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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Natura. Die naturwissenschaftliche Literatur im 18. Jahrhundert. Am Gebrauch von Begriffen aus der Naturwissenschaft in archivarischen Schriften, Bibliographien, Zeitschriften, Briefen und Forschungsbeiträgen aus der Zeit der Aufklärung lassen sich typische Aufgaben für die lateinische Sprache im Umgang mit dem zeitgenössischen Forschungsmaterial verfolgen. Diese Funktionen bei der Dokumentation von naturwissenschaftlichen Fächern an einer Universität in Deutschland sind bis in das 19. Jahrhundert hinein beispielsweise bei Publikationen im Umfeld der Georg - August - Universität Göttingens und anderen Stätten der Wissenschaft in Europa hinsichtlich ihrer interdisziplinären Bedeutung kaum unterschiedlich. Berücksichtigt man vielmehr die Begriffe für die jeweilige Textgattung dieser Quellenschriften, so kommen den Begriffen der Gelehrtensprache Latein thematisch zwar recht unterschiedliche, sich aber bei der Organisation für die Überlieferung von Wissen ergänzende Aufgaben zur Vermittlung ihrer schriftlich fixierten Ergebnisse in der wissenschaftlichen Terminologie dieser Epoche zu. Eine freilich bei der Erforschung verschiedener Gebiete als problematisch umstrittene Klassifizierung von Forschungsmaterial mit Begriffen in lateinischer Sprache wurde auch dazu genutzt, zu den in dieser Zeit praktizierten Wissenschaften eine systematische Dokumentation durch den Zugriff auf ihre Ergebnisse zu sichern. Der Verweis von Thomas Gil und Joachim Wilke auf Peter Janichs Behauptung, daß das Wort Natur kein Terminus technicus der Naturwissenschaften sei, muß für die lateinische und deutsche Literatur und Sprache bereits vor der Aufklärung gleichermaßen unberücksichtigt bleiben. (1) Vielmehr werden Begriffe wie natura und Natur als Bestandteile für diesen Zweig der Forschung bereits im Jahre 1643 vom Lexicon criticum erläutert. Für die Begriffe Natur-Forscher und Natur-Kundiger werden hier die Synonyme physicus und rerum naturalium investigator angegeben. Für die Natur-Kunde wird auf den Begriff physica verwiesen. (2) Im 18. Jahrhundert etabliert sich der aus der Übersetzung des Wortes scientia naturalis abgeleitete deutsche Begriff Naturwissenschaft. Zu Lebzeiten der Bibliothekars Jeremias David Reuss bedienten sich wissenschaftliche Autoren des Neulateins als einer gemeinsamen Sprache, aus der sie ihre naturwissenschaftliche Terminologie entliehen. Die Publikationen naturwissenschaftlicher Forschungszweige mit den Bezeichnungen Astronomia, Botanica, Physica, Chemica, Medica, Mathematica und Oeconomia, die Reuss in seinem Repertorium commentationum a societatibus litterariis editarum bearbeitet, haben so an der Göttinger Universität auch nahezu ausschließlich an dieser interdisziplinären Wissenschaftssprache Anteil. Während seiner Arbeit als Professor für Literaturgeschichte und Kustos der Universitätsbibliothek in Göttingen verwendet auch Reuss zeitgenössische lateinische Bezeichnungen für Fächer der scientia naturalis in seinem ab 1801 in mehreren Bänden herausgegebenen Repertorium zu den Schriften der Göttinger Sozietät. (3) Doch im Jahre 1774 hat Reuss zunächst die Stelle eines Unterbibliothekars in Tübingen inne. 1779 erscheint seine Arbeit Beschreibung einiger Handschriften aus der Universitätsbibliothek zu Tübingen. (4) Seine Berufung nach Göttingen zum außerordentlichen Professor wird im Jahre 1782 in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen mit einer fünfzeiligen Nachricht bekannt gegeben. (5) Dort