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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Briefe über Kunst als Form der Kommunikation.


Die Beobachter der Kunstkritik und der Theorien zur bildenden Kunst im ausgehenden 18. Jahrhundert werfen in Deutschland der Kunstkritik Formalismus vor. Johann Heinrich Merck führt an: "Man kann heutzutage zwar die Kennerschaften ohne solche Mühseligkeiten [i.e. empirische Erfahrungen; F.H.] erlangen. Die großen und kleinen Kunstbücher, die schönen französischen und englischen Kupferstiche, wo sich alle Schönheiten mit Händen greiffen und mit Fingern zeigen lassen, führen den kürzeren Weeg der Terminologie. Ob man aber dabey gedeyhe, Eingeweide, Blut und Physiognomie erhalte, daran zweifle ich eben so sehr, als daß die griechischen Figuren des Herrn West und Comp. ja damit bekleidet werden." (58) Merck verfaßt einen Brief an den Herausgeber des Teutschen Merkur, der sich gegen die Verbreitung zeitgenössischer Ästhetiken ausspricht: "Die meisten unserer Kunstbücher sind (...) nichts weiter als Ästhetik, Redekünste, institutiones styli, Poetiken, u.s.w. Es ist nur immer die Rede davon, wie man die Verse machen müsse, aber wie der Poet, der sie machen soll, gebildet werde, kein Wörtgen, das instruktiv wäre. Eben darum, weil es so leicht scheint, ein Ding zu komponieren, das (...) einer Landschaft so ähnlich sieht, wie der Affe dem Menschen, so wagt sich mancher daran" (59) Der aus England stammende Aufsatz Über den Verfall der Kunst, 1788 im Museum für Kunst und Kunstliebhaber publiziert, vermerkt in Anspielung auf die Idee, daß die Künste der Theologie dienen, daß "die schöne, begeisterungsvolle Dollmetscherin der Werke Gottes" (...) verdrängt" ist. (60) In der Schrift Über das Kunstgefühl. Ursachen seines Mangelns und seiner Verstimmung wird dem Modeton, den Kunstkenner zu spielen, als Probierstein des Kenners (...) die Natur selbst und die Art, wie sie auf die menschliche Seele wirkt gegenübergestellt. (61) Im Jahre 1800 verfaßt Johann Friedrich Dunker eine Streitschrift über das öffentliche Kunsturteil. (62) Den Willen als Absicht des Kritikers erwähnt hingegeben Johann Gottfried Schadow in seinem Ausstellungsbericht aus dem Jahre 1806 über Kunstwerke in Berlin: "Ich will es versuchen, indem ich Ihrer Aufforderung gehorche, Ihnen über unsere letzte Ausstellung eine ausführliche Kritik zu schicken (...) und indem ich von den Kunsterzeugnissen und Bestrebungen unserer Kunstakademie etwas erzähle, um alles um mich herum, wenigstens auf Augenblicke, zu vergessen." (63) Joseph Görres bemerkt in seinem Artikel Deutsche Critik über die zeigenössischen deutschen Kritiker, daß sie sich wie Blei an die Füße des Genies hängen. (64) Im Jahre 1808 erscheinen zwei Artikel zur zeitgenössischen Kunstkritik im Journal Phöbus. (65) Zwei Jahre darauf, im Jahre 1810, bedauert der Verfasser des Ausstellungsbericht zur Ausstellung in Dresden, "daß die ausgezeichneten Künstler in Dresden ihr fast nur dann öffentlich aussprechen, wann sie in die Schranken der Kunstpolemik treten." (66) Die Darstellung eines bairischen Offiziers nach dem Russlandfeldzug Napoleons aus dem Jahre 1812 wird von der deutschen Kunstkritik im Journal des Luxus und der Moden zum Anlaß des "Mitleidens mit diesen unglücklichsten Opfern des wüthendsten Ehrgeitzes". (67)

