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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Die Charakteristik.


Die Romantiker setzen die Charakteristik als Form der poetischen Literatur ein. Neben Friedrich Schlegels fragmentarischen Entwürfen und Rezensionen sind die in den Jahren 1795-1801 erfaßten Charakteristiken und Kritiken Vertreter einer literarischen Gattungen der Romantik. So bemerkt Novalis in einem seiner Fragmente über den Charakter als Gegenstand der Erfindung: "Ächte, poetische Charaktere sind schwierig genug zu erfinden und auszuführen." (35) Friedrich Schlegel hat in dem Roman Lucinde eine Charakteristik eines Kindes vorgenommen: "Charakteristik der kleinen Wilhelmine. Betrachtet man das sonderbare Kind nicht mit Rücksicht auf eine einseitige Theorie, sondern wie es sich ziemt, im Großen und Ganzen: so darf man kühnlich von ihr sagen, und es ist vielleicht das beste was man überhaupt von ihr sagen kann: Sie ist die geistreichste Person ihrer Zeit oder ihres Alters. Und das ist nicht wenig gesagt: denn wie selten ist harmonische Ausbildung unter zweijährigen Menschen? Der stärkste unter vielen starken Beweisen für ihre innere Vollendung ist ihre heitere Selbstzufriedenheit. Wenn sie gegessen hat, pflegt sie beide Ärmchen auf den Tisch ausgebreitet ihren kleinen Kopf mit närrischem Ernst darauf zu stützen, macht die Augen groß und wirft schlaue Blicke im Kreise der ganzen Familie umher." (36) Grabbe läßt in der Komödie Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung Rattengift das Charakteristische Ihres Namens gegenüber dem Teufel sagen. (37)

Die Blätter zur Kritik und Charakteristik deutscher Literatur und Kunst erscheinen im Jahre 1813. Auch die anderen Wissenschaften wenden die Charakteristik als Form an. Immanuel Kants Lehrschrift Anthropologie trägt den Untertitel Von der Art, das Innere des Menschen aus dem Äußeren zu erkennen. Kant unterscheidet in seiner Antropologischen Charakteristik zwischen dem Charakter einer Person, des Geschlechts, des Volkes und der Gattung. Kant beschreibt den Mann von Charakter als Träger eines Willens: "Der Mann von Grundsätzen, von dem man sicher weiß, wessen man sich nicht etwa von seinem Instinkt, sondern von seinem Willen zu versehen hat, hat einen Charakter." (38) Der Ausdruck von Charakteren in der Dichtung wird von Autoren im 19. Jahrhundert thematisiert. Wilhelm von Humboldt schreibt über die Sprache als Äußerung von Geist und Charakter: "Unter allen Äußerungen, an welchen Geist und Charakter erkennbar sind , ist aber die Sprache auch die allein geeignete, beide bis in die geheimsten Gänge und Falten darzulegen." (39) Karl Friedrich Gutzkow schreibt in seiner Abhandlung Schiller und Goethe über den Charakter von Literatur: "Autor und Publikum stehen nicht mehr in dem Verhältnisse hochachtungsvollen Respekts, sondern die Wahrheit steht mit dem Publikum auf du und du, jede des Herzens lösen sich, Sprache und Mitteilung werden vertraut, die Literatur läuft in ihrem Charakter und Tone beinahe schon auf nichts als die Leidenschaften der Liebe und des Hasses hinaus;" (40) Gutzkow berichtet in seinem Beitrg zum Fund der Briefe Büchners von dessen Bemerkungen über andere Autoren: "Alfred des Musset zog ihn an, während er nicht wußte, "wie er sich durch V. Hugo durchnagen" sollte. Hugo gäbe nur "aufspannende Situationen", A. de Musset aber doch "Charaktere, wenn auch ausgeschnitzte." (41) Gutzkow schreibt über den Charakter von Goethes Dichtung: "Göthe hatte sowohl für seine Beurtheilung, wie für den ganzen Charakter seiner Poesie das Unglück, unter diesem Wendepunkt zu leben, und von Ereignissen in einem Kreise herumgedreht zu werden, wo man nicht mehr weiß, ob im Januskopf das jugendliche Angesicht der Zukunft, oder das Profil des Greisen der Vergangenheit angehört." (42)

Zurück zum Text  35. Novalis. Herausgegeben von H. Jacob Mähl. Passau 168. S. 168.

Zurück zum Text  36. Friedrich Schlegel: Lucinde. 2., unveränderte Ausgabe. Stuttgart 1859. S. 20.

Zurück zum Text  37. Grabbe, Christian Dietrich: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Elmsdetten 1960. S. 241.

Zurück zum Text  38. Kant, Immanuel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Hrsg. von Karl Vorländer. Mit einer Einleitung von Joachim Kopper und einem zusätzlichen Anhang von Rudolf Malter. Hamburg 1980. S. 226.

Zurück zum Text  39. Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Sprache. Herausgegeben von Michael Böhler. Stuttgart 1973. S. 34.

Zurück zum Text  40. Gutzkow, Karl Friedrich: Schriften. Band II. Herausgegeben von Adrian Hummel. Berlin 1998. S. 1023.

Zurück zum Text  41. Gutzkow, Karl Ferdinand: Schriften. Band 2. Literaturkritisch-Publizistisches. Autobiographisch-Itinarisches. Herausgegeben von Adrian Hummel. Berlin 1998. S. 1147.

Zurück zum Text  42. Gutzkow, Karl Friedrich: Schriften. Band 2. Literaturkritisch-Publizistisches. Autobiographisch-Itinerarisches. Herausgegeben von Adrian Hummel. Berlin 1988. S. 1060.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 4. Juli 2001
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