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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Kürze als Formideal des Gedichts


Johann Christoph Gottsched vermerkte -offensichtlich inspiriert durch die Metaphorik der Barockdichtung- in dem Artikel Epigrammata. Sinngedichte seines Werkes Handlexicon oder Kurzgefaßtes Woerterbuch der schoenen Wissenschaften und freyen Kuenste den Vergleich zwischen Biene und Sinngedicht. Auch hier wird die Kürze als Qualität des gelungenen Epigrammes gefordert:

Werden in der Mahlerey durch einen Satyr vorgestellet, der mit Pfeilen versehen ist, und lachend versuchen will, ob sie scharf genug sind. (Man sehe Satire: )
Ein gutes Sinngedicht soll die Eigenschaften einer Biene haben, d..i. klein seyn, ein wenig Honig, und einen scharfen Stachel haben.
Machst du ein Sinngedicht, so laß es kurz und klein,
Fein stachlichst, honigsueß, kurz, Bienen ähnlich seyn.

In seinem Hinweis auf die Übersetzungen der antiken Epigramme nutzt Gottsched den Ausdruck Sinngedichte: „Doch giebt es auch lobende Sinngedichte: die also keinen Stachel brauchen. Opitz, und viel andre alten Dichter haben viel alte lateinische aus dem Martial, Auton und Oven, gluecklich uebersetzet, theils auch viel eigene gemchet. Von Golau hat einen dicken Band davon geliefert. Doch koennten viele noch besser gerathen seyn." (12) Gottscheds Epigramm Opitz, auf sich selbst - publiziert in der Rubrik Sinn- und Scherzgedichte seiner Schrift Versuch einer critischen Dichtkunst - stellt den Gelehrten und Dichter des Barockzeitalters dar. Der Anrufung an Gottheiten, stilistisches Mittel der Einleitung poetischer Literatur seit der Antike, wird in Form einer rhetorischen Frage gleichsam poetisch ihre Funktion genommen. Glück und Liebe werden als Reminiszenzen in einer Antithetik der Dichtung dieses Zeit dem Neid, Streit und Krieg, die Literatur mit sich bringt, gegenüber gestellt. Sich von dieser Waffengewalt in der Literatur distanzierend, wird allein der Tod durch die Liebe vom Dichter als Schicksal der Götter angenommen:

Opitz, auf sich selbst
Ihr Götter? Soll mich denn des schoenen Glueckes Neid
Nicht lassen? Muß ich mich begeben in den Streit!
Doch nein; laßt mich nur hier! Der Krieg wird nicht vonnoethen!
Laßt mich der Liebsten nur: die kann mich besser toedten. (13)

Christian Hoffmann von Hoffmanswaldau verfaßte ein Epigramm auf Cicero mit dem Hinweis auf seinen Willen. Auch hier wie ein Epitaph an einem fiktiven Ort des Begräbnisses der Tod mit dem Grab als Zeichen der Vergänglichkeit erwähnt:

Ciceronis des vortrefflichen Redners.
In diesem kleinen Raum ward Cicero gelegt/
Der das beruehmte Rom nach Willen hat bewegt/
Mein Leser/ scheue nicht/ das schlechte Grab zu kuessen/
Es liegt der Roemer Mund zu deinen schlechten Fuessen.
(14)

Antike Personen werden in den antiken Epigrammen beschrieben, die im 18. Jahrhundert publiziert und übersetzt wurden. Johann Gottfried Herder, der die Anthologia Graeca in der Aufklärung als Übersetzer bearbeitete, hat in seinen Anmerkungen über das griechische Epigramm in Berufung auf die Sinngedichte von Lessing, die er zusammen mit Zerstreuten Anmerkungen über das Epigramm und einige der vornehmsten Epigrammisten herausgab, einen Kommentar mit einem Überblick auf die Gattungen des Epigramms geschaffen. So entwickelt er -ausgehend von Lessings Arbeiten zum Epigramm - eine historische Darstellung in Form einer Theorie von sieben Gattungen des Sinngedichts, die er im Hauptbegrif des Epigramms zusammenfaßt:

Die einfache darstellende Gattung
Das Exempel-Epigramm
Das schillernde Epigramm
Das leidenschaftliche Epigramm
Das künstlich-gewandte Epigramm
Das rasche und kurze Epigramm
(15)

In seinem an einen Freund gerichteten Epigramm Zwo Gattungen des Epigramms hat Herder mit den stilistisch auf die Poetik des Barock zurückgreifenden Metaphern Biene und Rose zwei Gattungen unterschieden:

Zwo Gattungen des Epigramms
Dir ist das Epigramm die kleine Geschäftige Biene,
Die auf Blumen umher flieget und sauset und sticht.
Mir ist das Epigramm die kleine knospende Rose,
Die aus Dornengebüsch Nektar-Erfrischungen haucht.
Laß uns beyde sie dann in Einem Garten versammeln;
Hier sind Blumen, o Freund, sende die Biene dazu.
(16)

In seinen Epigrammen hat Herder als Übersetzer die Rednerinnen und Redner neben Dichtern und Philosophen aus Griechenland beschrieben, die in der Anthologia Graeca bekannt waren. Namentlich sind die Philosophin Hypatia und die Dichterin Sappho in seiner Übersetzung erwähnt, deren Eigenschaften auch bei den Rednern Agatias und Nicetas zu finden sind. Das Lob der Hypatia im Vergleich mit dem Sternbild der Jungfrau nutzt eine Allegorie für die Weisheit ,- eine Tugend, die auch dem Agathias in einer Aufschrift für sein Denkmal zuteil wird:

Hypatia
Eine griechische Philosophin
Schau ich an und höre deine Reden,
Ist mir als schauet´ unter den Sternen ich
Die Jungfrau an: denn deine Worte stammen
Vom Himmel, du der Grazie Gestalt,
Der Weisheit reines hohes Sternbild du.
(17)

Zurück zum Text  12. Gottsched, Johann Christoph: Handlexicon oder Kurzgefaßtes Woerterbuch der schoenen Wissenschaften und freyen Kuenste. Zum Gebrauch der Liebhaber derselben herausgegeben, von Johann Christoph Gottscheden. Leipzig 1760. Sp. 620-621.

Zurück zum Text  13. Gottsched, Johann Christoph: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke und Brigitte Birke. Sechster Band. Zweiter Teil. Versuch einer critischen Dichtkunst: Anderer Besonderer Theil. Berlin und New York 1973. S. 228.

Zurück zum Text  14. Hoffmanswaldau, Christian Hoffmann von: Curriculum studiorum und andere gedruckte Werke. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Franz Heiduk. Hildesheim, Zürich, New York 1999. S. 504.

Zurück zum Text  15. Herder, Johann Gottfried: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Bernhard Suphan. Hildesheim 1967. Bd. 15. S. 366-372.
Vgl. auch Kelletat, Andreas F.: Was ist das eigentlich - ein Epigramm? Ein Beitrag zu Herders Gattungstheorie. In: Der Ginkgo-Baum. Bonn 13 (1995). S. 217-227.

Zurück zum Text  16. Herder, Johann Gottfried: Herders Poetische Werke. Herausgegeben von Karl Redlich. Fünfter Band. Berlin 1889. S. 431.

Zurück zum Text  17. Johann Gottfried Herder. Sämtliche Werke. Herausgegeben von Bernhard Suphan. Poetische Werke. Herausgegeben von Carl Redlich. Band 26. Hildesheim 1968. S. 92.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. November 2001
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