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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Will man die zunehmende Entkirchlichung im späten 19. und 20. Jahrhundert erklären, ist des weiteren das ablehnende Verhältnis von Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung gegenüber Religion und Kirche wichtig. Beeinflusst von Ludwig Feuerbachs Religionskritik hatte Karl Marx (1818-1883) Religion als Überbauphänomen eingeordnet und kritisiert - der jenseitige Gott lenke die Menschen von ihren diesseitigen Aufgaben ab. (17) Religion galt ihm als Ausdruck des Unglücks der Menschen, als ein eingebildetes Glück, das über das Unglück auf Erden hinwegtäuschen soll, als "Opium des Volkes". (18) Gegensätze theoretischer, gesellschaftspolitischer und sozialer Art erhöhten den Abstand zwischen beiden Seiten, da die Kirchen vielfach zur Stabilisierung der ungerechten Klassenstruktur beitrugen. August Bebel (1840-1913) etwa sah 1874 Christentum und Sozialismus als sich ausschließende Gegensätze wie Feuer und Wasser. Für ihn waren alle Religionen "Menschenwerk", vor allem die christliche sei freiheits- und kulturfeindlich und verhindere gesellschaftlichen Fortschritt; sie diene in erster Linie der Ausbeutung des Volkes. Moral gebe es auch unabhängig vom Christentum, dessen Lehren und Dogmen sich gegen die Menschen richten würden. Wie Marx war Bebel der Meinung, dass die fortschreitende Gesellschaftsentwicklung Religion überflüssig machen werde, weil auch für die damals nur religiös beantwortbaren Fragen rationale Erklärungen gefunden werden würden. (19) Religion galt innerhalb der Sozialdemokratie als Privatsache, und die auch von vielen Liberalen geforderte Trennung von Kirche und Staat, insbesondere im Bereich des Bildungswesens, wurde zu einem sozialdemokratischen Programmpunkt. (20) Andere Positionen, wie z.B. die Eduard Bernsteins (1850-1932), der 1904 auf dem Bremer Parteitag betont hatte, dass Religion als Kulturaufgabe "keine Privatsache, sondern eine öffentliche Angelegenheit von großer Bedeutung" sei, waren zu diesem Zeitpunkt ohne größere innerparteiliche Bedeutung und wurden auch von den Kirchen kaum wahrgenommen. (21)

Die Jahre zwischen 1890 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges waren von wachsenden Spannungen zwischen den Kirchen und der SPD gekennzeichnet, da die Kirchen sich am (ideologischen) Kampf gegen die Sozialdemokratie beteiligten, die deswegen konsequent die Kirchenaustrittsbewegung unterstützte. (22) Durch die enge Verbindung mit dem monarchischen Staat und den ihn tragenden traditionellen Eliten wurden vor allem die evangelischen Kirchen als "Kirche der Besitzenden und Herrschenden" empfunden. Es entstand der Gesamteindruck, dass sie es "eher mit dem satten Bürgertum und dem gnädigen Herrn auf dem Rittergut hielt als mit den Landarbeitern oder den Ausgebeuteten der Städte". (23)

Gleichwohl gab es in der parteinahen Presse nur selten Aufforderungen, aus der Kirche auszutreten. Vorzugsweise aber wurde in einigen Bundesstaaten durch ausführliche Berichterstattung über Entkirchlichungstendenzen und wohlwollende Kommentierung von Agitationsveranstaltungen indirekt für den Austritt geworben. So beispielsweise als im preußischen Altona auch viele Nicht-Sozialdemokraten die Kirche verließen, weil die Kommunalsteuern erhöht worden waren, um die Kirche für die wegfallenden Stolgebühren zu entschädigen. Der Kirchenaustritt ermöglichte nämlich, sich dieser Zusatzsteuer zu entziehen. (24)

