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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Die Psychologen der Moderne benutzen Begrifffe der Kritik für die Bezeichnung von Methoden. August Vetters Werk Kritik des Gefühls wird im Jahre 1923 publiziert. Vetter spricht von einem psychologischen Kritizismus und der Kritik der Moral. (785) Zu Nietzsche bemerkt er: "Sein Spott über den "Mann im Mond" und über das "Weib in der Musik" ist eine Selbstironie." (786) Vetter verwendet im ersten Teil seiner Abhandlung die Begriffe Wirklichkeit, Verwirklichung, Selbstverwirklichung und Begriffsbestimmung für die Person. Weitere Begriffe für die Person sind Doppelsinn der Personalität und Ablösung von den Eltern. (787) In einem weiteren Teil verwendet Vetter den abstrakten Begriff Lebenswende als Ausdruck für Reifungskrise, den Begriff Mitte als Ausdruck für einen strukturpsychologischen Ansatz und die Metaphern Schichtenspannung, Stadiengegensatz, Verdrängung der pneumatischen Sicht und Welken und Reifen als Ausdrücke für eine Entscheidung. (788) Vetter untersucht in der Abhandlung Die Zeichensprache von Schrift und Traum mit dem Untertitel Einführung in die anthropologische Diagnostik Bilder in einer Symbolik des Traums nach Aussagen von Frau und Mann unterscheidend als typische Ausdrücke der Krisis der Lebenswende: (789)

"Der Wesensunterschied weiblicher und männlicher Einstellung zur Zeitlichkeit der Existenz tritt nur noch deutlicher hervor, wenn nun abschließend noch die Krise der Lebenswende in die Traumdiagnostik einbezogen werden soll. [...] Inwiefern der Geschlechtergegensatz in die Doppeldeutigkeit dieser Krisis des Übergangs hineinragt, sei an der Symbolik folgender Traumaussagen näher erläutert. (790) Zur Interpretation des Traumes bemerkt Vetter für die Methode ihrer kritische Beurteilung eine strukturpsychologische Grundlegung: "Für ihre kritische Beurteilung aber darf die Kenntnis ihrer strukturpsychologischen Grundlegung und die Auseinandersetzung mit ihr als unerläßlich gefordert werden." (791)

Der Witz wird als Form der Kritik von Siegmund Freud beschrieben. Freund schreibt über den Witz als Methode der Kritik gegen Höhergestellte mit Autorität: "Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Entgegnung durch äußere Umstände ist ein so häufiger Fall, daß der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ermöglichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, die Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird." (792) Über das Bild als Material zur Beeinflussung der Masse schreibt Freud: "Masse ist mit Bildern durch Gefühle zu beeinflussen." Freund bemerkt den Mangel der Kritik in der Masse, die von der Massenpsychologie und in der Ich-Analyse erkannt werden: "Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens einstellen, und die in keiner verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwänglich. Die Masse kennt weder Zweifel noch Ungewißheit." (793) Die zwischen Freud und Jünger gewechselten Briefe sind Beispiele für die Anwendung von Methoden der Kritik zur Erforschung der Seele. Freund schreibt am 4. April des Jahres 1900 an Wilhelm Fiess über die Kritik des Lesers und die Art der Reflektion des Autors einen Brief:

Dr. Sigm. Freud,
Dozent für Nervenkrankheiten
a.d. Universität
             Wien, 4.4. 1900
IX. Berggasse 19.

Teurer Wilhelm, Der Ausdruck der Gefühle läßt sich aufschieben, Geschäftliches erfordert Erledigung. Darum rasch die Antwort, daß ich nicht dabei bin, für die Rundschau einen kleinen Traum zu schreiben. Aus einer Anzahl von Gründen. Erstens will dies nach der großen Arbeit ein schweres Mißvergnügen ist, zweitens weil ich solchen Essay schon für Löwenfeld versprochen habe, es also gar nicht anders kann. Drittes weil es ein Vergehen gegen die Differenzierung ist, die darin sich zeigt, daß der Eine ein Buch schreibt und ein anderer es referiert, wobei noch der Leser die Kritik und der Autor die Art, wie sich sein Werk bei einem Fremden reflektiert, dazubekommt. Vierens endlich soll die Rundschau nicht genötigt werden, ein Referat wider ihren Willen zu bringen. Ein widerwilliger Referent verwandelt sich sofort in einen widerwärtigen. Dies scheint auch das Geheimnis der Burckhardschen in der " Zeit" gewesen zu sein, einer Kritik, die mit all ihrer Blödheit das Buch in Wien umgebracht hat. Fünftens will ich alles vermeiden, was einer Reklame ähnlich sieht. Ich weiß, was ich mache ist der Mehrzahl widerwärtig. Solange ich völlig korrekt bleibe, sind die Herren Gegner unsicher, erst wenn ich dasselbe tue wie sie selbst, werden sie sich sicher fühlen, daß ich nichts Besseres mache als sie. Durch ähnliche Erwägungen habe ich mich seinerseits abhalten lassen, eine Kritik über dein Buch zu schreiben, die mir sonst nahe gelegen wäre. (794)

Zurück zum Text  785. Vetter, August: Nietzsche. Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen Abt. VIII. Die Philosophie der neuesten Zeit II. Band 37. München 1926. S. 119.

Zurück zum Text  786. Vetter, August: Lebenswende als Reifungskrise. Osnabrück 1961. S. 143.

Zurück zum Text  787. Vgl. die Begriffe in: Vetter: Lebenswende. 1961. S. 1-23.

Zurück zum Text  788. Vgl. die Begriffe in: Vetter: Lebenswende. 1961. S. 27-51.

Zurück zum Text  789. Vetter, August: Die Zeichensprache von Schrift und Traum. Einführung in die anthropologische Diagnostik. München 1974. S. 304.

Zurück zum Text  790. Vetter: Die Zeichensprache. 1974. S. 305-306.

Zurück zum Text  791. Vetter: Die Zeichensprache. 1974. S. 309.

Zurück zum Text  792. Freud, Siegmund: Gesammelte Werke. Band 6. Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewußten. Frankfurt am Main 1940. S. 114.

Zurück zum Text  793. Freud, Siegmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Unter Mitwir-kung von Marie Bonaparte Herausgegeben von Anna Freud. Dreizehnter Band. London 1940. S. 82-83.

Zurück zum Text  794. Freud, Siegmund: Aus den Anfängen der Psychoanalyse. Briefe an Wilhelm Fiess, Abhandlungen und Notizen aus den Jahren 1887-1902. London 1950. S. 337-338.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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