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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


2 Voraussetzungen und Hintergründe der Entkirchlichung vor 1918

Die gesetzlichen Grundlagen für einen Austritt aus der Kirche entstanden im 18. Jahrhundert in Preußen, das aufgrund der Vielzahl von Konfessionen in seinem Territorium zuerst tätig wurde. Das Wöllnersche Religionsedikt gestattete 1788 einen Wechsel der Konfession, sechs Jahre später erkannte das Allgemeine Preußische Landrecht die völlige Gewissensfreiheit an. Das Recht auf Austritt konnte allerdings faktisch kaum realisiert werden, weil die Führung der Personenstandsregister weiterhin den Kirchen oblag. 1847 wurde schließlich in Preußen das Zivilstandsregister eingeführt, das 1874 auch auf Reichsebene wirksam wurde. Am 14. Mai 1873 erließ Preußen das "Gesetz betr[effend] den Austritt aus der Kirche", dem andere Staaten folgten, doch wirkten Formvorschriften über Gebühren, Verzögerungen der steuerlichen Entlastungswirkung und Antragsfristen auf den tatsächlichen Vollzug eher restriktiv. Erst nach ihrer Aufhebung durch das Kirchenaustrittsgesetz vom November 1918 stiegen die Austrittszahlen ab 1919 deutlich an. (10)

Erkennbar ist die Entkirchlichung schon im 18. Jahrhundert, wenn man den Blick auf die Amtshandlungen, vor allem auf den Besuch des Abendmahls lenkt. (11) Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sank die Abendmahlsbeteiligung deutlich in den Großstädten, z.B. in Berlin von 150 Prozent im Jahre 1740 - Mehrfachbeteiligung eingeschlossen - auf nur 17 Prozent im Jahr 1850, in Hamburg von 100 Prozent (1750) auf ganze 8 Prozent (1880). Auf dem Lande vollzog sich dieser Prozess zunächst langsamer, beschleunigte sich aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls deutlich. Bereits vor der Französischen Revolution nahmen die Zahlen ab, der Tiefpunkt lag dann zwischen 1845 und 1875. Die einmaligen kirchlichen Handlungen, wie Taufe, Trauung sowie Beerdigung, und die Kirchenmitgliedschaft selbst behielten als Teil bürgerlicher Normen bis ins 20. Jahrhundert hinein weitgehend ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Deutlich wird aber, dass eine zahlenmäßig kleine, aktive Kirchengemeinde, für die das Abendmahl eine besondere Bedeutung gehabt hat, sich schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hatte. Ihr stand eine Mehrheit von nominellen Mitgliedern gegenüber, die zur Kirche nur noch an hohen Feiertagen des Jahres und an hohen Festen der Familie gingen. In einer Übergangsstufe wurde zuvor ein Mitglied der Familie, das die anderen dort vertrat, zum Gottesdienst "delegiert"; in der Regel waren dies die Frauen oder die Großeltern bzw. Kinder. So blieb das Bewusstsein der eigenen Kirchlichkeit zunächst noch erhalten, doch Religion und Kirche hatten an Selbstverständlichkeit verloren.

Die Faktoren für die Reduzierung der aktiven Teilnahme am kirchlichen Leben waren vielfältig: Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ließ die Kirchenzucht und damit die Bestrafung säumiger Kirchenbesucher nach. Die Ideen der Aufklärung lockerten das weltanschauliche Deutungsmonopol der Kirchen, wenngleich das Christentum als religiös-kultureller Rahmen in der Regel gewahrt blieb. Ziele waren eher ein entdogmatisierter Religionsbegriff und ein entkonfessionalisiertes Christentum. Der Staat übernahm nach und nach immer mehr kirchliche Aufgaben. Das vermehrte kulturelle Angebot für städtische Mittel- und Oberschichten - Lese- und Geselligkeitsvereine, Theater- und Konzertbesuche - und die mit dem Fall der Torsperre bzw. der Stadtmauern verbundene Erhöhung der sonntäglichen Mobilität in Form von Ausflügen und Spaziergängen waren dem Kirchenbesuch ebenso abträglich wie die zunehmende Sonntagsarbeit für Angehörige der Unterschichten. Frömmigkeitsgeschichtlich stellte das 18. Jahrhundert eine Zäsur dar, weil Konfession und Bekenntnis, offizielle Kirchenlehre und private Glaubensüberzeugung auseinander traten.