Zu Beginn der 1870er Jahre kam es vor allem in Sachsen nach einem neuen Austritts- und Volksschulgesetz verstärkt zu Austritten. Dort wurden Dissidentenkinder allerdings weiterhin zur Teilnahme am staatlichen Religionsunterricht verpflichtet, weswegen viele Eltern es nicht mit dem Kirchenaustritt bewenden ließen, sondern sich den deutsch-katholischen bzw. freireligiösen Gemeinden anschlossen, um ihren Kindern den Unterricht dieser staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften zuteil werden zu lassen. (25)

Während des 19. Jahrhunderts gab es neben dem Trend zur Entkirchlichung allerdings auch zwei Phasen, in denen die Beteiligung am kirchlichen Leben sogar teilweise etwas zunahm. In den 1830er und 1840er Jahren erfolgte dies vor dem Hintergrund der Erweckungsbewegung, und im Kaiserreich zwischen 1880 und 1895, bevor die organisierte Kirchenaustrittsbewegung einsetzte. (26)

Ein markanter Anstieg der Kirchenaustritte ist zwischen 1905 und 1906 zu verzeichnen, der 1913 mit 29.255 den Höhepunkt vor dem Ersten Weltkrieg erreichte (vgl. Tabelle 1). Prozentual gesehen traten zwischen 0,001 und 0,07 Prozent der Kirchenmitglieder aus. (27) Entsprechend gingen auch die Amtshandlungen zurück, vor allem in Großstädten, wo dieser Trend schon früher einsetzte. So wurden beispielsweise in Hamburg vor der Jahrhundertwende nur 73 Prozent der Geborenen getauft und 84 Prozent aller Ehen kirchlich getraut. (28)

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sanken die Zahlen der Kirchenaustritte wieder auf das Niveau der Jahre 1904/1905 und die Gottesdienste wurden reger besucht. Die direkte Konfrontation mit dem Tod, dem eigenen oder dem von nahen Angehörigen und Freunden, ließ die Frage nach dem Lebenssinn wieder deutlicher ins Bewusstsein rücken. In derartigen Krisenzeiten zog man es vor, trotz aller Kritik und innerer Distanz in der bewährten "Institution für Sinnstiftung" zu bleiben. Zudem mag auch die politische und gesellschaftliche Behauptung eines "Burgfriedens" eine Rolle gespielt haben.

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17 Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums (1841). Stuttgart: Reclam 1980; Ders.: Das Wesen der Religion. Leipzig: Wigand 1851; Karl Marx, Friedrich Engels: Über Religion. Berlin (DDR): Dietz 1958; vgl. Wilhelm Weischedel: Der Gott der Philosophen. Grundlegung einer philosophischen Theologie im Zeitalter des Nihilismus. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983, Bd.1, S. 390-414.

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18 Karl Marx: Werke-Schriften-Briefe. Hg. von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth. Bd. 1. Stuttgart: Cotta 1962, S. 488; Martin Möller: Evangelische Kirche und Sozialdemokratische Partei in den Jahren 1945-1950. Grundlagen der Verständigung und Beginn des Dialoges. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1984, S. 87 (=Göttinger Theologische Arbeiten, 29).

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19 Möller, S. 89f; vgl. auch: Christentum und Sozialismus. Eine Religiöse Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in Hüffe und August Bebel. Separatabdruck aus dem "Volksstaat" von 1873/74 (Agitationsbibliothek, 3). Leipzig 1924. Dennoch hatte Bebel in einer Rede 1876 in Köln gefordert, dass allen Staatsbürgern die Ausübung der religiösen Überzeugung im vollsten Maße gestattet sein solle, vgl. Willi Kreiterling: Kirche-Katholizismus-Sozialdemokratie. Von der Gegnerschaft zur Partnerschaft. Bonn-Bad Godesberg: Neue Gesellschaft 1969, S. 11 (=Theorie und Praxis der deutschen Sozialdemokratie).

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20 Im Gothaer Programm von 1875 und erneut im Erfurter Programm von 1891 wurde Religion zur Privatsache erklärt, vgl. Wilhelm Mommsen (Hg.): Deutsche Parteiprogramme. 3. Aufl. München: Olzog 1977, S. 314 und S. 352. Wörtlich hieß es im Erfurter Programm: "Erklärung der Religion zur Privatsache. Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollkommen selbständig ordnen." (Ebd. S. 352; vgl. dazu und zum folgenden auch Kreiterling S. 10-13). Im Eisenacher Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1869 wurde unter Punkt III, 5 gefordert: "Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der Kirche" (zitiert nach Mommsen S.311f).

