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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Sappho oder vom Sprechen mit gebrochener Zunge


Kategorien der Kommunikation wie das Hören und Sprechen, die zur Beschreibung von Mitteln der non-medialen, persönlichen Kommunikation genutzt werden, finden sich als Motive in antiken und neuzeitlichen Oden. In einem Odenfragment der Sappho werden die Möglichkeit ästhetischer Kommunikation in persönlicher Rede erstmals negiert. Oden sind als Textkorpora für eine den Kategorien der Wahrnehmung und Kommunikation entsprechende Beschreibung von Sprache eine sehr ergiebige Quelle. Die vorliegenden Oden sind formal Texte in poetischer Form, in denen als Motiv zur Beschreibung von Sprache die Rede des ´lyrischen Ichs´ genutzt wird. In Oden, die sich mit ihren Anrufungen an die Sprache oder den Dichtern, den Vertretern für das poetische Wort, wenden, wird das Thema Sprache in emphatischen Konstruktionen behandelt. Traditionell wird die Ode als lyrische Gattung für eine individualisierte Sprache klassifiziert, die unter der Bezeichnung ´lyrisches Ich´ ihre eigene Sprecherrolle hat. Die Ode ist jedoch auch exemplarisch für eine kollektive, reflexiv auf die Sprache bezogene lyrische Literatur, in der die Rhetorik als Institution der Beschreibung und als Stoff für das Thema Sprache eingesetzt wird.

In den Formulierungen der Oden von Vertretern des 17. bis 20. Jahrhunderts und ihren Theorien variieren die Themen der Beredsamkeit. (1) Als Vertreter der lyrischen Dichtung ist die Ode in der Literatur seit der Antike zu finden. Zweifelsohne stellt sich die Sprache jedoch in den der rational strukturierten Argumentation verpflichteten Gattungen wie Epigramm, Lehrgedicht und Spruch anders dar als in Oden oder Hymnen, die auf den Ausdruck von Leidenschaften und erhabene Redeformen festgelegt sind. In den Oden kann man eine Verselbständigung und überwertete Funktion des sprachlichen Ausdrucks feststellen, die den Zugang zur Beschreibung von Sprache nur durch Selbstreferenz ermöglicht. Abweichender sprachlicher Ausdruck und Subjektivität als Ausdruck für ein Erlebnis oder Stimmung des ´lyrischen Ichs´ sind keine individuellen Formen von diesen Gedichten, sondern Teil ihres ästhetischen Konzepts, das den Gegenstand an die Gattung und ihre Beschreibung von Empfindungen anpaßt. (2)

In der Oden Salomons der Gnostiker wird der Mund als Ort der Wahrheit vom lyrischen Ich dargestellt. (3) Die Form der ´sapphischen Ode´ wird im Barockzeitalter von Martin Opitz genutzt. In seinem Buch von der deutschen Poeterei spricht Opitz von den genera carminum, unter denen auch die Ode vertreten ist:

Die Sapphischen gesänge belangendt, bin ich des Ronsardts meinung, das sie, in unseren sprachen sonderlich, nimmermehr können angeneme sein, wann sie nicht mit lebendigen stimmen und in musicalischen instrumente eingesungen werden, welche das leben und die Seele der Poeterey sind." (4)

Trotz dieser Betonung der Unterschiede zwischen den Sprachen ist die Forderung des Vortrags mit lebendigen stimmen geradezu ein Gegensatz zu dem in der Sapphischen Ode erwähnten Topos. Für die Klage als Ausdruck der lyrischen Ode seines Zeitalters verweist Opitz jedoch auch auf Hoffmannswaldau und Ronsardts Dichtung. Die Zunge ist Teil der Körpersprache, die als Liebessymbolik in Oden eingesetzt wird. Die körperliche Beredsamkeit ist seit der Antike jedoch auch ein Teil der Rhetorik, der unter der Bezeichnung actio in der römischen Kultur seinen systematischen Platz im Kanon der Lehre der Rhetorik gefunden hat.

Im antiken Griechenland wird jede strophische Dichtung als Ode bezeichnet, die zur Musikbegleitung entweder von Einzelnen oder von einem Chor vorgetragen wird. Die bedeutendsten Werke der Chorlyrik stammen von Pindar. Die Dreiteiligkeit der chorischen Ode mit den Elementen Ode, Antode als Gegenstrophe und Epode und die inhaltliche und formale Komplexität der Oden Pindars wirken bis in die Neuzeit. Die verschiedenen Strophenformen des Einzelgesangs in Form der Monodie, wie sie von Sappho und Anakreon als griechischen Lyrikern verwendet werden, finden sich in den bis weit ins 20. Jahrhundert nachwirkenden Oden des Römers Horaz. Die Lyrik umfaßt neben den Gedichten Ballade, Lied, Elegie, Hymne auch die Ode, die als ein feierliches Gedicht als lyrischer Vortrag in Strophenform genutzt wird.

Die Beschreibung der Sprache ist in den Oden der griechischen Antike zu finden. Sapphos Beschreibung ihrer gebrochenen Zunge ist in einer Ode auch ein Hinweis auf etwas Unaussprechliches, dessen Symptomatik sich über den ganzen Körper erstreckt. (5) Longinus schrieb Über das Erhabene, die einzige Quelle für Sapphos zweite Ode. So erwähnt Horaz in seinem 2. Buch der Gedichte die Lyra:

Quis puer ocius
restinguet ardentis Falerni
pocula praetereunte lympha?
Quis deuium scortum eliciet domo
Lyden? Eburna dic, age, cum lyra
maturet, in comptum Lacaenae
more comas religata nodum.

Zurück zum Text  1. Zur Rezeptionsgeschichte im Barockzeitalter vgl.:

Derks, Paul: Die Sapphische Ode in der deutschen Dichtung des 17. Jahrhunderts. Eine literaturgeschichtliche Untersuchung. (Diss.) Münster 1969.

Zurück zum Text  2. Vgl. auch zur Odentheorie der Aufklärung:

Simon, Ralf: Die Nachtraelichkeit des Ursprungs. Zu Herders "Sprachursprungsschrift", "Älteste Urkunde", "Theorie der Ode". In: Zeitschrift fuer Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Bd. 45. 2001. 2. S. 217-242.

Zurück zum Text  3. Lattke, Michael: Oden Salomons. Text, Übersetzung, Kommentar. Teil 1. Oden 1 und 3-14. Göttingen 1999. S. 78.

Zurück zum Text  4. Opitz, Martin: Buch von der deutschen Poeterei. Abdruck der ersten Ausgabe (1624). 6. Auflage. Niemeyer 1955. S. 41.

Zurück zum Text  5. www.potw.org/archive/potw28.html

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. November 2001
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