Der soziale Strukturwandel machte sich im 19. Jahrhundert noch deutlicher bemerkbar: Mit der Industriellen Revolution verbunden war eine rasante Urbanisierung, durch die die ländlichen Unterschichten ihrer traditionellen Umwelt entfremdet wurden. In der Stadt lebten die Menschen in einer völlig profanen Welt, in der Indizien für ein Eingreifen Gottes fehlten. In ländlichen Gebieten mit der erheblich intensiveren Naturerfahrung wurden diese noch eher gesehen. Hinzukam dort die stärkere soziale Kontrolle, die die überlieferten religiösen Vorstellungen und Praktiken fester verankerte. Zudem stieg auch die innerstädtische Mobilität an, wohlhabende Bürger verlagerten ihren Wohnsitz mehr in die Außenbereiche und Vorstädte.

Der Prozess der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierung, der mit zahlreichen Krisen verbunden war, warf für die Menschen neue Fragen und Probleme auf, für die die Konfessionskirchen in ihrer traditionellen Struktur keine als adäquat empfundenen Antworten geben konnten. Zudem befriedigte das seit den 1840er Jahren deutlich gestiegene Lektüreangebot mit Romanen, Zeitschriften und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen in Adel und Bürgertum die Bedürfnisse nach Belehrung und soliden Kenntnissen. Die religiösen Bedürfnisse der Menschen artikulierten sich nunmehr außerhalb der verfassten Großkirchen. (12)

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10 Feige, S. 531; Udo Krolzik: Das Wöllnersche Religionsedikt. Theol. Habil. Ms. Hamburg 1998. Im November 1920 wurde das preußische Gesetz so korrigiert, dass der Austritt nur zum Ende des Kalenderjahres nach vierwöchiger Überlegungsfrist möglich war (Gesetz betr[effend] den Austritt aus den Religionsgesellschaften öffentlichen Rechts vom 30.11.1920). Dies wurde erst 1977 vom Bundesverfassungsgericht als mit Artikel 4 Grundgesetz unvereinbar erklärt.

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11 Zum Hintergrund vgl. Hartmut Lehmann/Anne-Charlotte Trepp (Hg): Im Zeichen der Krise. Religiosität im Europa des 17. Jahrhunderts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999; Rudolf Schlögl: Glaube und Religion in der Säkularisierung: Die katholische Stadt. Köln, Aachen, Münster 1700-1840. München: Oldenbourg 1995; Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Fromann-Holzboog 1998.

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12 Hölscher, Religion, S. 600-607, sowie Tabelle S. 628f; Ders.: Weltgericht oder Revolution. Protestantismus und sozialistische Zukunftsvorstellungen im deutschen Kaiserreich. Stuttgart: Klett 1989, S. 142-156 (=Industrielle Welt, 46); Ders.: Kirchliche Demokratie und Frömmigkeitskultur im deutschen Protestantismus. In: Martin Greschat/Jochen-Christoph Kaiser (Hg.): Christentum und Demokratie im 20. Jahrhundert. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1992, S. 187-205 (=Konfession und Gesellschaft, 4); Ders.: Die religiöse Entzweiung. Entwurf zu einer Geschichte der Frömmigkeit im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 93 (1995), S. 9-25; Rolf Schäfer: Beobachtungen zur Kirchlichkeit im 19. Jahrhundert. In: Ebd. 90 (1992), S. 117-124; Peter Cornehl: Evangelischer Gottesdienst von der Reformation bis zur Gegenwart. In: Theologische Realenzyklopädie Bd.14. Berlin-New York: de Gruyter 1985, S. 54-85, hier S. 63; Jochen-Christoph Kaiser: Sozialdemokratie und "praktische" Religionskritik. Das Beispiel der Kirchenaustrittsbewegung 1878-1914. In: Archiv für Sozialgeschichte 22 (1982), S. 263-298, hier S. 266; Michael Murrmann-Kahl: Die entzauberte Heilsgeschichte. Der Historismus erobert die Theologie 1880-1920. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1992, S. 488; Rolf Schäfer: Beobachtungen zur Kirchlichkeit im 19. Jahrhundert. In: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 90 (1992), S. 117-124; Barth: Säkularisierung bes. S. 619.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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