Im Vorgang der durch Briefe ermöglichten Kommunikation im Kulturjournalismus der Aufklärung wird der Gegenstand der Darstellung, die Kunst, von einem Berichterstatter vor Ort betrachtet. Die in den meisten Fällen vorliegende Anonymität dieser als Verfasser arbeitenden Personen ist hier auch ein Hinweis auf ihre Repräsentanz und Akzeptanz gegenüber ihrer Leserschaft. Die Leserschaft der Kunstkritiken, die nur als eine einheitliche oder zu bestimmende Größe durch die Eigenschaften als Nation zu bestimmen ist, erhält diese Darstellungen von Kunstwerken als Beschreibungen. Diese Form der Kunstvermittlung unterscheidet sich von der reinen Nachrichtenübermittlung, die relativ unabhängig von der Person des Vermittlers ist und die im Kulturjournalismus nur einen begrenzten Ausschnitt innerhalb eines Artikels der Textgattung Kunstkritik, den Nachrichtenkern, darstellt. (68) Die Wirkung der Kritik auf den Leser wird durch die Darstellung des Sachverhaltes im Medium bestimmt. Durch die schriftliche Form der Aussage in diesem Kommunikationsvorgang verändert sich die allgemeine Bedeutung des Gegenstands und seiner Wertung seitens des Rezipienten durch zeitgenössische Einflüsse. Die Berichterstattung über Frankreich im 18. und frühen 19. Jahrhundert ist für diesen Weg der Darstellung eines Sachverhaltes innerhalb der Kommunikation von publizistischen Schriften für die Zeit der Aufklärung ein exemplarisches Quellenmaterial.

Zurück zum Text  58. Merck, Johann Heinrich: An den Herausgeber des T.M. Merck, Johann Heinrich: An den Herausgeber des T. Merkurs. In: Merck, Johann Heinrich: Werke. Ausgewählt und hrsg. v. Artur Henkel. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1968. S. 380.

Zurück zum Text  59. Merck, Johann Heinrich: Über die Landschaftsmalerey, an den Herausgeber des T.M.
Zit. n. Merck: Werke. Bd. 2. S. 381.

Zurück zum Text  60. Anonymus: Über den Verfall der Kunst. In: Museum für Kunst und Kunstliebhaber. 1788. 6. St. S. 8.

Zurück zum Text  61. Anonymus: Über das Kunstgefühl. Ursachen seines Mangels und seiner Verstimmung. In: Micellaneen artistischen Inhalts. 1780. Heft 3. S. 1f .

Zurück zum Text  62. Duncker, Johann Friedrich: Über Kunstgefühl und die Art es zu äußern. (Zur Beherzigung unberufener Kritiker und Lärmer). In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks. August 1800. S. 89-94.

Zurück zum Text  63. [Schadow, Johann Gottfried]: Briefe über die Berliner Kunstausstellung im September 1806. Erster Brief. In: der Neue Teutsche Merkur. 1807. 2. St. S. 133.

Zurück zum Text  64. Görres, Joseph: Deutsche Critik. In: Aurora; 1804. S. 493-494. Zit. n.: Joseph Görres: Charakteristiken und Kritiken. Hrsg. v. Franz Schulz. Köln 1900. S. 42.

Zurück zum Text  65. Hartmann, F.: Über Kunstausstellungen und Kunstkritik. In: Phöbus. Ein Journal für die Kunst; 1808. 11. und 12. St.; S. 57-71. Adam Heinrich Müller: Kunstkritik. An die Leser des Phöbus; 1808. 6. St. 42-44.

Zurück zum Text  66. Anonymus: Kunst-Ausstellung in Dresden, am Friedrichstage den 5ten März 1810. In: Journal des Luxus und der Moden; 1810. Bd. 25. S. 299.

Zurück zum Text  67. Anonymus: Über die diesjährige Ausstellung der Münchner Akademie der schönen Künste. In: Journal des Luxus und der Moden. 1814. 29. Bd. S. 754.

Zurück zum Text  68. Berger, Harald: Sprache der Massenmedien. Berlin u. New York 21990. S. 28.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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