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Prof. Dr. Fee-Alexandra Haase: Censura und recensio. Zensur und Rezension.


Nach der Abschaffung der Präventivzensur gegen Ende des 17. Jahrhundert in England, mit der Französischen Revolution in Frankreich und 1871 in Deutschland etablierte sich das gegenläufige Verfahren einer nachträglichen Zensur, das Autoren, Verleger und Verbreiter von Schriften, die unter die Zensur fielen, ahndete. Briefe sind daher für diese Zeit Dokumente, mit denen die Zensur umgangen werden kann. Eine literarische Gattung, die eine Überlieferung von Kritik als eine literarische Wertung dokumentiert, ist ebenfalls der Brief. Vor den kritischen Briefen waren die für den Leser gedruckten Sendungen von Freunden (missilia amicorum) und an den Leser gerichtete Epigramme des Verfassers über die Zensur (censura) auch in Harsdorffers Schrift Philologia Germaniae üblich. In der Briefkultur seit dem 17. Jahrhundert wurden als Formen des Kommentars in Muttersprache Schreiben verwendet, die bis in die Gegenwart Medium literaturkritischer Kommunikation sind. Kunstgeschichte und Geschichtsschreibung weisen den historisch-kritischen Quellenkommentar auf. Auch naturwissenschaftliche, juristische, medizinische und theologische Abhandlungen werden unter dieser Bezeichnung der kritischen Bearbeitung veröffentlicht.

Die Rezension (recensio) ist eine Methoden der Kritik in den Zeitschriften des 18. Jahrhunderts. Das lateinische Wort recensere hat im Jahre 1741 in der deutschen Übersetzung die Bedeutungen herrechnen, herlallen und mustern. (23) Die Sache (res) behandelt Cicero in seiner Rede für Milo in der Sentenz "Crimen iudicio reservavi, rem notavi." (24) Sueton verwendet den Begriff recensus für die Volkszählung (recensus populi). (25) Für die Bezeichnung des Wortes recensus als die Musterung sind Beispiele die Beschreibung des Abhaltens einer Rezension bei Livius in der Sentenz "<censo>res censum, idibus Decembismus severibus quam ante habuerunt". (26) Herder definiert in seiner Abhandlung Kalligone den Begriff Rezension: "Was heißt Rezension? Der Name selbst enthält des Amts Pflichten. Eine genaue Überzählung oder Erzählung dessen, was die Schrift enthält, notwendig jede Schrift in ihrer Weise - heißt Rezension." (27) Der Ausdruck Kritik findet sich in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts als Bezeichnung für eine journalistische Textsorte. Auch die Rezensionen wissenschaftlicher Schriften und kritisches Schrifttum sind Arten von Schriften, die insbesondere wissenschaftliche Werke bewerten. Das Verbum recensere hat im Jahre 1741 in der Übersetzung die Bedeutungen herrechnen, herlallen und mustern. (28) Die recensio ist die Musterung des Zensors bei der Getreideverteilung, recensitio die Musterung, recensus die Musterung, recensere ist die Tätigkeit wiederholt, Stück für Stück, Mann für Mann in bezug auf Beschaffenheit, Zahl, Vollständigkeit prüfen, in Augenschein nehmen, mustern, durchgehen, durchzählen, in Gedanken durchgehen, durchmustern, überdenken. (29) So spricht noch Clemens Blume in seinem Vorwort zu den Hymnologischen Beiträgen vom 4. Dezember 1904 von einem Rezensenten des revue critique als Censor. (30)

Christoph Martin Wieland weist im Kommentar zu seiner Übersetzung des Briefes an die Pisonen von Horaz auf den Metius oder Mäcius hin, der schon damals bestellter öffentlicher Schauspiel-Zensor war. Wieland bemerkt im Aristipp (4. Buch / X) einen Brief des Speusippus an Aristipp, in dem seine scharfe Censur in Anti-Platonischen Briefen an Eurybates über den neuesten Dialog des Onkels des Speusippus erwähnt wird. Wieland beschreibt in Horazens Brief an die Pisonen in einer Erläuterung, daß ein Kunstrichter, dem Horaz hier ein sehr schmeichelhaftes Kompliment zu machen scheint, Spurius Metius Tarpa war, der als einer von den fünf kritischen Kommissarien tätig war. Diese Zensoren hielten ihre Zusammenkünfte im Tempel des Apollo, wo sie Werke mit ihrem richterlichen Ausspruch versahen. (31) Jean Paul schreibt in der Vorschule der Ästhetik (Nachschule, IX. Prog.) in Über den Witz zu den Rezensenten seines Werkes Bemerkungen, die Studien zum Umgang mit der Literatur sind.
Die Rezensenten des IX. Programms
Der Verfasser desselben glaubte in diesem Programm ordentlich etwas Erstes und Erschöpfendes über die Witzarten vorgebracht zu haben; aber kein Rezensent dachte daran, es zu glauben oder zu leugnen, sondern ließ die Sache vorübergehen. Nur einer merkte an, dergleichen schicke sich bloß in eine Rhetorik. Können die Leser nicht, denken sie, ihre Fische, wie die armen Ufer-Schotten die ihrigen, ganz ohne Salz genießen, besonders faule, die man selber macht?
" (32)

