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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


In der französischen Forschung ist der Begriff der Dechristianisierung gebräuchlich. Wenn man mit dem Historiker Hartmut Lehmann unter Säkularisierung die geringer werdende Orientierung einzelner, Gruppen und der ganzen Gesellschaft an übernatürlichen Instanzen und Kräften versteht, nimmt das Christentum nur eine Variante dieser Entwicklung ein. Der Terminus Dechristianisierung bezeichnet präziser den geringer werdenden spezifisch christlichen Einfluss in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen und erleichtert konkrete Forschungen. Im Anschluss an Lehmann wird hier dafür plädiert, die sehr komplexe Fülle teilweise sich widersprechender und z.T. in langen Phasen sich vollziehender Entwicklungen der Rolle von Christentum und Religion in Deutschland und Europa mit mehreren Begriffen zu beschreiben - Säkularisierung, Dechristianisierung, Entkirchlichung und Rechristianisierung bzw. Resakralisierung. (5)

In den folgenden Ausführungen steht der Vorgang der Entkirchlichung im Mittelpunkt, weil er den Hintergrund für das Entstehen neuer religiöser Formen und Religionsgemeinschaften, gerade auch der in diesem Band im Mittelpunkt stehenden "Arteigenen", völkischen Religion, bildet.

Unter Entkirchlichung wird hier die psycho-soziale Distanz des einzelnen zu den Großkirchen und ihrem kirchlichen Leben verstanden. Diese wird äußerlich sichtbar einerseits durch einen zahlenmäßigen Rückgang des Gottesdienstbesuches und der Partizipation an kirchlichen Amtshandlungen, insbesondere der Teilnahme am Abendmahl, andererseits aber vor allem durch den förmlichen Austritt aus der Kirche als dem deutlichsten Zeichen der Distanz. Festzuhalten ist dabei, dass sich daraus kein eindeutiger Beweis für die Entchristlichung des Ausgetretenen folgern lässt. Denkbar sind vielmehr andere Organisations- und Partizipationsformen, wie z.B. die Lektüre religiöser Schriften oder die Mitgliedschaft in kirchlichen Vereinen. (6)

Ein derartiges Modell von "Entkirchlichung" setzt allerdings voraus, dass es zuvor "Kirchlichkeit" gegeben hat, die dann zurückgegangen ist. Wie weit aber war die Gesellschaft tatsächlich in das kirchliche Leben eingebunden? Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die ländlichen wie städtischen Unterschichten bereits in der frühen Neuzeit nur partiell am kirchlichen Leben teilnahmen und sich oftmals nicht regelmäßig an Gottesdienst und Abendmahl beteiligten. So sollte man in der Gesellschaft vor dem 18. Jahrhundert eher eine "ideelle" denn eine tatsächliche Kirchlichkeit unterstellen. (7)

Im folgenden wird dieser, keinesfalls einheitliche Prozess seit dem 19. Jahrhundert überblicksartig skizziert und aufgezeigt, wie die Kirchen darauf zu reagieren versuchten. Die evangelischen Landeskirchen waren von der Entkirchlichung weit schärfer betroffen als die katholische Kirche. Sie waren bei weitem stärker pluralisiert in Konfessionen, in theologische und kirchliche Richtungen und sollen daher im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen. Der entsprechende Artikel in der zweiten Auflage des katholischen Lexikons für Theologie und Kirche erwähnt nicht einmal eine Kirchenaustrittsbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Die Ursachen liegen wohl in der strafferen Kirchenzucht des Katholizismus, dem geschlosseneren Milieu, den stärkeren traditionellen Bindungen und dem sie verstärkenden, seit dem Kulturkampf deutlichen Bewusstsein, im Deutschen Reich in einer Minderheitensituation zu leben. (8)

Im ersten Abschnitt werden die Voraussetzungen und Hintergründe der Entkirchlichung sowie die Kirchlichkeit vor 1918 dargestellt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Welle der Entkirchlichung zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. (9) Das dritte Kapitel schildert die Reaktionen innerhalb der Kirchen, sowohl der offiziellen Institutionen bzw. der kirchenleitenden Elite als auch von einzelnen Personen und Gruppen in den Kirchen bzw. an ihrem Rande. Abschließend wird ein Ausblick auf die weitere Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts gegeben.

