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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik


Das Verbot der Kunstkritik und die Proklamation des Kunstberichtes durch einen Erlaß des Reichsministers Goebbels am 27. November des Jahres 1936 kommentiert Wolf Braunmüller in der Niedersächsischen Hochschul-Zeitung des Jahres als Folge eines politischen Liberalismus: "Die Entwicklung der Kritik in den letzten Jahrzehnten war fast durchwegs eine Entwicklung der formalästhetischen Kritik. (1008) [...] Das Verbot der Kritik gibt ja nicht dem Künstler, was sie dem Kritiker genommen. Die Tatsache des Sprichwortes, daß noch "niemals ein Gelehrter vom Himmel gefallen ist", gilt nach wie vor. [...] Mit der Kritik von ehedem hat ein System von ehedem aufgehört zu sein, weil es die Forderungen unserer Zeit nicht erfüllt. Die Kritik und ihre Handhaber haben versagt, wie ihr politischer Liberalismus versagt hat. An die Stelle des Rezensenten tritt die verantwortungsbewußte Persönlichkeit, die die gleiche Freiheit und Anerkennung fordern kann wie der Künstler, denn sie ist gleich ihm jener Freiheit verschworen, deren höchster Gesetz das Volk, sein Blut und seine Rasse sind." (1009) In der Schrift Deutschfrommes Verbot der Kunstkritik, die Ernst Bloch im Jahre 1937 publiziert, wird die Überflüssigkeit von Kunstkritik unter anderen Bedingungen beschrieben: "Vor allem aber: Kunstkritik überhaupt beginnt überflüssig zu werden, wenn Menschen und Werke zusammengerückt sind. Wenn die Unterschiede zwischen der Stadt des Kunstwerkes und dem dumpferen Land der Zuschauer sich ausgeglichen haben und schließlich verschwinden. Mit ihm verschwinden die Analphabeten höherer Ordnung, das "Publikum", das der Kritiker erst lesen lehren muß, damit es im Kunstwerk seine eigene Fabel wertet und versteht." (1010) Bloch widmet seine literarischen Aufsätze Hans Meyer. In seiner Schrift Zur Nähe als dem eigentlichen Ort der Utopie sagt er über die Wirkung der Weltwege: "Weltwege, vermittelst derer das Inwendige auswendig und das Auswendige wie das Inwendige werden kann." (1011) Zu Blochs Werk Geist der Utopie besteht eine der Schrift vorangestellte Absicht, in der er das Rechte zu finden, mit der Sentenz "incipit vita nova" beschreibt. (1012) In der Abhandlung Zur Theorie der Musik wird der Kunstrichter mit seiner kritischen Analyse von Bloch näher beschrieben. (1013) In Deutschland schreibt am 1. August des Jahres 1946 Ernst Bloch an Joachim Schumacher über reduzierte oder eingeschränkte Kritik: "Was dem [Max] Raphael recht ist, ist mir billig. Ich weiß auch nicht, ob ich mit dem Kritischen über Marx übereinstimme. Lehrreicherweise schmeckt hier alle reduzierte oder eingeschränkte Kritik nach Revisionismus. Ich persönlich bin hier nicht für Kritik, sondern für Vermehrung, nicht für Subtraktion, sondern für Integration." (1014)

Neben der auf das Kunstobjekt gerichteten Funktion des Lobes hat die Lobesrede (genus demonstrativum) für die Beredsamkeit der Moderne eine selbstverweisende Funktion, durch die sie selbst zum ästhetischen Kunstwerk wird. Lausberg begründet diesen Ansatz durch das virtuose Element (l"art pour l"art) und die Auswahl der Redegegenstände, die sich mit dem genus demonstrativum in die Nähe der Poesie rücken lassen, von der es sich letztlich nur durch das Fehlen der metrischen Form unterscheidet. (1015) Diese poetische Gestaltung fällt in den Bereich der Aussprache (elocutio), Anordnung (dispositio) und Erfindung (inventio) der Gedanken von einer Rede, die auf den Gegenstand der Kritik ausgerichtet ist. Die Betrachtung und Wertung von Kunst bilden den Hauptbereich der zeitgenössischen Kunstkritik, der sich in Lausbergs Theorie der Kunstkritik findet. Das publizistische Medium mit formalen Richtlinien für den Umfang und Inhalt der publizistischen Textgattung Kunstkritik ist ein weiterer Bereich für die im Journalismus genutzte Form der Kunstkritik. Der Anlaß der Ausstellung, das Medium für die Publikation im Feuilleton und die für die Gattung Kritik konstituierenden Elemente zeichnen zeitgenössische Kunstkritik aus. Bei Lausberg grenzt sich von der einfachen Kunstkritik und Kunstwissenschaft die Aussage ab, die sich zwar auf das Kunstwerk bezieht, andererseits ihre urteilende Aufgabe nicht mehr wahrnimmt. So ist eine rein künstlerische Kunstkritik, die als losgelöste l"art pour l"art nicht das Kunstwerk bewertet, eine extreme Maßnahme der Einschränkung der Zuständigkeit der Kunstkritik und in dieser Form nicht mehr dem Begriff Kunstkritik zuzuordnen. (1016) Die Bildbetrachtung ist als visueller Vorgang innerhalb der Kunstkritik eine Methode der Analyse von Inhalten eines Bildes. Eine Bildbetrachtung der Malerei umfaßt das Erkennen des Bildgegenstandes (cognatio) und seine Bewertung (aestimatio) durch die optische Erfassung und sprachliche Bewertung des Gegenstandes.

Zurück zum Text  1008. Braumülller, Wolf: Schlagt die Rezensenten tot! Kritik, Kunstbetrachtung und Kulturpolitik. In: Niedersächsische Hochschul-Zeitung. Dezember 1936. S. 41.

Zurück zum Text  1009. Braumülller: Schlagt die Rezensenten tot! 1936. S. 42.

Zurück zum Text  1010. Bloch: Literarische Aufsätze. 1984. S. 43-56. Zitat S. 56.

Zurück zum Text  1011. Bloch, Ernst: Tendenz, Latenz, Utopie. Frankfurt am Main 1989. S. 417.

Zurück zum Text  1012. Bloch, Ernst: Geist der Utopie. München und Leipzig 1918. S. 9.

Zurück zum Text  1013. Bloch: Geist und Utopie. 918. S. 156-158. Zitat S. 157.

Zurück zum Text  1014. Bloch, Ernst: Briefe. 1903-1975. Zweiter Band. Herausgegeben von Karola Bloch und anderen. Frankfurt am Main 1985. S. 504-505. S. 504.

Zurück zum Text  1015. Die Vernachlässigung bewertender Aspekte innerhalb der Kunstkritik hat seit der Entstehung der Kunstkritik als publizistischer Gattung Ende des 18. Jahrhun-derts einen Haupt-Vorwurf an der Kunstkritik dargestellt. Als eine epochale Phase verminderter Bewertung des Kunstobjekts s. die Kunstkritik der Romantik, in der es galt "Kunstwerke anderer zu verbessern, zu vollenden." Vgl.: Schumann, Henry. Kritik und Kreation. Versuche über Kunstkritik und Kunst. Leipzig 1983. S. 219.

Zurück zum Text  1016. Lausberg: Handbuch. 21973. S. 113. 204.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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