Paul unternimmt im Freiheits-Büchlein (Nr. III, 13. Abschnitt) eine Definition eines Zensors und bemerkt: „So bleibt doch wahr, daß das Zensor-Gericht einzig in seiner Art ist." Das Werk Frühlingskranz von Pauls Zeitgenossen Clemens Brentano wurde von der Zensur durch Beschlagnahme des Buches verfolgt. Mit den Karlsbader Beschlüssen wurde die Pressezensur 1819 zur Bekämpfung „demagogischer Umtriebe" verschärft. Zu den Rezensionsschriften seit dem 18. Jahrhundert zählen die Göttingischen gelehrten Anzeigen. Die Goettingischen gelehrten Anzeigen der Akademie der Wissenschaften in Goettingen machte eine Auflistung von Artikeln nach dem Schema Ort der Veröffentlichung, Titel, Namen des Verfassers. Ein Vertrauter Brieff-Wechsel über einige unvernünftige Recensiones in den Altonaischen so genanten gelehrten Zeitungen von Johann Andreas Fabricius wird in Freyberg im Jahre 1746 gedruckt. Der Ausdruck Kritik findet sich in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts als Bezeichnung für eine journalistische Textsorte. Zu den von der publizistischen Gattungen gehört die Freymüthige Kritik, die sich in den Sparten zur bildenden Kunst und Literatur, aber auch als politischer Kommentar in der Presse des 18. Jahrhunderts findet. So sind in dem Schriftstück Censurprobe. Aus Baden über die Stellung der Philosophie die textkritischen Anmerkungen der Zensoren in diesem Schriftstück überliefert. Die folgende Passage, in der sich der Autor auf Heine beruft, wurde von der Zensur gestrichen:

Man wird einräumen, daß Heine jetzt überall Recht hat, wenn er sagt:

Wir haben die schönsten Pfaffen,
Wir zeugen uns immer mehr,
Und hören nicht auf zu schaffen,
Bis pfäffisch ist Alles umher.
Dann nehmen wir Spiß und Pistolen
Und ziehn zu den Glaubensarmee:
Don Carlos wird sich erholen,
Und das Volk hat einen Autodafé.
(33)

Zurück zum Text  23. Frisch, Johann Leonhard: Teutsch-Lateinisches Woerter-Buch. Berlin 1741. S. 90.

Zurück zum Text  24. Cicero, Marcus Tullius: Pro T. Annio Milone ad iudices oratio. Mit einem Kommentar des Q. Asconius Pedianus und ausgewählten Stücken aus den Bobienser Scholien. Von Konrat Ziegler. Neubearbeitet von H. A. Gärtner. Heidelberg 1977. 6.14. S. 31.

Zurück zum Text  25. Suetonius, Tranquillus, Gaius: Kaiserbiographien. Lateinisch und deutsch von Otto Wittstock. Berlin 1993. 41, 3. S. 62.

Zurück zum Text  26. Titus Livius: Ab urbe condita. Libri XLI-XLV. Edidit John Briscoe. Stuttgart 1986. 44, 16, 8. S. 221.

Zurück zum Text  27. Literaturkritik und literarische Wertung. Darmstadt 1980. S. 22-26. Zitat S. 23.

Zurück zum Text  28. Fritsch: Teutsch-Lateinisches Woerter-Buch. O. c. S. 90.

Zurück zum Text  29. Georges, Karl Ernst: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet von Karl Ernst Georges. Basel 1959. Sp. 2217.

Zurück zum Text  30. Hymnologische Beiträge. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Lateinischen Hymnendichtung. Herausgegeben von Clemens Blume und Guido Maria Dreves. Leipzig 1900. [Reprint Hildesheim und New York 1971]. S. 7.

Zurück zum Text  31. Wilson, W. Daniel: Wielands Bild von Friedrich II. und die "Selbstzensur" des Teutschen Merkur. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Stuttgart 1985. S. 22-47.

Zurück zum Text  32. www.gutenberg.aol.de/jeanpaul/vorschul/vors491.htm

Zurück zum Text  33. Arnold Ruge. Werke und Briefe. Herausgegeben von Hans-Martin Sass. In 12 Bänden. Band 7. Zensur, Revolution, Patriotismus. Aalen 1998. S. 28-37. Zitat S. 29.
Vgl. auch als Beitrag zur Zensur im 19. Jahrhundert: Wüst, Wolfgang: Censur als Stütze von Staat und Kirche in der Frühmoderne. München 1998.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 27. November 2001
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