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Lars Klinnert: Gentechnik - Ein Eingriff in die Schöpfung?


6 Beurteilung

Chancen und Risiken gentechnisch veränderter Lebensmittel werden - wie gezeigt - von verschiedenen Seiten völlig unterschiedlich bewertet. Ein Kernproblem der Auseinandersetzungen sind die verhärteten Fronten. Auf beiden Seiten glauben manche, ganz genau zu wissen, welcher Umgang mit der Gentechnik der richtige ist. Dies führt dazu, dass viele Menschen nicht mehr beurteilen können, welcher Meinung sie denn nun Glauben schenken sollen.

Viele Gegner gentechnischer Nahrungsmittel sehen nur deren mögliche Risiken und stellen diese so dar, als ob sie mit Sicherheit eintreten würden. Die Öffentlichkeit wird mit Horrorszenarien emotional gegen die Gentechnik aufgewiegelt. Die möglichen Vorteile gentechnisch veränderter Nahrungsmittel werden bewusst verschwiegen.

Umgekehrt werden vorhandene Risiken von manchen Befürwortern als randständig dargestellt. Wie selbstverständlich gehen sie davon aus, dass Gentechnik dem Wohl der Menschheit dient. Dabei wird der Sinn gentechnisch veränderter Lebensmittel dem Verbraucher nicht immer deutlich. Ob resistent gemachte Pflanzen den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln langfristig wirklich reduzieren, ist offen. Die Einführung solcher Lebensmittel wird dennoch als nicht rückgängig zu machender Prozess dargestellt. Die Öffentlichkeit versucht man aus dem Fortgang der Forschung auszuschließen und vor vollendete Tatsachen zu stellen. Dass dahinter handfeste wirtschaftliche Interessen von Großkonzernen stehen, muss nicht eigens betont werden. Wenn Gentechnik als einziger Weg zur Bekämpfung des Welthungers oder zur Lösung von Umweltproblemen gesehen wird, geraten zudem alternative Methoden aus dem Blickfeld: Ähnliches kennt man aus der einseitigen Förderung der Kernenergie in den 50er bis 70er Jahren. Dabei ist gerade eine Konkurrenz zwischen gentechnischer Nahrungsmittelproduktion und herkömmlichen Verfahren wünschenswert, damit sich im Wettbewerb das jeweils bessere Produkt durchsetzt und sich nicht eine eventuell risikoreiche Methode allein etabliert.

In einem von der Industrie gesponserten Informationsheft wurde es als inkonsequent und rational unverständlich hingestellt, dass drei Viertel der Deutschen gentechnisch hergestellte Nahrungsmittel ablehnen, die meisten jedoch keine Bedenken gegen gentechnisch hergestellte Medikamente haben. Ich sehe diese Haltung vielmehr als ein Indiz dafür, dass in großen Teilen der Bevölkerung eine differenzierte Betrachtungsweise vorherrscht: Wo der Nutzen der Gentechnik unmittelbar einleuchtet und die möglichen Risiken überwiegt, wird sie auch von der breiten Bevölkerung akzeptiert. Wo jedoch die Risiken immer wieder verschleiert werden und der Nutzen fragwürdig bleibt, überwiegen Skepsis und Ablehnung. Dass es sinnvoll sein kann, für Allergiker gentechnisch veränderte Nahrungsmittel herzustellen, aus denen bestimmte Proteine entfernt wurden und die darum besser verträglich sind, leuchtet sicherlich den meisten von uns unmittelbar ein. Ob die Welt jedoch die Antimatschtomate braucht oder Brötchen, die zwei Wochen lang frisch und knusprig bleiben, ist fraglich.

Aus der Sicht einer christlichen Verantwortungsethik, die nach der Gestaltung würdiger und gerechter Lebensverhältnisse für jetzige und zukünftige Menschen fragt, entspricht sowohl ein sorgloser Umgang mit der Gentechnik als auch ein rigoroser Verzicht auf sie nicht dem Auftrag der Bewahrung und Gestaltung der Schöpfung. Notwendig ist daher eine ausgewogene Erforschung von Chancen und Risiken, ein offener Austausch von Argumenten pro und contra sowie die Möglichkeit für den Einzelnen, sich zu informieren, sich eine eigene Meinung zu bilden, und individuell für sich zu entscheiden.

  • Einerseits ist es der Gentechnik auf bisher unbekannte Weise möglich, lebende Organismen zu verändern. Andererseits hat der Mensch schon immer in die Natur eingegriffen und damit die Lebensbedingungen der nachfolgenden Generationen beeinflusst.
  • Einerseits birgt die Gentechnik einige bekannte und manche vielleicht bislang noch unbekannte Risiken. Andererseits könnten durch sie in Zukunft die Lebensbedingungen von Menschen verbessert, ja sogar Menschenleben gerettet werden.
  • Einerseits erscheinen manche Anwendungen der Gentechnik als überflüssig und verzichtbar. Andererseits ist zu fragen, ob dies in anderen Lebensumfeldern und unter anderen Lebensumständen, also zum Beispiel in der Dritten Welt, ebenso gilt.

Dass gentechnische Nahrungsmittel generell höhere Gefahren bergen als herkömmliche Nahrungsmittel, kann nicht von vornherein behauptet werden. Doch dürfen die möglichen Gefahren auch nicht heruntergespielt werden: Bei der Gentechnik handelt es sich um eine relativ neue Entwicklung, deren langfristige Folgen noch gar nicht vollständig erkennbar sein können. Die gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit muss deshalb durch immer wieder an den neuesten Stand der Erkenntnisse anzupassende wissenschaftliche Prüfverfahren gesichert sein. Über die wirtschaftlichen und sozialen Folgen muss gesellschaftlich offen diskutiert werden.

Ich kann und will keine Empfehlung zum Umgang mit gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln geben. Deutlich ist jedoch, dass es einfache Antworten bezüglich der ethischen Bewertung der Gentechnik nicht gibt. Dies gilt genauso für die Anwendung der Gentechnik im medizinischen Bereich.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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