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Lars Klinnert: Gentechnik - Ein Eingriff in die Schöpfung?


2.2 Natur gleich Schöpfung?

Um eine deontologische Ablehnung gentechnischer Eingriffe zu begründen, wird von christlicher Seite mit der Unverfügbarkeit oder Heiligkeit des Lebens argumentiert: Weil die Natur Schöpfung Gottes sei, dürfe der Mensch nicht verändernd in sie eingreifen. Insbesondere die Gene werden dann in eine enge Beziehung zum Schöpferwirken Gottes gesetzt und daher zum Tabubereich erklärt. So befürchtet der Bochumer Theologe Christian Link, dass der Mensch mit der Gentechnik die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf verwische. Hier offenbart sich eine Tendenz, die schon Dietrich Bonhoeffer kritisiert hat - Gott im Unerklärlichen zu suchen und auf diese Weise doch nur mit fortschreitender Erkenntnis immer weiter aus der Welt hinauszudrängen. Man behauptet eine Unverfügbarkeit des Lebens gerade dort, wo es wissenschaftlich erklärbar und technisch verfügbar zu werden droht.

Bei dieser Argumentation wird häufig ein so genannter naturalistischer Fehlschluss begangen, d. h. aus dem natürlichen Sein wird ein moralisches Sollen abgeleitet: Aus der Tatsache, dass die Evolution zur Entwicklung neuer Arten lange Zeiträume braucht, schließt man, dass der Mensch nicht mit Hilfe der Gentechnologie neue Arten schaffen darf. Aus der Tatsache, dass einer Pflanze eine bestimmte Eigenschaft natürlicherweise fehlt, schließt man, dass man ihr kein artfremdes Gen mit dieser Eigenschaft einfügen darf.

Allerdings unterliegen auch die engagierten Befürworter der Gentechnologie bisweilen dem naturalistischen Fehlschluss. So findet sich bei ihnen häufig die Argumentation, weil es in der Natur Mutationen gebe, sei es erlaubt, dass der Mensch solche Mutationen künstlich herbeiführe. Für beide Seiten lässt sich sagen: Aus der Tatsache, dass bestimmte Vorgänge in der Natur vorkommen oder nicht vorkommen, lässt sich noch nicht begründen, ob dem Menschen ein entsprechender Eingriff erlaubt ist oder nicht. Der Mensch als Vernunftwesen zeichnet sich ja gegenüber der nichtmenschlichen Natur gerade dadurch aus, dass er zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich gegenüber seiner Umwelt bewusst verhalten kann und muss.

Darf der Mensch nun also in die Gene eingreifen oder nicht? Wenn die Bibel von Schöpfung redet, meint sie einen von Gott wohl geordneten Zusammenhang, der dem Menschen als Lebensgrundlage dient (Gen 1, 27-30: "Und siehe es war sehr gut."). Die Bibel weiß aber auch, dass dieses Gutsein der Schöpfung keine objektiv erkennbare Tatsache ist. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist nicht bloß harmonisch; die Natur kann auch zur Bedrohung werden. An der Grausamkeit der Natur, z. B. bei Naturkatastrophen, können Menschen auch verzweifeln. Das AT erzählt zur Erklärung die Geschichte vom Sündenfall. Wir leben nicht in einer heilen Welt, sondern in der gefallenen Schöpfung. Der Mensch muss, um überleben zu können, über die Natur verfügen. Unser Verhältnis zur Natur ist also immer schon kulturell gestaltet.

Sowohl die alttestamentlichen Propheten als auch das NT identifizieren darum nicht einfach Natur und Schöpfung, sondern reden von Schöpfung als etwas Neuem, von Gott Verheißenem (Jes 11,5f.; Röm 8,19-22). Von dieser Hoffnung her kann das Bestehende neu wahrgenommen, können die Beziehungen zwischen Menschen und Mensch, zwischen Mensch und Natur entsprechend gestaltet werden: So weiß das NT z. B. genau, dass es ethnische und soziale Unterschiede zwischen Menschen gibt; das Leben in der Gemeinde soll aber so gestaltet werden, dass diese Unterschiede keine Trennung mehr bedeuten (Gal 3,28). Ähnlich soll der Mensch auch seinen Umgang mit der Natur so gestalten, dass darin die von Gott verheißene neue Schöpfung entdeckt werden kann. Wenn wir wissen, dass Gott für uns das Gute will, können wir in der Natur die Möglichkeiten gelingenden Lebens entdecken.

Die Natur ist also nicht mit der heilen Schöpfung gleichzusetzen, die der Mensch bewahren soll, indem er sich aller Eingriffe in sie enthält. Schon aus naturwissenschaftlicher Sicht kann kaum gelten, dass die Gene das Geheimnis des Lebens darstellen. Um wie viel mehr muss man aus theologischer Sicht sagen, dass der Mensch seine Geschöpflichkeit nicht an einer bestimmten Grenze der wissenschaftlichen Erkenntnis erfährt, sondern darin, alles was er hat und vermag, als Geschenk Gottes zu verstehen. Schöpfung sollte darum vielmehr aufgefasst werden als ein uns gewährter Lebensraum mit von uns noch nicht hinreichend erkannten Grenzen, mit dunklen Seiten und guten Möglichkeiten, die in aller Vorsicht zu ertasten sind. Daher wird immer wieder neu zu entscheiden sein, welche Eingriffe in die Natur dem von Gott gewollten guten Leben für alle Menschen gerecht werden und welche nicht. Schöpfungsgemäßes Handeln besteht gerade in der Übernahme von Verantwortung für die Folgen, die ein bestimmtes Tun oder Unterlassen im Blick auf ein menschenwürdiges und gerechtes Zusammenleben hat. Die Schöpfung zu bewahren bedeutet dann nicht, in einer Art Naturromantik alles beim Alten zu belassen, sondern die Umwelt unter Berücksichtigung der gegenwärtigen sozialen, wissenschaftlichen und ökologischen Gegebenheiten menschengerecht zu gestalten.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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