(1)">
fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Der Zeitraum von 1906 bis 1914 wird als Zeit der organisierten Kirchenaustrittsbewegung bezeichnet, in der öffentlich von verschiedenen Gruppierungen zum Verlassen der Kirchen aufgefordert wurde. (29) Signalwirkung hatte dabei Preußen und vor allem die Hauptstadt Berlin - Süddeutschland war längst nicht so stark an der Austrittsbewegung beteiligt wie der Norden des Reiches (vgl. Schaubilder 2 und 3). Der Kirchenaustritt war ein demonstrativer Akt, um an einem bestimmten Punkt und relativ ungefährdet eine oppositionelle Position zum Staat artikulieren zu können. Als solcher wurde er auch von den Behörden sehr genau registriert. Er stellte einen Ausgleich dar für die auf politisch-parlamentarischer Ebene verweigerten bzw. enorm reduzierten Partizipationsmöglichkeiten. Diese kompensatorischen Züge wurden für die proletarisch geprägte Kirchenaustrittsbewegung zu einem Hauptantriebsfaktor.

Die Ursachen für den plötzlichen Anstieg der Austritte im Jahre 1905 lagen nicht ausschließlich in weltanschaulichen Fragen, vielmehr spielte die Kirchensteuer eine entscheidende Rolle. Die einheitliche Neuregelung des Finanzaufkommens der Kirchen in Preußen durch Staatsgesetz vom 14. Juli 1905 führte dazu, dass mehr Familien, insbesondere in der Arbeiterschaft, zur Zahlung der Kirchensteuer - einem Anteil der Einkommenssteuer, der zumeist im Herbst jeden Jahres in einer Summe von den Steuerpflichtigen beglichen werden musste - herangezogen wurden. Gerade wenn diese nur wenig Kontakt zur Kirche hatten und deren Angebote nicht wahrnahmen, war der Austritt keine Hürde. 1907 hatte der Staat zudem das Recht erhalten, in die Lohnlisten der Arbeitgeber Einsicht zu nehmen, wodurch zahlreiche Arbeiter, deren Einkommen bis dato niedriger eingeschätzt wurden, steuerpflichtig wurden, also ebenfalls zur Kirchensteuer veranlagt wurden. 1908 stiegen dann die Austrittszahlen in Preußen um 118,9 Prozent auf 23.204. Diese Entwicklungen zeigen deutlich, dass sozialhistorische Faktoren zur Erklärung der Kirchenaustritte herangezogen werden müssen, ideologische Motive allein reichen nicht aus. (30)

Im Bildungsbürgertum organisierten sich die sich vom Christentum distanzierenden Kreise beispielsweise im 1906 gegründeten Deutschen Monistenbund oder in dem mit den Freireligiösen verbundenen Deutschen Freidenkerbund. Um die Jahreswende 1910/11 wurde das Komitee Konfessionslos gegründet, das den Ausgetretenen die volle bürgerliche Gleichberechtigung sichern wollte und zum Verlassen der Kirche aufforderte. Auf proletarischer Seite wurde 1905 in Berlin der Verein für Feuerbestattung gegründet, aus dem sich 1908 der Zentral-Verband der Proletarischen Freidenker Deutschlands bildete. Daneben bestanden der Bund Sozialistischer Freidenker und der 1927 entstandene Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung, der 1930 500.000 Mitglieder aufwies. Alle Vereine forderten auch nach 1918, z.B. in öffentlichen Versammlungen, zum Kirchenaustritt auf, bis sie 1933 aufgelöst wurden. (31)

Der "organisierte" Kirchenaustritt erschien den Führungseliten während des Kaiserreiches gefährlich, sie ließen alle verfügbaren Daten sammeln und stellten Überlegungen zu seiner Bekämpfung an. Dagegen galt die Existenz von weltanschaulichen und freireligiösen Gruppierungen nicht als systemgefährdend. (32) Daraus wird ersichtlich, welchen hohen Stellenwert die Verbindung von "Thron und Altar" in der deutschen Gesellschaft vor 1918 hatte.

Das 19. Jahrhundert war aber nicht allein der Beginn der Entkirchlichung, vielmehr war es die Zeit konfessioneller Identitätsfindung, die bei Katholiken und Protestanten neue religiöse Energien freisetzte. Für den Protestantismus bedeutete die rechtliche Verselbständigung vom Staat eine Zeit der "Kirchwerdung" (Martin Greschat), eine nachhaltige Stärkung ihrer Position und klarer Herausbildung eigener Identität. (33) Im internationalen Vergleich betrachtet, hatte das Christentum in Deutschland nicht mehr die volle öffentliche und private Geltung wie in England, aber auch noch nicht eine so starke Ablehnung erfahren wie in Frankreich. (34)

Zurück zum Text  29.

