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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Freund schreibt am 7. Mai des Jahres 1900 an Wilhelm Fiess über das Verhältnis zwischen ihm als Autor und den Kritikern: "Kein Kritiker ... kann schärfer als ich sehen, welches Mißverhältnis sich zwischen Problemen und Lösungen auftut, und zur gerechten Strafe wird es mir sein, daß keine der unentdeckten Provinzen im Seelenleben, die ich zuerst von den Sterblichen betreten, je meinen Namen führen oder meinen Gesetzen gehorchen wird." (795) Für ein Verfahren der Kritik in der Psychologie verwendet Paul Natorp im Jahre 1912 den Begriff Erkenntniskritik in seinem Werk Allgemeine Psychologie nach kritischen Methoden. (796) Die bildlichen Formen für die Seele, die in der Kritik und Phantasie ausgedrückt werden, sind von Karl Gustav Jung beschrieben worden. Jungs Kritik an der Theorie von Typen sind mit einer Definition der Rezeption von Phantasie durch die bewußte Kritik bei passiven Phantasien und die intellektuelle Kritik bei der aktiven Phantasie in seiner Schrift Psychologische Typen behandelt worden. Jung beschreibt bewußte Kritik und Verständnis als notwendig für die passive und aktive Phantasie: "Die passive Phantasie bedarf daher immer einer bewußten Kritik, wenn sie nicht einseitig den Standpunkt des unbewußten Gegensatzes zur Geltung bringen soll. Die aktive Phantasie dagegen, als das Produkt einerseits einer zum Unbewußten nicht gegensätzlichen bewußten Einstellung und andererseits unbewußter Vorgänge, die sich nicht gegensätzlich, sondern bloß kompensatorisch zum Bewußtsein verhalten, bedarf dieser Kritik nicht, sondern bloß des Verständnisses." (797)

Im Dritten Reich wurde die Charakterlehre als Teil der militärischen Ausbildung und Lehre betrachtet. In der Reihe Die Lehre von der praktischen Menschenkenntnis, die mit dem Untertitel Praktische Charakterologie vom Psychologischen Laboratorium des Reichswehrministerium herausgegeben wird, erscheint im Jahre 1935 die Abhandlung Analyse des Gebarens des Psychologen Hermann Strehle. Strehle beschreibt in seiner Typenlehre die Ähnlichkeit des Freimütigen mit dem Natürlich-Offenen, der freie Zuwendung mit voll geöffnetem Auge und natürliche pupilarische Sicherheit zeigt und dessen Gefühlsausdruck unmittelbar und frisch wirkt. Dieser wird nach Strehles Beschreibung durch Gegenstandungen nicht, oder nach Maßgabe der herrschenden Sitte nur leicht abgebremst. Den Freimütigen zeichnen darüber hinaus in Strehles Charakterisierung deutliche zentrierte Spannungen, selbstbewußte Haltung mit geweiteter Brust, und ein gerader, senkrecht zur Antlitzfläche verlaufender Blick aus. (798) Über die Körperhaltung schreibt er: "Der Hals wird frei getragen. Hände und Arme nehmen keine besonderen Bereitschaftsstellungen ein. Seine Reaktionen erfolgen entsprechend dem psychischen Tempo, aber ohne Zögern gleichmäßig und sicher. Durch den sozialen Kontakt werden keine Reaktionen wie Flucht, Abwehr oder Schrecken ausgelöst." (799)

Die Darstellung der Kritik im Bilde beschreibt der Maler Rudolf Schlichter in einem Brief vom 25. November 1936, in dem er Ernst Jünger zu einem Photo seines Bildes Liebe in mondloser Zeit folgendes berichtet: "Lieber Ernst Jünger, anbei ein Photo meines neuen Bildes "Liebe in mondloser Zeit". Das Bild ist gut gelungen, die Tonwerte entsprechen im grossen Ganzen genau dem Original. Die Farbengebung ist folgende: Gewand der Frau weiss, die Schärpe hellrosa, die Schuhe zinoberrot, Hautfarbe blassbräunlich (wie beim Akt), Haare dunkelblond. Schuhe braun, Strümpfe Weiss. Hintergrund dunkles Grün mit roten, weissen und gelben Dahlien und Chrysanthemen. Die Steinbank graurötlich mit Moos überwachsen. Abendhimmel kurz vor Sonnenuntergang. Die Stadt rötlichbraun. Vielleicht gibt diese Beschreibung Ihnen eine ungefähre Vorstellung des Bildes." (800) Am 26. Februar antwortet Ernst Jünger in einem Brief über das Gemälde von Schlichter mit dem Motiv Mond folgendes: "Lieber Herr Schlichter! Ihre "Liebe in mondloser Zeit" habe ich gestern abend lange betrachtet und meine Begierde ist groß, das Bild in seiner farbigen Wirklichkeit zu sehen. [...] Vor allem zieht mich die Luftleere des Raumes an, die sie gut getroffen haben - der Anblick ruft den Wunsch nach einer Welt hervor, in der die Menschen ausgestorben sind." (801) Als Wirkungen des Mondes werden neben Affekte und Empfindungen auch Zeichen in Jüngers Werk Sizilischer Brief an den Mann im Mond im Jahre 1943 beschrieben. Der Mond wird als Zauberer und Freund der Guten und Bösen bezeichnet:

Zurück zum Text  795. Freud: Aus den Anfängen. 1950. S. 340-341. Zitat S. 341.

Zurück zum Text  796. Natorp, Paul: Allgemeine Psychologie nach kritischen Methoden. Erstes Buch. Objekt und Methoden der Psychologie. Tübingen 1912. Amsterdam 1965. S. 19.

Vgl. auch Psycholanalyse und Literaturkritik. Strelka, Joseph: Werk, Werkverständnis, Wertung. Grundprobleme vergleichender Literaturkritik. Bern und München 1978. S. 122-136.

Zurück zum Text  797. Jung, Karl Gustav: Psychologische Typen. Zürich und Stuttgart 1960. S. 495.

Zurück zum Text  798. Holzapfel, Klaus: Kritische Psychologie. Vorbereitende Arbeiten. Frankfurt am Main 1977. S. 187.

Zurück zum Text  799. Strehle, Hermann: Analyse des Gebarens. Erforschung des Ausdrucks der Kör-perbewegung. Berlin 1935. S. 186. (Die Lehe von der praktischen Menschen-kenntnis. Praktische Charakterologie. Herausgegeben vom Psychologischen Labo-ratorium des Reichswehrministerium. Band 2).

Zurück zum Text  800. Jünger, Ernst; Schlichter, Rudolf: Ernst Jünger und Rudolf Schlichter. Briefe 1935-1955. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Dirk Heißerer. Frankfurt am Main 1997. S. 52-54. Zitat S. 52.

Zurück zum Text  801. Ernst Jünger und Rudolf Schlichter. 1997. S. 54-55. Zitat S. 54.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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