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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Seit der Aufklärung wurden verstärkt religionskritische atheistische Positionen vorgetragen, von denen hier nur die Arthur Schopenhauers (1788-1860) - der erste bedeutende Philosoph, der sich als Atheist verstand - und Ludwig Feuerbachs (1804-1872) genannt sein sollen. Bruno Bauer (1809-1882) erklärte das Ende der Religion. Auch Theologen beteiligten sich an kirchen- bzw. christentumskritischen Diskursen, wie z.B. der Hegelianer David Friedrich Strauß (1808-1874). Sein "Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet" wurde zum Jahrhundertbuch mit weitreichender Wirkung. Er wies das "Mythische" in den Evangelien nach - es blieb Jesus als Mensch, der nach seinem Tode Glaubensgegenstand seiner Anhänger geworden war. 1872 publizierte Strauß den Bestseller "Der alte und der neue Glaube", der einen "neuen Glauben" ohne Erbsünde, Rechtfertigung, Erlösung oder persönlichen Gott propagierte. Ein weiterer Anstoß ging von Charles Darwin (1809-1882) aus und den Konsequenzen, die aus seinen biologischen Entdeckungen und Theorien über die Evolution gezogen wurden. Die Geschichte der Welt und des Menschen schien ohne einen Schöpfergott erklärbar zu sein. In Deutschland popularisierte der Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) diese Gedanken und wurde mit seinen Lehren zum Begründer des Monismus (13). Vor allem sein 1899 publiziertes Buch Die Welträtsel bildete die Grundlage für eine "wissenschaftliche" Beglaubigung antichristlicher und antikirchlicher Auffassungen. In einer zweiten Phase des "Sozialdarwinismus" stand nicht mehr die Evolution im Vordergrund, sondern der "Kampf ums Dasein", der zudem auch christliche Moralvorstellungen durch die Annahme des Lebensrechts des Stärkeren zu verdrängen versuchte. Die Naturwissenschaften untergruben die überlieferten religiösen Voraussetzungen des Weltbildes. Die Historisierung der Welt durch die Geisteswissenschaften führte auch zu einer relativierenden und distanzierenden geschichtlichen Betrachtung des Christentums. (14)

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts fand sich am Rande des Christentums eine deutsche Bildungsreligion: Der Mensch gewinne sein eigentliches Wesen durch Bildung, durch die Auseinandersetzung mit der Kultur. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war der erste, sich dezidiert vom Christentum abgrenzende, der für die Bildungsgeschichte einflussreich wurde. Er sah die Erfüllung des Lebens in der Gegenwart, nicht in einer Ewigkeit. Familie und Arbeit, die Pflichterfüllung an sich erlangten sinnstiftenden Charakter, wobei die Bewertung der Arbeit größer war als die des Privaten. Arbeit diene dem Fortschritt, der Glaube an den Fortschritt und die Kultur erhielten den Charakter säkularer Religion. Die Kunst wurde ein wesentlicher Teil des sonn- und feiertäglichen Lebens und erhielt religiöse Funktion. Seit der Frühromantik wurde sie Objekt frommer Gefühle und Verehrung. Museen, Theater und Konzertsäle nahmen den Rang von Bildungstempeln ein - der sichtbare Ausdruck der Sakralisierung der Kunst. Sie galt als Ausdruck des Absoluten und Tiefen. Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts war die Kunst die Bewahrerin der religiösen Wahrheit für die der Kirche Entfremdeten. Kunst wurde für sie zum Heilsbegriff, der Künstler zum Sprecher und Boten des Göttlichen. Bei Ernst Moritz Arndt (1769-1860) erhielt sogar die Nation eine religiöse Weihe, die Religion seiner Zeit sei es, ein Volk zu sein.

Eng damit verknüpft war die seit dem späten 18. Jahrhundert begonnene Auflösung der überkommenen Ordnungen des Lebens. An die Stelle der durch den Geburtsstand bestimmten Tradition, die ein Leben prägte, trat der "innengeleitete", "persönliche Stand" aus Leistung und Bildung - der Mensch "stellt sich auf sich selbst" (Thomas Nipperdey). Beginnend in der bürgerlichen Schicht der Gebildeten wirkte sich dieser Prozess der Individualisierung im 19. Jahrhundert von dort auf den Adel und das Bürgertum insgesamt aus. Der Mensch verließ die Welt seiner Herkunft und ihrer Traditionen und Normen und orientierte sich an großen, abstrakten Gruppen, den Aufgeklärten, den Gebildeten oder der Nation. An die Stelle der geburts- oder standesmäßigen, das ganze Leben umfassenden Korporationen traten die Assoziationen und Vereine als freie Zusammenschlüsse von Personen, die sich im Laufe der Zeit immer weiter spezialisierten. Die quasi-natürliche Ordnung wurde abgelöst durch die auf der Freiheit des einzelnen Individuums basierenden. Dieser Prozess wirkte sich auch auf den religiösen Bereich aus. Die Lebensform des Bildungsbürgertums und seine normativen Grundsätze waren nicht auf Kirchlichkeit, sondern auf humane Sittlichkeit ausgerichtet. Dennoch blieb die christliche Überlieferung wesentlicher Bestandteil der bürgerlichen Reflexionskultur. Es entstand neben der Kirchlichkeit der Kerngemeinde und der der Kasualien eine eigene Kirchlichkeit des jährlichen Festrhythmusses; so wurde und wird z.B. Weihnachten auch von denjenigen gefeiert, die innerlich oder auch äußerlich nicht mehr mit dem kirchlich institutionalisierten Christentum in Verbindung stehen. Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Begräbnis bleiben auch für sie zentrale, mit der Kirche verbundene Feierlichkeiten. Gerade im Kaiserreich und noch in der Weimarer Republik, z.T. auch in den ersten Jahren des "Dritten Reiches", wurden viele politische bzw. staatliche Ereignisse und Akte durch kirchliche Handlungen verstärkt, z.B. Gottesdienste zur Einweihung von Kriegerdenkmälern, kirchliche Sedanfeiern, Geburtstag des Kaisers. "Religion vergegenwärtigt Gemeinschaftserfahrung, sie transformiert Gesellschaft in Gemeinschaft" (Friedrich Wilhelm Graf). Zudem war die konfessionelle Zugehörigkeit bis ins 20. Jahrhundert hinein der wichtigste Faktor, der das alltägliche Leben und auch die politische Position bzw. das Wahlverhalten bestimmte. Auch diejenigen, die sich von der Kirche gelöst hatten, blieben vielfältig ihrer konfessionellen Herkunftsgeschichte verpflichtet. (15)

