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Lars Klinnert: Gentechnik - Ein Eingriff in die Schöpfung?


7 Anwendung der Gentechnik beim Menschen

Wenn es speziell um die Beurteilung gentechnischer Eingriffe am Menschen geht, spielt häufig der Begriff der Menschenwürde eine wichtige Rolle. Aus ihr versucht man abzuleiten, welche diagnostischen, therapeutischen oder forschenden Eingriffe in das menschliche Leben zulässig sind uns welche nicht. Begründet wird die Menschenwürde in der Regel mit der Personalität des Menschen. Als Personen werden selbstbewusste, mit Vernunft begabte und damit zum moralisch verantwortlichen Handeln befähigte Wesen verstanden. Weil sie mit Immanuel Kant als Zweck an sich selbst verstanden werden können, kommt ihnen besondere Achtung und Würde zu. Umstritten ist in der bioethischen Diskussion nun allerdings, wie sich der aufgrund des Personstatus zu gewährende Schutz und die Kriterien des Personseins zueinander verhalten.

Der Präferenzutilitarismus vertritt ein Konzept, nach dem als Person nur anerkannt wird, wer bestimmte geistige Eigenschaften aufweist. Ein genereller Schutz des Lebens kann nur solchen Lebewesen zugestanden werden, die aktuell ein bewusstes Lebensinteresse haben und äußern können. Embryonen oder können also ohne weiteres für medizinische Zwecke genutzt werden. Behinderte Föten abzutreiben kann sogar ethisch geboten sein, damit stattdessen ein gesundes Kind zur Welt kommen kann. Richtig ist an dieser Auffassung, dass sich Personen durch Eigenschaften wie Selbstbewusstsein und Rationalität auszeichnen, falsch hingegen, dass sich nur von deren aktueller Erkennbarkeit auf ihr Personsein rückschließen ließe. Dass z. B. eine Mutter ihr Kind von Anfang an als Person betrachtet, ist gerade die Bedingung dafür, dass es die für Personen charakteristischen Fähigkeiten überhaupt erlangt. Ein Mensch wird von uns nicht als Summe empirisch wahrgenommener und im Gedächtnis miteinander verknüpfter Zustände, sondern als Subjekt einer zusammenhängenden Lebensgeschichte angesehen.

Im krassen Gegensatz dazu verweisen viele Theologen im Anschluss an Albert Schweitzer auf die Heiligkeit des Lebens. Danach ist allem Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen, weil ihm ein innerer Lebenswille eignet. Dieser Hinweis ist hilfreich, wenn es darum geht, willkürliche Angriffe auf das Leben abzuwehren. Er gibt aber keine Kriterien dafür an, was im Umgang mit Lebendigem in der Verfügungsmacht des Menschen steht und was dieser entzogen ist. Dies könnte zur Konsequenz haben, Leben um jeden Preis erhalten oder aber in Konfliktsituationen die Entscheidung über Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit dem Lauf der Natur überlassen zu wollen und sich so der Verantwortung gerade zu entziehen.

Betont werden muss daher, dass Personsein durch eine aus Beziehungen resultierende Lebensgeschichte konstituiert wird. Jeder Mensch ist darauf angewiesen, dass ihm allen seinen Lebensvollzügen vorausliegend von anderen Personsein zugeschrieben, dass er von anderen als Mitmensch geachtet wird. Personalität ist weder an aktuell feststellbaren Eigenschaften, noch an einer vermeintlich naturgegebenen und unveränderlichen Wesensnatur festzumachen, sondern integriert alle zukünftigen, gegenwärtigen und vergangenen Momente der sich in Kommunikation mit anderen vollziehenden Biographie. Von hier aus lassen sich drei Implikate ableiten, mit denen sich bestimmen lässt, worin konkret der rechtlich zu schützende Bereich der Menschenwürde besonders im Blick auf bioethische Fragestellungen besteht.

  • Leiblichkeit: Um eine Person als solche wahrnehmen zu können, benötigen wir ein empirisches Identifikationsmerkmal. Voraussetzung dafür, an der Geschichte mit Gott und den Menschen teilhaben zu können, ist die leibliche Existenz. Als einziges nicht-diskriminierendes Zuschreibungskriterium der Menschenwürde muss daher die physische Erscheinung eines Menschen gelten. Jede Verknüpfung mit bestimmten objektiv feststellbaren Eigenschaften und Fähigkeiten wäre hingegen von Willkür bestimmt. Darum ist ein unbedingter Schutz des leiblich-individuellen Lebens zu fordern. Dass die Würde einer Person mit der Entstehung individuellen leiblichen Lebens beginnt, ist z. B. im Blick auf die Nutzung von Embryonen und Föten zur Stammzellgewinnung oder auf die häufig zur Abtreibung führende pränatale Diagnostik von Erbkrankheiten zu betonen.
  • Autonomie: Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen ist der Mensch in der Lage, sich von den Verhältnissen nicht nur bestimmen zu lassen, sondern sein Leben in Eigenverantwortung zu gestalten. Der Mensch ist nicht vollständig durch die naturalen und sozialen Bedingungen seines Daseins festgelegt, sondern kann seinen eigenen Lebensentwurf wählen und ihm entsprechen. Auch wenn - theologisch gesehen - der sündige Mensch sich selbst letztlich immer verfehlt, bleibt er doch mit der Zusage der Gottebenbildlichkeit zur Freiheit und damit zur Verantwortung für sich selbst, für andere und für die Schöpfung berufen. Diese Eigenverantwortlichkeit ist bei medizinischen Eingriffen durch das Prinzip des informed consent zu achten. Das heißt: Jeder gentechnische Eingriff wie die Diagnose einer vererbten Krankheitsveranlagung muss an das freiwillige Einverständnis des Betroffenen gebunden sein und darf z. B. nicht von Versicherungen oder Arbeitgeber erzwungen werden.
  • Identität: Der Lebensweg eines Menschen wird durch die unterschiedlichsten Faktoren gestaltet. Die Achtung der Identität eines Menschen beinhaltet, sein biologisches und soziales Gewordensein zu respektieren, ihn aber nicht ausschließlich von diesem her zu definieren und somit seinen Lebensentwurf quasi zu determinieren, sondern ihm Freiräume zu ermöglichen und ihn für die Zufälle des Lebens offen zu halten. Die Integrität eines Menschen besteht darin, dass die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit zugelassen wird. Im Blick auf die Möglichkeiten von Gendiagnostik und Gentherapie ist zu beachten, dass die genetische Konstitution einen Rahmen für die individuelle Lebensgeschichte eines Menschen setzt, er in seiner Identität darauf aber weder eindeutig festgelegt ist noch von anderen darauf festgelegt werden darf. Ein Mensch darf aufgrund seines genetischen Erbes nicht diskriminiert werden. Zugleich kann es aber in einem gewissen Rahmen zulässig sein, in dieses verändernd einzugreifen, um seine Lebensmöglichkeiten zu verbessern.
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    Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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