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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Wie eine Argumentation in der Kritik durch die Widerlegung von Behauptungen verläuft, dokumentiert Christian Wilhelm Franz Walch in seiner in schriftlicher Form erhaltenen Rede De eloquentia Latina veterum Germanorum, die im Jahre 1752 in Jena veröffentlicht wurde. Diese angewandte Kritik ist eine Methode, mit der die Fehlinterpretation der Geschichtsschreibung von Tacitus nachgewiesen wird und als Bestandteil eines kulturellen Konzeptes mit der Übernahme der artes liberales veranschaulicht wird. Walchs Rede ist auch ein Beispiel praktischer Kritik an der Literatur antiker Autoren. Das negative Urteil wird in der Überlieferung der Geschichtsschreibung von Tacitus hier veranschaulicht. Das lobende Urteil bezieht sich auf das überlieferte Bildungsgut, das auch hier durch Quintilian repräsentiert ist. Die Beweisführung zielt in dieser Rede auf den Nachweis und das Lob der Beredsamkeit als eloquentia der Germanen. Walchs Rede ist ein Beispiel für die Untersuchung der Übertragung und der Überlieferung des kulturellen Erbes der artes liberales bei den Römern und Germanen. Das Fortwirken der freien Künste auf die Germanen dient Walch zur Entkräftung der Behauptung, daß die Germanen den Römern hinsichtlich ihrer kulturellen Leistungen unterlegen seien. Die Behauptung des Fortbestandes der artes liberales bei den Germanen weiß Walch argumentativ zu stützen. Die Behauptung, daß die Germanen nicht mit den artes liberales vertraut seien, führt er zunächst auf falsche Interpretationen des Tacitus zurück. Im zweiten Schritt verweist Walch auf das historische Beispiel des Arminius, der als Person für den Nachweis dient, daß die Germanen in Latein verfaßte Briefe an die Römer schickten. Arminius dient ihm zum anderen als ein Argument für den Schluß, daß sich das rhetorische Ideal des rechtmäßigen lateinischen Ausdruckes auf die Germanen übertragen läßt. So weist Walch nach, daß die Germanen von den kulturellen Errungenschaften des antiken Roms Gebrauch machten. (759) Im Gegensatz zur Überlieferung der Geschichtsschreibung von Tacitus wird Quintilian als Rhetor Roms beschrieben, der für beide Nationen förderlich ist. (760)

Johann Georg Walchs Werk Philosophisches Lexikon erscheint mit einer Kurzen kritischen Geschichte der Philosophie in der vierten Auflage im Jahre 1775. Walch beschreibt in seinem Philosophischen Lexikon mit dem Begriff Criticus eine Methode der neueren Scribenten der Gegenwart, durch Bücher und Ingenium die Critic auszuüben:

"Von den neuern Scribenten ist dieses Wort in weiterm und engern Verstande gebraucht worden. Im weitern Sinn begreift sie so wohl die gruendliche Erkenntnis einer Sprache, als auch die Wissenschaft, die verderbten Stellen eines Scribenten zu verbessern. Clericus fordert in seiner arte critica von einem Critico auch die Geschicklichkeit, theils eine Methode, die Sprachwissenschaften zu erlernen, fuerzuschreiben, theils eine dunkele Rede deutlich zu machen, [einige erklaeren die Critic durch eine Wissenschaft oder Fertigkeit, die Regeln der Vollkommenheit in den Sprachen und freyen Künsten oder Schoenen Wissenschaften zu beurtheilen und anzuwenden. Wer aber solche besitzt, wird ein Kunstrichter genennet. [...] Im engern und eigentlichen Verstand verstehet man durch die Critic die Wissenschaft, die verderbten Stellen der Scribenten zu verbesssern, und die eingeschalteten Glossemata in den Büchern auszumerzen. Die Mittel, deren sich die Critici bey solchen Verrichtungen bedienen müssen, sind theils die geschriebenen Buecher, theils das eigne Ingenium. Es ereignen sich gewissen Fälle, da man bey der critischen Verbesserung des Beystandes der geschriebenen Buecher nicht entrathen kann, wenn z. B. im Text etwas fehlt, gewisse nomina propria verderbet sind, ein nicht so kaenntliches Glossema sich eingeschlichen hat. Man muß sich aber dieser Buecher recht bedienen, nemlich nicht verstand, daß man das wahrscheinliche von dem unwahrscheinlichen, oder bloß moeglichem unterscheide. Hieraus fließet die Regel: man solle sich fuer der aberglaeubischen Hochachtung der geschriebenen Buecher hueten, indem auch die alleraeltesten geschriebenen Codices verderbet sind. [...] Das andere critische Huelfsmittel ist das Ingenium, oder diejenige Faehigkeit des Verstandes, allerhand moegliche Verknuepfungen zu versuchen, welche Verknuepfungen man in gemeinem Leben Einfälle nennet. Die critischen Einfälle des Ingenii muessen dem Judicio uebergeben, und von demselben nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit gepruefet wuerden. Hieraus fließet die Regel: Man soll sich von der critischen Verwegenheit hueten. Das critische Principium ist die Empfindung der Wahrscheinlichkeit, wie man denn bey den critischen Verbesserungen weiter nichts, als eine Wahrscheinlichkeit haben kann: [...] Derjenige, der nach Beschaffenheit seines Zustandes sich in der Critic umsehen will, muß eine gute Sprachwissenschaft, eine Erkenntniß der alten geschriebenen Buecher besitzen, und in der Logic, sonderlich in der Lehre von der Wahrscheinlichkeit bekannt seyn. Doch muß er sich vor der critischen Pedanterey und Marktschreyerey in Acht nehmen. [...] Wird ein Liebhaber der Critic diejenigen, welche Regeln davon gegeben, mit Bedacht lesen, so wird diese Bemuehung nicht ohne Frucht seyn. [...] Der Nutze der Critic ist ohne Zweifel nicht geringe, welcher man, so lange man mit alten Schriften zu thun hat, nicht entbehren kann." (761) Walch definiert das Criterium der Wahrheit in der Logik als ein "Kennzeichen, wodurch man ueberhaupt ueberzeuget wird, daß etwas wahr, oder falsch sey, davon schon die alten Philosophen ungleicher Meinung waren. Denn einige unter ihnen nahmen ihre Zuflucht zu den Sinnen allein, andere zum Gemuethe." (762)

Zurück zum Text  759. Walch, Christian Wilhelm Franz: De eloquentia latina veterum Germanorum. Jena 1752. S.12.

Zurück zum Text  760. Walch: De eloquentia latina. 1752. S. 14.

Zurück zum Text  761. In: Walch, Johann Georg: Philosophisches Lexikon. Vierte Auflage in zween Theilen. Leipzig 1775. S. 662-663.

Zurück zum Text  762. Walch: Philosophisches Lexikon. 1775. S. 658.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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