brief an Aegidius einen Bericht über seine Arbeit: "Habe ich doch ständig mit Gerichtssachen zu tun: bald führe ich einen Prozeß, bald höre ich zu, bald schlichte ich als Schiedsmann, bald entscheide ich als Richter, bald habe ich einen amtlichen, bald einen geschäftlichen Besuch zu machen." (749) Im Vorwort Thomas Morus Petro Aegidio s. d. beschreibt Morus das Beurteilen (iudicare) der Begabung (ingenium) von Schreibern (scriptor): "Hi sedunt in tabernis, & inter pocula de scriptorum iudicant ingeniis, magnoque cum autoritate condemnant utamque libutum est, suis quemque scriptis, veluti capillicio vellicantes, ipsi, interim tuti, & quod dici solte, epsilonxiomega betaepsilonlambdaomicronsigmaf." (750) In der Baseler Ausgabe wird im Jahre 1524 Der Utopianer Alphabet mit ihren Schriftzeichen und vier Versen in utopianischer Sprach veröffentlicht, der die Reden des Hythlodeus über die Insel folgen.

Im 18. Jahrhundert werden Staatsleute und antike Kritiker von Autoren aus Deutschland in Vergleichen beschrieben. Das Bild des Kritikers, der vom Staatsmann gefördert wird, wird auch von Autoren für die Beschreibung des Aufbaus eines Staates genutzt. Das Ideal vom Kritiker ist in der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts verbunden mit Objektivität, Unparteilichkeit und ethischen und ästhetischen Qualitäten bei der Beurteilung. Das Ideal wird zurückgeführt auf antike Autoren wie Quintilian, Horaz, Cicero und Pseudo-Longin. Der Kritiker ist nach diesem Ideal verpflichtet, Kühnheit als eine lobenswerte Eigenschaft des Künstlers im 18. Jahrhundert hervorzuheben. Der Kritiker ist dabei auch -ganz nach der Lehre der Beredsamkeit vom genus demonstrativum- der Berater eines Staatsmannes. Mit dem Begriff ´Kunst der Kritik´ (ars critica) werden philologische Gesichtspunkte, die in der antiken Literatur mit diesem Begriff verbunden waren, in Werken beschrieben, die auf pragmatische Gesichtspunkte für die Etablierung der Politik von Herrschenden durch die Hilfe von Kritikern ausgerichtet sind. Eine Verbindung zwischen dieser Kunst und den artes liberales wie Rhetorik und Kritik wird im 19. und 20. Jahrhundert für die Beurteilung genutzt. Zitate von Quintilians Lehren in der Institutio Oratoria finden sich unter den Beschreibungen von Aufgaben der Kunst der Kritik (ars critica) gegen Mitte des 18. Jahrhunderts in zeitgenössischen Reden von Philologen. Diese Autoren berufen sich - mit unterschiedlicher Intention der jeweiligen Rede- auf die Funktionen von Kritikern in der Antike. Die Vertreter der Kunst der Kritik (ars critica) in der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts werden mit einem Hinweis auf die Terminologie der Kritik für Anweisungen zur Ausbildung des Redners genannt. Eine Quelle dieser Terminologie befindet sich in der antiken Rhetorik, die eine Grundlage für die Literaturkritik bildet. In lateinischer Sprache werden Begriffe für die Methoden und Bezeichnungen der Gattung genutzt.