wird auch im Jahre 1791 sein Alphabetical register of all the authors actually living in Great-Britain, Ireland and the united provinces of Northamerica rezensiert. (6) Schon allein bei der Betrachtung, in welchen Fachbereichen die Mitglieder der Göttinger Universität im Jahrzehnt nach ihrer Gründung vertreten waren, kann man leicht einen Eindruck davon gewinnen, wie breit gefächert der für wissenschaftliche Zwecke genutzte Wortschatz aus der lateinischen Sprache war. Für das Jahr 1745 verzeichnet ein von ihrem Gründungsmitglied Johann David Michaelis angefertigter Katalog unter den Theologi der Göttinger Akademiemitgliedern die Namen von Magnus Crusius und Joachim Oporin. Als Iure-Consulti werden Georg Christian Gebauer, Tobias Jakob Reinharth, Gottfried Mascov, Gottlieb Samuel Trever, Johann Jakob Schmauss, Henrik Christian Senckenberg und Georg Henrik Ayrer genannt. Die Medici sind Albrecht von Haller und Johann Andreas Segner. In den Reihen der Philosophici sind die Namen Christoph August Heumann, Johann David Köler, Johann Matthias Gesner, Samuel Christian Hollmann, Johann Friedrich Cotta, Johann Friedrich Penther und Ludwig Martin Kahle zu finden. Zur Studentenschaft der insgesamt 606 an der Universität eingeschriebenen Studierenden aus sieben Fachbereichen zählen im Wintersemester 1767/ 1768 154 zukünftige Theologen. 372 Studenten der Rechte, 55 Medizinstudenten und 25 Immatrikulierte, die Kenntnisse als Mathematiker, Historiker, Philosoph oder Philologe sich aneigneten. (7) Im Jahre 1773 setzt sich das Angebot aller Wissenschaften an der Universität aus Fachbereichen mit den Bezeichnungen Gottesgelahrtheit, Rechtsgelahrtheit, Arzneygelahrtheit, Weltweisheit, Mathematik, Geschichtskunde, Philologie, Kritik, Alterthümer, schöne Wissenschaften und ausländische lebende Sprachen zusammen. (8) Die Frage, ob die deutsche Sprache oder Latein für ihre Veröffentlichungen eingesetzt werden sollte, entschied man an der Universität zugunsten der Gelehrtensprache; dies allerdings mit Ausnahme von denjenigen Rezensionen zu deutschsprachigen und internationalen Publikationen, die in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen in der Landessprache abgefaßt wurden. (9) Einige Beispiele mögen verdeutlichen, daß es zu dieser Zeit üblich war, zeitgenössische naturwissenschaftliche Beiträge von Gelehrten aus Europa in lateinischer Sprache zu verfassen und für die populäre Darstellung auf die Landessprache zurückzugreifen. Ein Jahr nach der Gründung der Georg August Universität erscheint im Jahre 1738 Georg Wegners Schrift Schau-Platz vieler ungereimten Meynungen und Erzehlungen, in der die Wissenschaften und Künste der Magia naturalis behandelt werden. Mit der in seiner Einleitung erwähnten Absicht, zur Beförderung der Wahrheit, zum Unterricht und als Warnung, sich vor törichten Einbildungen und Betrug zu hüten, beizutragen, richtet sich der Autor dieser Abhandlung an ein breites Lesepublikum. Wie bei einem großen Teil der Publikationen von Mitgliedern der Göttinger Universität ist hingegen Karl Linnés Abhandlung Systema naturae ein Beispiel für die Verwendung des Lateins als internationale Sprache wissenschaftlicher Publikationen. Ihre erste Stockholmer Ausgabe aus dem Jahre 1748 wird in lateinischer Sprache veröffentlicht.
Vgl. für die interdisziplinäre Sprache in den Naturwissenschaften auch: Boné, Edouard: Die
Sprache in den (natur-)historischen Wissenschaften. In: Die Sprache in den Wissenschaften.
Hrsg. von Paul Weingartner. München 1993, S. 145-178.
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