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21 Zitiert nach Kreiterling, S. 11. Ohne großen Erfolg blieben auch Vermittlungsversuche von Theodor von Wächter (1865-1943), der als Theologe Sozialdemokrat und auch als Sozialdemokrat Theologe war. Er ist heute fast ganz in Vergessenheit geraten, vgl. Gerd Wilhelm Grauvogel: Theodor von Wächter. Christ und Sozialdemokrat. Ein soziales Gewissen in kirchlichen und gesellschaftlichen Konflikten. Stuttgart: Steiner 1994.

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22 Vgl. hierzu ausführlich Rüdiger Reitz: Christen und Sozialdemokratie. Konsequenzen aus einem Erbe. Stuttgart: Radius 1983, S. 239-300; Jochen-Christoph Kaiser: Arbeiterbewegung und organisierte Religionskritik. Proletarische Freidenkerverbände in Kaiserreich und Weimarer Republik. Stuttgart: Klett 1981, S. 30-53 (=Industrielle Welt, 32) sowie auch Hölscher: Weltgericht. - Dass von kirchlicher Seite auch noch im "Dritten Reich" die Sozialdemokraten bekämpft wurden, zeigt an einem lokalen Beispiel der 1939 erfolgte Bau der Kirche in Hamburg-Berne, der gezielt als "Bollwerk gegen den Bolschewismus", gegen die mehrheitlich sozialdemokratisch eingestellte Bevölkerung Bernes gerichtet gewesen sein soll (50 Jahre Friedenskirche Berne 1939-1989. Hg. von der Ev.-Luth. Friedens-Kirchengemeinde Berne. Hamburg: Selbstverlag 1989, S. 9 und S. 23-24).

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23 Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918. 3. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1977, S. 119 (=Deutsche Geschichte, 9). Vgl. Ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914. München: Beck 1995, bes. S. 1173-1181.

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24 Kaiser, Sozialdemokratie, S. 274. Stolgebühren waren Abgaben, die von den Gläubigen für bestimmte Amtshandlungen des Pastors entrichtet werden mussten. In einigen protestantischen Landeskirchen dienten sie dem Unterhalt des Geistlichen, wurden jedoch seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts weitgehend abgeschafft, in Preußen 1892 (Siegfried Reicke: Stolgebühren. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 3. Aufl. Bd.6 Tübingen: Mohr 1962, S. 388-389).

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25 Kaiser, Sozialdemokratie, S. 265; Sylvia Paletschek: Frauen und Dissens. Frauen im Deutschkatholizismus und in den freien Gemeinden 1841-1852. Göttingen: Vandenhoeck & Rpurecht 1990 (=Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 89); Peter Bahn: Deutschkatholiken und Freireligiöse. Geschichte und Kultur einer religiös-weltanschaulichen Dissidentengruppe, dargestellt am Beispiel der Pfalz. Mainz: Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz 1991 (=Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz, 10).

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26 Hölscher, Weltgericht S. 155; Friedrich Wilhelm Graf: Erweckung/Erweckungsbewegungen. I. Erweckungsbewegungen in Europa. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Vierte, völlig neu bearb. Aufl. Bd.2 Tübingen: Mohr 1999, Sp. 1490-1495.

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27 Zahlen nach: Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Deutschland 6 (1952), Statistische Beilage Nr.4: Kirchenaustritte aus den deutschen evangelischen Landeskirchen und Übertritte (Eintritte) zu den deutschen evangelischen Landeskirchen in der Zeit von 1884 bis 1949, S. 4-5; Feige S. 532.

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28 L. Weber: Der Einfluß der Kirche. In: Ders. (Hg.): Geschichte der sittlich-religiösen und socialen Entwicklung Deutschlands in den letzten 35 Jahren. Gütersloh: C. Bertelsmann 1895, S. 1-16, hier S. 4.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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