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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kritik
In einer Vorrede von Gottfried Ephraim Scheibe zu Matthessons Critica Musica wird Kritik
(critica) als eine Wissenschaft gelobt:
Der ganze Pindus saget Danck/
Daß der Utremifasolitten/
Und alter Moenche Lieder-Zwang
Durch deine Wissenschaft bestritten;
Du bist ein grosser Musicus,
Das waere Ruhms genug gewesen;
Allein wie du gelehrt / belesen/
Was du fuer ein Philosophicus,
Das hat man / in den letzten Jahren /
Durch deine Criticam erfahren.
(1080)
Johann Scheibe beschreibt im Jahre 1754 in seiner Historischen und critischen Vorrede zur
Abhandlung Vom Ursprunge und Alter der Musik seine Arbeit als einen Versuch: "Die Schoenheit
und Wichtigkeit der Materie, wie auch die nuetzlichen, erbaulichen und ruehrenden Betrachtungen
der Natur des Menschen, und die Weisheit des Schoepfers, die mir dabey in die Gedanken kamen,
reizten mich desto staerker an, einen Versuch zu wagen, ob ich nicht, indem ich auf die Schultern
meiner Vorgaenger treten wurde, eine weitere und gewissere Aussicht in diese noch dunkle
Gegenden entdecken koennte." (1081) Der Königlich Dänische Kapellmeister Scheibe gibt die Zeitschrift
Der Critische Musicus von der Spree in Berlin heraus. Von Johann Nicolaus Forkels Musikalisch-kritischer Bibliothek erscheinen zwei Bände mit einer Abhandlung vom Schönen von Jean-Pierre
Crousaz und den Rubriken Recensionen theoretischer Werke, Historische Nachrichten und
Litterarische Anzeigen. Forkel beschreibt in der Vorrede den Nutzen der musikalischen Kritik für
den gluecklich betretenen Wege: "Ich halte also die Vernachlaessigung der musikalischen Kritik
fuer die zweyte Hauptursache des Verfalls der Tonkunst, und glaube, daß, wenn sie auf dem einmal
so gluecklich betretenen Wege fortgegangen waere, - sich ohne Gift und Galle, (wie es ohnedem die
wahre Kritik thun muß) mit Sanftmuth und Klugheit den neuen verderblichen musikalischen Moden
widersetzt, und friedlich, aber gewissenhaft, jenen verirrten Kuenstlern, durch deutliche, auch die
kleinsten Umstaende in sich fassende Beweise, ihre Fehler gezeigt haetten, wir noch in den
Fußstapfen unserer gluecklichern Vorfahren einhergehen wuerden, und nicht Ursache haetten,
beynahe denn gaenzlichen Verlust des ernsten und wuerdigen Charakters unserer Kunst zu
bedauern." (1082)
Christian Friedrich Daniel Schubert benutzt in dem Gedicht Froschkritik Tiere für eine Fabel, die
eine Karikatur des gelehrten Kritikers von kalter Natur ist:
Sang in ´nem Busch ´ne Nachtigall-
So wunderlieblich war ihr Schall
Als wie der ´arusgezogne Ton
In Meister Liedels Bariton.
Es war ´n Sumpf nicht weit davon,
Drin lag ´ne ganze Legion
Von Froeschen; und die hoerten all´
Den Wundersang der Nachtigall.
Da war ein hochstudierter Frosch,
Mit runzlicher Stirn und breiter Gosch,
Hatte die edle Musikam,
Den Kontrapunkt, die Alegebram
In manchem Sumpf und Weiher studiert,
Und orgelt, wie sich´s gebuehrt.
Doch weil er war gar kalter Natur;
Empfand er nichts und kuenstelte nur.
Der hörte auch die Nachtigall
Und sprach: ihr Brüder, hoert ´nmal,
wie singt das Tier so abgeschmackt,
Macht falsche Quinten, haelt keinen Takt,
Weicht nicht in kuenstlicher Modulation
Aus einem Ton in andern Ton
in ihrem eklen di - di - di -
und duk duk duk duk - steckt ihre ganze Melodie.
Magister Frosch - lacht drob so laut,
Daß ihm beinah´ zerplatzt die Haut,
Und sprach: Kameraden, wißt ihr was? -
Ein Fuge klingt doch baß,
Wollen´s singen in Sopran, Alt und Tenor,
Ich orgle euch das Thema vor.
Nun ging´s an ein scheußlich Gequack
Im wahren antiken Geschmack.
Mit Bund und Motu contrario;
(1083)
1080. In: Mattheson, Johann: Criticae Musicae tomus secundus d. i. Zweyter Band der Grundrichtigen
Untersuch- und Beurtheilung vieler, theils guten, theils boesen, Meynungen, Argumenten, und Einwuerffe,
so in alten und neuen, gedruckten und ungedruckten Musicalischen Schrifften befindlich: zur Ausrauetung
grober Irrthuemer, und zur Befoerderung bessern Wachsthums der reinen Harmonischen Wissenschaft, in
verschiedene Theil verfasset, und stueckweise herausgegeben von Mattheson. Dreyzehntes Stück.
Hamburg 1725. O. S.
1081. Scheibe, Johann Adolph: Historische und critische Vorrede, worinn vom Inhalte folgender
Abhandlung, wie auch von einigen musikalischen Sachen, gehandelt wird. In: Abhandlung vom Ursprunge
und Alter der Musik, insbesonderheit der Vokalmusik. Auf Koeniglichen allergnädigsten Befehl entworfen,
und zum Drucke befoerdert. Mit einer historischen und critischen Vorrede versehen, worinn vom Inhalte
dieser Abhandlung, und von einigen andern musikalischen Sachen gehandelt wird. Altona und Flensburg
1754. S. XXVIII.
1082. Forkel, Johann Nikolaus: Musikalisch-Kritische Bibliothek. Erster Band. Gotha 1778. [Reprint
Hildesheim 1964.] S. XVII.
1083. Ein Jahrhundert deutscher Literaturkritik (1750-1850). 1959. S. 471-475.
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