´Kunst der Kritik´ (ars critica) ist in der Aufklärung eine Bezeichnung für eine Methode der Textbearbeitung in der Philologie und Grammatik. Der Begriff wird für die Bezeichnung der antiken Rhetorik bei der Darstellung von Quintilian und zur Beschreibung von Methoden und Formen von Texten zur Umschreibung des praktischen Anwendungsbereichs der Rhetorik in der Kritik von Kunst und Literatur in Staatsschriften eingesetzt. In diesen Schriften wird von Autoren nach den Disziplinen Philologie und Geschichtsschreibung ein Ideal von Kritikern dargestellt, die als Vertreter einer Kunst der Kritik (ars critica) Anteil an verschiedenen Disziplinen haben. Das Bild ist noch in Johann Ernst Immanuel Walchs Schrift De arte critica veterum Romanorum aus dem 17. Jahrhunderts durch die Übernahme von dessen Anweisungen zur Rednerausbildung in der Institutio Oratoria geprägt. Quintilian repräsentiert für Walch die Personalunion von Rhetoriker, Kritiker und Grammatiker und wird neben anderen Vertretern als ein Gewährsmann für Lehren in den Fächern Rhetorik, Dichtung und Kunst der Kritik (ars critica) herangezogen. (751) Eine Gliederung dieser ´Kunst der Kritik´ (ars critica) in drei Disziplinen legt Walch zugrunde. So verwendet Walch die Dreiteilung von Kritik in die Bereiche der Anwendung in der Philosophie, Geschichte und Grammatik. Als Vertreter der Disziplinen aus der antiken Kunst der Kritik (ars critica) dienen ihm Homer, Aristoteles und die in platonischen Schriften dargestellten Personen Kratylos, Gorgias, Ion und Sokrates. (752) Neben dieser Definition des Gegenstands für den Bereich der Kritik bestimmt er als philologische Aufgaben der Kunst der Kritik die Verbesserung (emendatio) von falschen Textstellen und die Auslegung (interpretatio) eines Textes. (753) Als Bestandteile der Literaturkritik führt Walch das Wissen, richtig zu sprechen (recte loquendi scientia) und die dichterische Erzählung (narratio poetarum) an. Eine Aufgabe der Kritik (critica) ist die Deutung der Dichter (interpretatio poetarum). (754) So bemerkt Walch, daß die Kritik zu den Aufgaben der Rhetorik gehört und Rhetoriker wie Dionysius Halicarnassus und Isokrates für die Leistungen der angewandten Methoden der Kritik beispielhaft sind. (755) Für die Methode des rechtmäßigen Schreibens mit dem Begriff Verfahren des rechten Schreibens (recte scribendi ratio) beruft er sich auf Quintilian, der diese Fähigkeit als Quelle des Urteils mit dem Begriff Urteil (iudicium) betrachtet. (756) Walch weist mittels des historischen Beispiels Quintilians darauf hin, daß der Kritiker (criticus) und der Grammatiker (grammaticus) identisch sein können. (757) Als Beispiel dieser Personalunion dient ihm Quintilian, der nicht nur die Vorschriften für das gute Reden (bene dicendi), sondern auch die Methoden der Erregung von Affekten (ratio concitandorum affectuum) beherrschte. Als Arten und Gebrauch von Sentenzen (genera et usus sententiarum) werden die Erfindung (inventio propositionum) und die Art und Weise des Lesens und Nachahmens von Literatur (legendi atque imitandi modus) vermittelt. (758) Ein Beispiel für die Anwendung einer Kunst der Kritik (ars critica) als philologische Kritik an Texten im 18. Jahrhundert ist Johannes Ernst Immanuel Walch. Einen Bereich der Anwendung von Kritik repräsentiert im Jahre 1757 ein Werk von Ernst Immanuel Walch, das mit der Terminologie der Kritik für Kunst und Literaturgeschichtsschreibung als ein historisch-kritischer Kommentar zu den Quellen konzipiert ist.

Zurück zum Text  747. Xenophon: Opera omnia. Recognovit, brevique adnotatione critica instruxit E. C. Marchant. Tomus V. Opuscula. Oxford 1968. S. 1.

Zurück zum Text  748. Der utopische Staat. Morus. Utopia. Campanella. Sonnenstaat. Bacon. Neu-Atlantis. Übersetzt und mit einem Essay ´Zum Verständnis der Werke´. Bibliographie und Kommentar herausgegeben von Klaus J. Heinisch. Hamburg 1960. S. 15.

Zurück zum Text  749. Morus, Thomas: Ein wahrhaft kostbares und ebenso bekömmliches wie kurz-weiliges Buch über die beste Staatsverwaltung und die neue Insel Utopia verfasst von dem hochberühmten Thomas Morus Bürger der weltbekannten Stadt London unter Mithilfe des Magisters Peter Aegid aus Antwerpen. Mit sechzehn zeitnahen Bildern von Michael Mathias Prechtl. Maler zu Nürnberg. München 1687. S. 9-10.

Zurück zum Text  750. Morus, Thomas: De optimo rei publicae statu, deque nova insula utopia. Libri II. Frankfurt am Main 1601. S. 3-12. Zitat S. 10-11.

Zurück zum Text  751. Walch, Johann Ernst Immanuel: De arte critica veterum romanorum liber. Jena 1757. S. 32- 33.

Zurück zum Text  752. Walch: De arte critica. 1757. S. 23.

Zurück zum Text  753. Walch: De arte critica. 1757. S. 6.

Zurück zum Text  754. Walch: De arte critica. 1757. S. 190.

Zurück zum Text  755. Walch: De arte critica. 1757. S. 46.

Zurück zum Text  756. Walch: De arte critica. 1757. S. 52.

Zurück zum Text  757. Walch: De arte critica. 1757. S. 74.

Zurück zum Text  758. Walch: De arte critica. 1757. S. 75.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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