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5 Martin Greschat: "Rechristianisierung" und "Säkularisierung". Anmerkungen zu einem europäischen konfessionellen Interpretationsmodell. In: Jochen-Christoph Kaiser/Anselm Doering-Manteuffel (Hg.): Christentum und politische Verantwortung. Kirchen im Nachkriegsdeutschland (=Konfession und Gesellschaft, 2). Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1990, S. 1-24; Hartmut Lehmann: Neuer Forschungsschwerpunkt: Dechristianisierung, Säkularisierung und Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. In: Jahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft 1994, S. 592-597; Ders.: Secularization, Dechristianization, and Rechristianization in Modern Europe and North America. In: Ders.: Alte und Neue Welt in wechselseitiger Sicht. Studien zu den transatlantischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1995, S. 247-260; Ders.: Von der Erforschung der Säkularisierung zur Erforschung von Prozessen der Dechristianisierung und der Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. In: Ders. (Hg.): Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. Bilanz und Perspektiven der Forschung (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 130). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 9-16; Ders.: Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. Forschungsperspektiven und Forschungsaufgaben. In: Ebd., S. 314-325; Ders.: The Christianization of America and the Dechristianization of Europe in the 19th and 20th Centuries. In: Kirchliche Zeitgeschichte 11 (1998), 8-20; Ders.: Zwischen Dechristianisierung und Rechristianisierung: Fragen und Anmerkungen zur Bedeutung des Christentums in Europa und in Nordamerika im 19. und 20. Jahrhundert. In: Ebd., S. 156-168; Friedrich Wilhelm Graf: "Dechristianisierung". Zur Problemgeschichte eines kulturpolitischen Topos. In: Ebd., S. 32-66; Martin Greschat: Rechristianisierung und Säkularisierung: Anmerkungen aus deutscher protestantischer Sicht. In: Ebd., S. 76-85; Wolfgang Schieder: Konfessionelle Erneuerung in den christlichen Parallelkirchen Deutschlands im 19. Jahrhundert. In: Ebd., S. 223-228; Ders.: Säkularisierung und Sakralisierung der religiösen Kultur in der europäischen Neuzeit. Versuch einer Bilanz. In: Ebd., S. 308-313; Hahn: Religion; Justus H. Ulbricht: Religiosität und Spiritualität. In: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal: Hammer 1998, S. 495-498.

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6 Andreas Feige: Kirchenentfremdung/Kirchenaustritte. In: Theologische Realenzyklopädie Bd.18. Berlin-New York: de Gruyter 1989, S. 530-535, hier S. 531f.

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7 Lucian Hölscher: Die Religion des Bürgers. Bürgerliche Frömmigkeit und protestantische Kirche im 19. Jahrhundert. In: Historische Zeitschrift 250 (1990), S. 595-630, hier S. 597.

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8 Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) 2. Aufl. Bd.6 Freiburg-Basel-Wien: Herder 1961, S. 193-197; Ursula Baumann: Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland 1850 bis 1920. Frankfurt am Main-New York: Campus 1992, S.31 (=Geschichte und Geschlechter, 2). Erst in der dritten Auflage des LThK findet sich ein Artikel über Entkirchlichung (Karl Gabriel: Entkirchlichung. In: LThK Bd.3 Freiburg-Basel-Rom-Wien: Herder 1995, S. 682-683).

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9 In anderen Ländern sind die Zeiträume anders zu akzentuieren. So ist z.B. in Großbritannien das Hauptaugenmerk der Forschung auf die Jahre von 1890 bis 1914 gerichtet, vgl. McLeod: Secularisations S. 191.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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