Noch zu untersuchen ist, wieweit in Deutschland die zunehmende Resonanz aggressiver, konfessorisch entschiedener religiöser Gruppen innerhalb der Kirche und an ihrem Rand zur Krise des tradierten kirchlichen Glaubens beigetragen haben. Im viktorianischen England waren sie offenbar einflussreicher als die Popularisierung der Naturwissenschaften. (16)

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13 Der Monismus bezeichnet die metaphysische Lehre, in der die Totalität der Wirklichkeit auf ein einziges Prinzip der Erklärung zurückgeführt bzw. als Manifestation einer einzigen Substanz des Wirklichen begriffen wurde. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde der Monismusbegriff von einer weltanschaulichen Reformbewegung aufgenommen, die die christliche Tradition durch einen neuen, naturwissenschaftlich fundierten Wissenschaftsglauben abzulösen versuchte und den kulturellen Einfluss der Kirchen bekämpfte, vgl. Friedrich Wilhelm Graf: Monismus. In: Wörterbuch des Christentums. Hg. von Volker Drehsen u.a. Gütersloh-Düsseldorf: Gütersloher Verlagshaus, Benziger Verlag 1988, S. 833.

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14 Jörg F. Sandberger: David Friedrich Strauß (1808-1874). In: Martin Greschat (Hg.): Theologen des Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert I. Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz: Kohlhammer 1978, S. 84-98; Friedrich Wilhelm Graf: Gelungene Bürgertheologie? "Der alte und der neue Glaube" von David Friedrich Strauß. In: Ulrich Köpf (Hg.): Historisch-kritische Geschichtsbetrachtung. Ferdinand Christian Baur und seine Schüler. Sigmaringen: Thorbecke 1994, S. 227-244 (=8. Blaubeurer Symposion); Heinz Georg Marten: Sozialbiologismus. Biologische Grundpositionen der politischen Ideengeschichte. Frankfurt/M-New York: Campus 1983; Alfred Kelly: The Descent of Darwin. The Popularization of Darwinism in Germany 1860-1914. Chapel Hill, N.C.: The University of North Carolina Press 1979; Hans-Ulrich Wehler: Sozialdarwinismus im expandierenden Industriestaat. In: Imanuel Geiss/Bernd Jürgen Wendt (Hg.): Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Festschrift für Fritz Fischer zum 65. Geburtstag. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag 1973, S. 133-142; Daniel Gasman: The Scientific Origins of National Socialism. Social Darwinism in Ernst Haeckel and the German Monist League. London-New York: Macdonald 1971; Hans-Günther Zmarzlik: Der Sozialdarwinismus in Deutschland als geschichtliches Problem. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11 (1963), S. 246-273; Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. München: Beck 1983, S. 447; Kurt Nowak: Geschichte des Christentums in Deutschland. Religion, Politik und Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. München: Beck 1995, bes. S. 107-111.

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15 Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd.1: Arbeitswelt und Bürgergeist. München: Beck 1990, S. 507-530; Ders.: Bürgerwelt S. 265-271, 304-305, 440-451, 539-540, das Zitat 265; Karl Kupisch: Bürgerliche Frömmigkeit im Wilhelminischen Zeitalter. In: Hans Joachim Schoeps (Hg.): Das Wilhelminische Zeitalter. Stuttgart: Klett 1967, S. 40-59, hier S. 40-41 (=Zeitgeist im Wandel, 1); Karl Barth: Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte. 4.Aufl. Zürich: Theologischer Verlag 1981 (1946), S.490-515; Hölscher, Religion S. 615 und 627; Graf: Problemgeschichte S. 56-59, das Zitat S. 59; Helmut Walser Smith: German Nationalism and Religious Conflict. Culture, Ideology, Politics 1870-1914. Princeton, N.J.: Princeton University Press 1995.

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16 Graf: Problemgeschichte S. 55.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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