29 Hierzu und zum folgenden: Horst D. Ermel: Die Kirchenaustrittsbewegung im Deutschen Reich 1906-1914. Studien zum Widerstand gegen die soziale und politische Kontrolle unter dem Staatskirchentum. Phil. Diss. Köln 1971; Herbert Reich: Die Aus- und Übertrittsbewegung 1884-1949. In: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 78 (1951), S.363-385.

Zurück zum Text  30.

30 Kaiser, Sozialdemokratie, S. 280-282; Hölscher, Weltgericht, S. 156-163.

Zurück zum Text  31.

31 Ermel, S. 109-133; Kaiser, Sozialdemokratie, S. 282-289; Ders.: Freireligiöse und Feuerbestatter. In: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal: Hammer 1998, S. 537-549; Dieter Fricke: Deutscher Monistenbund. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). Hg. von Dieter Fricke, Werner Fritsch, Herbert Gottwald, Siegfried Schmidt, Manfred Weißbecker. Bd.2. Köln: Pahl-Rugenstein 1984, S.190-196; Michael Rudloff: Weltanschauungsorganisationen innerhalb der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik. Frankfurt/M-Bern-New York-Paris: Lang 1991 (=Europäische Hochschulschriften, 3, 499), bes. die Übersicht über die wichtigsten Verbände S.263-264; Konrad Algermissen: Freidenker. In: Lexikon für Theologie und Kirche 2.Aufl. Bd.4. Freiburg-Basel-Wien: Herder 1960, S. 318-322; Kurt Hutten: Freidenker. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 3. Aufl. Bd.2. Tübingen: Mohr 1958, S. 1093-1096; Joachim Mehlhausen: Freidenker. In: Theologische Realenzyklopädie Bd.11. Berlin-New York: de Gruyter 1983, S.489-493; Volker Pitzer: Freireligiöse Bewegung(en). In: Ebd., S. 567-572; Die Freireligiöse Bewegung. Wesen und Auftrag. Hg. vom Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands. 1859-1959. Mainz: Selbstverlag 1959; Friedrich Heyer/Volker Pitzer (Hg.): Religion ohne Kirche. Die Bewegung der Freireligiösen. Ein Handbuch. Stuttgart 1977; Matthias Pilger: Feiergestaltung und Gemeindeleben im Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands. Eine religionswissenschaftliche Erkundungsstudie über Feiergestaltung und Gemeindeleben von dem Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands angeschlossenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Magisterarbeit (Religionswissenschaft) ms. Marburg 1987; Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung. Eine historische und soziologische Untersuchung. Marburg: diagonal 1993 (=Religionswissenschaftliche Reihe, 4), bes. S. 35-39; Frank Simon-Ritz: Die Organisation einer Weltanschauung. Die freigeistige Bewegung im Wilhelminischen Deutschland (=Religiöse Kulturen der Moderne, 5). Gütersloh: Mohn 1997. Zu Arbeit und Auswirkungen der Kirchenaustrittsbewegung am Beispiel der Großstadt Hamburg vgl. Staatsarchiv Hamburg, 111-1 Senat, Cl.VII Lit.Ha No.7 Vol.25.

Zurück zum Text  32.

32 Kaiser, Sozialdemokratie, S. 264.

Zurück zum Text  33.

33 Schieder: Säkularisierung S. 311; Nipperdey: Bürgerwelt S. 403-451, bes. S. 403-406; Greschat: Anmerkungen S. 83. Zum Katholizismus im 19. Jahrhundert vgl. Jonathan Sperber: Popular Catholicism in Nineteenth-Century Germany. Princeton N.J.: Princeton University Press 1984; Margaret Lavinia Anderson: Die Grenzen der Säkularisierung. Zur Frage des katholischen Aufschwungs im Deutschland des 19. Jahrhunderts. In: Hartmut Lehmann (Hg.): Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa. Bilanz und Perspektiven der Forschung (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 130). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 194-222; Jacques Gadille, Jean-Marie Mayeur (Hg.): Liberalismus, Industrialisierung, Expansion Europas (1830-1914). Deutsche Ausgabe bearb. u. hg. von Martin Greschat. Freiburg-Basel-Wien: Herder 1997 (=Die Geschichte des Christentums ,11).

Zurück zum Text  34.

34 Nipperdey: Bürgerwelt S. 450. Vgl. Hugh McLeod: Dechristianization and Rechristianization: The case of Great Britain. In: Kirchliche Zeitgeschichte 11 (1998), S. 21-33; Philippe Martin: Christianisation? Déchristianisation? Rechristianisation? La question de la sacralisation de l"espace dans la France catholique (XIXe-Xxe sièles). In: Ebd., S. 51-68.

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de