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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


1 Einleitung

In der modernen Industriegesellschaft, die sich selbst als säkularisiert oder pluralistisch versteht, hat Religion eine grundlegend andere Funktion als in der vorindustriell-feudalen Gesellschaft. Soziales und politisches Handeln sind nicht mehr auf eine religiöse Legitimierung angewiesen, das gesellschaftliche Leben ist differenzierter geworden, so dass Kirche und Religion als gesellschaftliche Faktoren neben anderen erscheinen.

In diesem Zusammenhang entstand ein religiöser Pluralismus, ein universal für alle verbindliches Religionssystem gab es durch die Säkularisierung, durch religiöse Toleranz sowie durch die weitgehende Trennung von Staat und Kirche nicht mehr: Neben den Kirchen entwickelten sich kleinere religiöse Gruppierungen, oftmals mit negativer Konnotation "Sekten" genannt. So bildete sich auch "arteigene", völkische Religiosität heraus. Religion und Kirche wurden trennbar und stärker in die Entscheidungsfreiheit des einzelnen gestellt - sie wurden individualisiert. Eine inhaltliche Prägung, z.B. durch den Staat, erfolgte nicht mehr. Die Kirchen wurden so zu reinen "Glaubensanstalten" und die Religion verlor ihre Rolle als allgemeingültiges System der Weltorientierung. Eine individualisierte religiöse Praxis trat an die Stelle eines herrschaftlich gesicherten Kultes und wurde das fundamentale, die Gesellschaft prägende Prinzip. (2)

Säkularisierung und Entkirchlichung waren also Voraussetzungen für das Entstehen neuer religiöser Formen und Gruppierungen. Doch so einfach und klar, wie diese Begriffe eine Entwicklung analytisch exakt zu beschreiben scheinen, ist es nicht. In der neueren Forschung sind mit Recht Zweifel aufgekommen, ob es wirklich in der Neuzeit zu einer tiefgreifenden Säkularisierung aller Lebensbereiche - noch dazu ohne Gegenbewegung - gekommen ist. Seit dem 17. und besonders erneut im 19. und 20. Jahrhundert veränderten christliche Erweckungsbewegungen das traditionelle Christentum. Im außerdeutschen Protestantismus waren sie so einflussreich, dass der Begriff Säkularisierung infrage gestellt worden ist. Zeitgleich wiesen auch katholische Länder zunehmende populäre Frömmigkeit auf. Nach wie vor ist die deutsche Gesellschaft stark religiös und kirchlich geprägt. Ohne die adäquate Berücksichtigung von Religion und Kirche kann die Neuzeit bis in die Gegenwart nicht verstanden, eine Gesellschaftsgeschichte nicht geschrieben werden.

Die Schwierigkeiten in der Darstellung beginnen schon bei der Terminologie. Welcher Religionsbegriff liegt der Forschung zugrunde? Wird er nur auf die großen christlichen Kirchen bezogen? Es ist eine unzulässige Eingrenzung, wenn andere als kirchliche Religiosität als "Ersatzreligion" oder "Religionssurrogat" abgewertet und ausgeklammert wird. Wie aber können unterschiedliche Formen von Religion im Alltag erfasst und wissenschaftlich untersucht werden?

Trübt nicht der Begriff der Säkularisierung (3) die Wahrnehmung und präjudiziert das Forschungsergebnis? Die Säkularisierungsthese ist zudem ausschließlich christlich orientiert und lässt den Vergleich mit der außerchristlichen Welt nicht zu. Einige britische Historikerinnen und Historiker, wie Sarah Williams, Stephen Yeo oder Jeffrey Cox, haben das Konzept der Säkularisierung generell in Frage gestellt, dennoch kann es, wie Hugh McLeod betont, weiterhin produktiv sein. Dabei darf es aber nicht als fertige Antwort, sondern sollte als Frage für die Untersuchung gelten, die auch Raum für die Erfassung gegenläufiger Tendenzen lassen muss. (4)

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2 Richard van Dülmen: Religionsgeschichte in der historischen Sozialforschung. In: Ders.: Religion und Gesellschaft. Beiträge zu einer Religionsgeschichte der Neuzeit. Frankfurt/M: Fischer 1989, S. 215-240, bes. S. 233.

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3 Der Terminus Säkularisierung entstammt ursprünglich dem Kanonischen Recht und bezeichnet den Wechsel vom Status des Ordensgeistlichen in den des Weltgeistlichen. Im Staatskirchenrecht meint er die Überführung kirchlichen Eigentums in staatliches Eigentum (Säkularisation). Erst danach wurde er zu einem geisteswissenschaftlichen Begriff, der eine Kategorie der Selbstwahrnehmung der Moderne in ihrer religiösen Herkunft bezeichnet und zumeist mit einem eindimensionalen Vorgang in eine Richtung - je nach Perspektive als Verfallschema oder moderne Entwicklung verstanden - verbunden ist. Dabei erfüllt er die Funktion einer hermeneutischen Prozesskategorie des kulturellen Wandels, der sich auf Sprache, Mentalitäten und soziale Institutionen bezieht. Säkularisierung gilt auch als eine Form der Beschreibung des Prozesses, durch den Religion ein ausdifferenzierter Funktionsbereich wird, und nicht mehr eine alle Lebensbereiche umfassende Zugehörigkeit. Aus der konfessionellen Identität wird so eine Funktionsidentität (Ulrich Barth: Säkularisierung. I. Systematisch-theologisch. In: Theologische Realenzyklopädie Bd.29 Berlin-New York 1998, S. 603-634; Bernd Schwarze: Säkularisierung. II. Praktisch-theologisch. In: Ebd., S. 634-638; Alois Hahn: Religion, Säkularisierung und Kultur. In: Hartmut Lehmann (Hg.): Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. Bilanz und Perspektiven der Forschung (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 130). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S.17-31, hier S. 21; Werner Conze/Hans-Wolfgang Strätz/Hermann Zabel: Säkularisation, Säkularisierung. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hg. von Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck. Bd. 5 Stuttgart: Klett-Cotta 1984, S. 789-829).

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4 Hugh McLeod: Comparing Secularisations: Germany and Britain. In: Anselm Doering-Manteuffel/Kurt Nowak (Hg.): Religionspolitik in Deutschland. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1999, S. 177-192, bes. S. 191f; vgl. René Rémond: Religion und Gesellschaft in Europa. Von 1789 bis zur Gegenwart. München: Beck, 2000 (Europa bauen).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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