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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


3.2.3 Begriffe der Kritik in Briefen zur Kunst im 19. Jahrhundert

In Briefen werden Bewertungen von Kunstwerken ausgeübt. Bei der Bearbeitung von antiken Quellen wie insbesondere zu Quintilians Bemerkungen zur Kunst bemerkt Johann Heinrich Merck in einem Brief, daß ihre Ausführungen zur Gestaltung von Gemälden bei der Komposition von Figuren zeitgenössischen Kunstformen nicht entsprechen. Hinsichtlich der Veränderung von Kunstwerken verweist er auf Ausführungen Quintilians über gemalte Körper (corpora) in der Institutio oratoria. (987)

Es mag zunächst wie ein Widerspruch klingen, wenn Merck eine Übertragung von antiker Terminologie und Kunsttheorie auf die gegenwärtige Kunst in seiner Schrift Über die Mahlerey der Alten im Jahre 1782 trotz des eigenen Verweises auf Quellenzitate von Plinius, Quintilian, Plutarch und Philostrat zur antiken Kunst ablehnt. (988) In dieser Schrift bemerkt Merck über die Übersetzung der antiken Werke von Schriftstellern hinsichtlich ihrer Qualitäten als Dokumente der Kunst: "Man citirt aus so vielen Stellen der Alten die wunderswürdigen Wirkungen der Mahlerey, und ihre Nachricht von dem stufenweisen Fortgang dieser Kunst, bey verschiedenen Völkern. [...] Wenn man aufrichtig seyn will so beweisen die Stellen der Alten wenig oder Nichts: weil sich keiner von Ihnen, weder Plinius noch Quintilian, noch Plutarch, noch Philostratus, über diese Werke so ausgedrückt haben, daß man ihnen den Rang als wahren Kennern zugestehen könnte. Alle Übersetzer des 35ten Buchs des Plinius, wo von den Künstlern die Rede ist, werden eingestehen müssen, daß sie entweder ganz unbedeutende Nachrichten von dem zwoten Fortgang der Kunst verdolmetscht haben, oder wenn ja die Schriftsteller über etwas dissertieren wollte, seine Wendungen und Ausdrücke von vieler schiefer Auslegungen fähig waren, daß [...] ein neuer Sinn in die Stelle gelegt werden mußte, der [...] vor keinem Sprachkenner zu verteidigen war." (989)

Mercks Beurteilung von Kunstwerken setzt bei der Ausbildung von Künstlern anhand von Lehrbüchern in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts an, als deren Ursprung für die Verbreitung der Begriff ästhetisches Urteil, das in Theorie und Charakteristik das todte Geschwätz erzeugt, genannt wird. (990) Merck äußert im Jahre 1776 über die aus Frankreich nach Deutschland übergreifende Ausstellungskultur, daß das enzyklopädische, blöde Anstreichen in allen Theilen der Kunst die neue literarische Mißgeburt Gemähldeausstellungsraissonnemente für Mieth- und Fremdlinge hervorgebracht hat. (991) Die Beurteilung nach Anleitungen der Kunsttheoretiker bezeichnet Merck im Schreiben An den Herausgeber des T.M. als Wandel des Urteils zu loci communes. Mercks Bemerkung, daß sie nichts als große Machtsprüche, die in dem Munde dessen, der sie zuerst hervorbrachte, wie alle Loci communes die Resultate des wahren einseitigen Gefühls sind und in dem Munde des zweyten oder dritten aber Lügen werden, veranschaulicht er exemplarisch an der Übernahme von Beurteilungen Winckelmanns über den Künstler La Fage beim nachlallenden Publikum der sogenannten Kenner. (992) Die Ausbildung des Kritikers Merck, der in Göttingen bei Heyne Altertumskunde studierte und seine Vorträge zur Kunstgeschichte in seinem Werdegang nach seiner kunsthistorischen Ausbildung nutzt, dokumentiert die im Jahre 1772 gehörte Vorlesung Heynes. Mit Methoden zur Untersuchung einer Übertragung von Begriffen der antiken Kunst und ihrer Beschreibung auf der Grundlage von Begriffen aus der Redekunst näherte sich Merck Fragen der Beurteilung von ästhetischer Urteilen über die Gegenwartskunst. Mercks Kunstbriefe an Wieland enthalten Personenbeschreibungen mit Charakteristiken und veranschaulichenden Beispielen von mythologischen, historischen und fiktiven Gestalten. Zu Mercks Werk gehören Artikel im Teutschen Merkur, die sich durch ihren kunsttheoretischen Ansatz von den Ausstellungsberichten zur Kunst mit Charakterisierungen von Gemälden in den Beschreibungen von Kunstausstellungen unterscheiden.

Das Ressort Kunstberichterstattung des im Jahre 1773 von Wieland gegründeten Teutschen Merkurs wurde seit der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre von Beiträgen Heinses und Mercks gestaltet. Merck verfaßte neben kunsttheoretischen Schriften allgemeine kulturkritische Aufsätze für diese Zeitschrift, zu denen die Schriften mit den Titeln An den Herausgeber des T.M., An den Herausgeber des T.M., Über die Landschaftsmalerey, An den Herausgeber des T.M, der Brief über Mahler und Mahlerey an eine Dame und die Schrift Über die lezte Gemäldeausstellung in ** zählen. Die aus der antiken Redekunst hervorgehenden Begriffe aus dem Bereich der Beweisfindung wie Urteil, Gemeinplatz und Topik werden in seinen Schriften genutzt, die neben literarischen Formen und Gattungen aus der Geschichtsschreibung auch zur Darstellung von Dichtung und bildender Kunst eingesetzt werden. Unter den Schriften von Kritikern aus dem 18. Jahrhundert ist Mercks Verwendung von bereits in antiken Lehrschriften wie der Institutio oratoria des Rhetorikers Quintilian genutzten Begriffen für die Beurteilung von Kunst in der Aufklärung bezeichnendes Beispiel. Der Rhetoriker verweist bei der Dichtkunst auf den Einfluß der Urheberschaft (auctoritas) von Urteil (iudicium) und Beurteilung (iudicatio). (993)

Zurück zum Text  987. Merck, Johann Heinrich: Werke. Ausgewählt und Herausgegeben von Artur Henkel. Frankfurt a. M. 1968. Bd. 2. S. 483.

Zurück zum Text  988. Merck: Werke. Bd. 2. 1968. S. 481.

Zurück zum Text  989. Merck: Werke. Bd. 2. 1968. S. S. 481.

Zurück zum Text  990. Merck: Werke. Bd. 2. 1968. S. 409.

Zurück zum Text  991. Merck: Werke. Bd. 2. 1968. S. 357.

Zurück zum Text  992. Merck: Werke. Bd. 2. 1968. S. 376.

Zurück zum Text  993. Quintilian: Institutio oratoria. 1972. Bd. 1. 5, 11, 36. S. 612.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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