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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Sappho oder vom Sprechen mit gebrochener Zunge


In dem musiktheoretischen Werk De centum metris wird Sappho sogar die Erfindung des Plektrums zugeschrieben: Lamprocles, Terpander, Pythoclides, Sapho lyrica plectrum inuenit. (12) Es muß jedoch erwähnt werden, daß die terminologische Abgrenzung zwischen Oden und anderen Vertretern in der Lyrik in der Forschung nicht einheitlich ist. Mitunter wird dem allgemeinen Sprachgebrauch der Antike folgend ein Gedicht oder eine Rede als Ode bezeichnet. So werden die Sprüche Salomos mitunter auch als Oden bezeichnet. (13) Conrad Celtis gan im Jahre 1507 die Odenvertonungen seines Freundes und Schülers Petrus Tritonius heraus, durch die eine neuartige, den Quantitäten der antiken Metra genau folgende Kompositionsweise als Vorbild der humanistischen Odenkomposition geschaffen wurde. Dagegen wurden die vier Bücher Oden erst im Jahre 1513, fünf Jahre nach seinem Tod, zusammen mit den Epoden und einem Carmen saeculare herausgegeben. (14) Derartige Carmina, die man nach der Antike als Oden bezeichnet, werden im 18. Jahrhundert verfaßt. Johann Friedrich Rothmann beschreibt in der Lehrschrift Lustiger Poete im Jahre 1709 die Parodien als Nachoden, die als Antworten auf Fragen in einem Gedicht eine Strophe sind. (15) In der Tragödie nutzt Shakespeare den Ausdruck gebrochene Stimme (broken voice) einer Frau mit Tränen in den Augen in der Rede Hamlets in der 2. Szene des 2. Akts:

Ay, so, God be wi" ye;
Now I am alone.
O, what a rogue and peasant slave am I!
Is it not monstrous that this player here,
But in a fiction, in a dream of passion,
Could force his soul so to his own conceit
That from her working all his visage wann"d,
Tears in his eyes, distraction in"s aspect,
A broken voice, and his whole function suiting
With forms to his conceit? and all for nothing!
For Hecuba!
(16)

Shakespeare läßt im Dialog mit König Heinrich den Fünften im V. Aufzug das Käthchen sagen:

Eurem französischen Herzen lieben wollt, so werde ich froh sein, es Euch mit Eurer englischen Zunge gebrochen bekennen zu hören." (17) In John Keats´ Ode to Psyche wird die Seele beschrieben, die sich durch die Entschuldigung gesungener Geheimnisse ankündigt:

O GODDESS! hear these tuneless numbers, wrung
By sweet enforcement and remembrance dear,
And pardon that thy secrets should be sung
Even into thine own soft-conched ear:
Surely I dream"d to-day, or did I see
The winged Psyche with awaken"d eyes?
(18)

Mit der Metapher Zunge werden in der Ode Kategorien der Sprache veranschaulicht, die in der Linguistik als psychologische Elemente des Ausdrucks eines Sprechers sich klassifizieren lassen. Das Textkorpus Ode stellt somit einen Schlüssel durch seine Phonetik und semiotische Ausdrücke zur Beschreibung der Sprache dar. Johann Wolfgang Goethe beschreibt in Wilhelm Meisters Lehrjahre (III. Buch, 1. Kapitel) die gebrochene Sprache einer Sängerin, die dieses Lied singt:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn!

Goethe beschreibt die Veränderung der gebrochenen Sprache des Naiven und Unschuldigen zur übereinstimmenden und zusammenhängenden Sprache:

Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im Hause umsah, fand er sie nicht, hörte aber, daß sie früh mit Melina ausgegangen sei, welcher sich, um die Garderobe und die übrigen Theatergeratschaften zu übernehmen, beizeiten aufgemacht hatte.

Zurück zum Text  12. www.geocities.com/Athens/Forum/6946/literature/serv_cent.html

Zurück zum Text  13. Vgl. für die Dichtung der Sappho auch: Bowman, L.: Nossis, Sappho and Hellenistic poetry. In: Ramus. Critical Studies in Greek and Roman Literature. Bd. 27. 1998. S. 39-59.
S. als Einführungen:

Burnett, Anne P.: Three archaic poets. Archilochus, Alcaeus, Sappho. London 1983.

Dörrie, Heinrich: P. Ovidius Naso. Der Brief der Sappho an Phaon. mit literarischem und kritischem Kommentar im Rahmen einer motivgeschichtlicher Studie. München 1975.

Die Rhetorik der Liebe bei Sappho und Plato von Helen P. Foley untersucht.

Cf. Foley, Helen P.: »The Mother of the Argument". Eros and the Body in Sappho and Plato"s Phaedrus. In: Parchments of Gender. Deciphering the Bodies of Antiquity. Ed. by Maria

Wyke. Oxford 1998. S. 39-70.

Furley, W. D.: "Fearless, bloodless ... like the gods": Sappho 31 and the rhetoric of "godlike"

In: The Classical Quarterly. Published for the Classical Association by Oxford University Press. Bd. 50 (2000). S. 7-15.

Vgl. zum Lebenslauf der Sappho:

Fornaro, Sotera: Sappho. Geb. um 612 v. Chr. in Eressos auf Lesbos. In: Metzler Lexikon Antiker Autoren. Hrsg. von Oliver Schütze. Stuttgart und Weimar 1997. S. 622-626.

Zurück zum Text  14. Vgl. für die Rezeption von Sapphos Werk auch: Harper, Anthony J.: Sappho in the shadows. Essays on the work of German women poets of the age of Goethe (1749 - 1832). With translations of their poetry into English. Oxford 2000.

Ein Beispiel für die Klassifizierung der Sprüche Salomons als Oden ist: Charlesworth, J. H.: Ode of Solomon 5: praise while contemplating persecutors In: Prayer from Alexander to Constantine. Edited by Mark Kiley. London/New York 1997. S. 273-279.

Siehe zur Ode in der Renaissance. Haumann, Herbert: Das dreistellige translatio-Schema und einige Schwierigkeiten mit der Renaissance in Deutschland. Konrad Celtis" Ode ad Apollinem (1486). In: Rezeption und Identität. Die kulturelle Auseinandersetzung Roms mit Griechenland als europäisches Paradeigma. Hrsg. von Gregor Vogt-Spira und Bettina Rommel unter Mitwirkung von Immanuel Musäus. Stuttgart 1999. S. 335-349.

Zurück zum Text  15. Rothmann, Johann Friedrich: Lustiger Poete. Ohne Ort 1709. S. 314-324.

Zurück zum Text  16. chemicool.com/Shakespeare/Tragedy/hamlet/hamlet.2.2.html

Zurück zum Text  17. www.gutenberg.aol.de/shakespr/heinrch5/hein552.htm

Zurück zum Text  18. www.library.utoronto.ca/utel/rp/authors/keats.html

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. November 2001
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