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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Sappho oder vom Sprechen mit gebrochener Zunge


Nach Verlauf einiger Stunden hörte Wilhelm Musik vor seiner Türe. Er glaubte anfänglich, der Harfenspieler sei schon wieder zugegen; allein er unterschied bald die Töne einer Zither, und die Stimme, welche zu singen anfing, war Mignons Stimme. Wilhelm öffnete die Türe, das Kind trat herein und sang das Lied, das wir soeben aufgezeichnet haben. Melodie und Ausdruck gefielen unserm Freunde besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte. Er ließ sich die Strophen wiederholen und erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins Deutsche. Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die gebrochene Sprache übereinstimmend und das Unzusammenhängende verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden. Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und dusterer; (19)

Odenrezeption war im 18. Jahrhundert beliebte Grundlage für die eigene poetische Tätigkeit von Dichtern. Eckermann notiert in den Gesprächen mit Goethe (I. Teil, Einleitung) Goethes Studien zu den Oden des Horaz. (20) Goethe verfaßt die Petrarchischen Oden. Wilhelm von Humboldt übersetzte die Pindarischen Oden. Die Dichter der Aufklärung waren durch Klopstocks Oden geschult. Im Jahre 1771 hatte Johann Heinrich Merck einen Privatdruck seiner Oden in 34 Exemplaren veranstaltet. In der Ode Die Frühlingsfeier gibt es eine Stelle, an die Lotte im Werther denkt, als sie das Losungswort ´Klopstock´ ausspricht. Über seine Ausbildung durch das Studium von Quellen der Literaturgeschichte wie den als beliebte Dichtung geltenden Oden und Elegien von Klopstock notiert Goethe, daß er sie in seiner Ausbildungszeit sorgfältig abschrieb.

Ein Gelehrter Deutschlands, der die Oden im Barockzeitalter in seiner poetischen Theorie behandelte, ist Martin Opitz. Ist die Lyrik im Zeitalter Opitz eine traditionsorientierte Regelpoetik für die Lyrik, die Sprache nach diesen Regeln in den Oden thematisiert, so wird in der Späten Neuzeit das Thema Sprache mit der Metapher Zunge neu entfaltet. In der deutschen Lyrik sind vor allem drei antike Odenformen rezipiert worden. Die nach der griechischen Dichterin Sappho benannte sapphische Odenstrophe, die von Sapphos Zeitgenossen Alkaios bevorzugte sogenannte alkäische Odenstrophe und eine von Asklepediades (270 v. Chr.) entwickelte Strophenform, die als asklepiadeische Odenstrophe in die Literaturwissenschaft eingegangen ist, zählen zum Kanon der Gattung. im späten 18. Jahrhundert finden sich Reden, die die Form von Oden haben. Von Richard Polwhele erscheinen Poems mit dem Untertitel Namely, The English orator. An address to Thomas Pennant, Esq. An ode on the susceptibility of the poetical character; twenty sonnets in Form von einem Brief, An epistle to a college friend, im Jahre 1791. Die Ode wird als Teil des öffentlichen Vortrages des genus laudativum auch in Deutschland im 18. Jahrhundert eingesetzt. Die Ode, Bey dem Actu Oratorio Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes von Christophorus Pylius erscheint in Stettin im Jahre 1722. Horaz stellt in der 4. Ode in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss die Unterbrechung der Rede in einr Frage dar:

Was doch hemmt die Beredsamkeit,
Daß unrühmlich in Wort lallend die Zunge stockt? (21)

In der deutschen Literatur ist seit Klopstocks Dichtung die Ode eine zumeist reimlose, feierliche, emphatisch- enthusiastische Dichtung, deren Strophenform vielfach auf antike, meist 4-zeilige Strophen-Vorbilder zurückgeht. (22) Wie bei der Hymne soll durch stilistische Elemente wie die Inversion, hoher Stil und assoziative Verknüpfung der Teile der Eindruck emotionaler Spannung als Wirkung der Affekt genutzt werden. Die Ode eignet sich zum Lobpreis von erhabenen Dingen wie Göttern und geehrten tugendhaften Personen oder personifizierten Idealen wie der Freiheit ,- eine Forderung an die Dichter, die dem genus gravis, dem erhabenen Redestil der Redekunst, entspricht.

Das Prinzip der Nachahmung wird in dieser Form der Lyrik mannigfach als Anlaß zur Rede genutzt und dient für Variationen. Vorbild der gereimten Oden sind vielfach die Oden des griechischen Lyrikers Anakreon und seiner sich wein- und liebestrunken gebenden Nachahmer. Themen der Ode sind freundschaftliche Liebe, Freundschaft in einem Vaterland, Gott und die Natur als Freund. Parodien sind eine Form von Kopie, die das Original imitieren. Auch hier werden nach antiken Vorbildern Formen der Beredsamkeit ausgesprochen. In der deutschen Literatur des 17. und frühen 18. Jahrhunderts ist der Begriff Ode oft auch gleichbedeutend mit Lied. Als europäische Bewegung ist die Dichtung von Oden nach dem Vorbild des Horaz in der Renaissance, im Barock und in der Romantik zu finden. Der Aufruf des Horaz in seinen Oden (I, 11), den Tag zu fangen, folgt nach der Warnung vor dem Reden (loqui):

Tu ne quaesieris - scire nefas -, quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leucono? nec Babylonios
temptaris numeros ! Ut melius, quidquid erit, pati,
seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias ! Vina liques et spatio brevi
spem longam reseces ! Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero !

Die Nähe der Ode zur Redekunst zeigen die Gattungsbezeichnungen von Musikstücken. Alexanderfest oder Die Macht der Tonkunst ist eine Ode, die als Oratorium von Georg Friedrich Händel komponiert wurde. Die Abhandlung Zeitmessung der deutschen Sprache von Johann Heinrich Voß wird in Königsberg im Jahre 1802 veröffentlicht. Die Übersetzung Oden aus dem Horaz nebst einem Anhang zweier Gedichte aus dem Katull und achtzehn Liedern aus dem Anakreon wird von Karl Wilhelm Ramler im Jahre 1787 veröffentlicht. Ramler verfaßte auch eigene Oden wie die Ode an die Stadt Berlin. den 24. Jenner 1759. Ramler übersetzte und veröffentlichte die Oden des Horatius Flaccus in der Berlinischen Monatsschrift. An den Mäcenas, der heroische Oden forderte, ist die zwölfte Ode des zweyten Buches, die Ramler übersetzte, geschrieben. (23) Als Oden der Antike gibt Ramler Oden wie die Carmina von Horaz und Johann Wilhelm Ludwig Gleim eine Übersetzung im Jahre 1769 heraus. Ramler veröffentlicht die Oden von Horaz mit Catulls Anacreon im Jahre 1787. Ramlers Sammlung Oden aus dem Horaz nebst einem Anhang zweier Gedichte aus dem Katull und achtzehn Liedern aus dem Anakreon im Jahre 1787.

Zurück zum Text  19. www.gutenberg.aol.de/goethe/meisterl/mstl301.htm

Zurück zum Text  20. www.gutenberg.aol.de/eckerman/gesprche/gsp1000c.htm

Zurück zum Text  21. www.uky.edu/AS/Classics/Harris/rhetform.html

Zurück zum Text  22. Vgl.: Goldbach, Gertrud: Das Stilproblem der Odendichtung Klopstocks. Dachau 1938.

Zurück zum Text  23. In: Berlinische Monatschrift 1794. 2. S. 477-484.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. November 2001
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