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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


3 Die Welle der Entkirchlichung zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stiegen die Zahlen der Kirchenaustritte rapide in einem bis dahin nicht gekannten Maße an (vgl. Tabelle 1 und Schaubild 1). (35) Besondere Bedeutung kam den in Preußen vom Kultusminister Adolph Hoffmann (1858-1930, USPD), dem vormaligen Austritts-Agitator ("Zehn-Gebote-Hoffmann"), durchgesetzten Verfahrenserleichterungen zu. Während der Weimarer Republik traten jährlich durchschnittlich 182.000 Personen aus der Kirche aus, 1927 betrug ihr Bevölkerungsanteil 2,5 Prozent. (36) Nach einem "Anfangshoch" 1920 gingen die Zahlen zurück und überschritten - mit Höhepunkt in den wirtschaftlich schwierigen Jahren 1930 bis 1932 - wieder die 200.000-Grenze. Neben Berlin und anderen Großstädten sowie Preußen waren jetzt besonders seit 1925/27 die Länder Sachsen, Thüringen und Braunschweig betroffen. Südlich des Mains waren die Austritte zahlenmäßig deutlich niedriger, vor allem in Bayern, Baden, der Pfalz, Hessen, Württemberg, aber auch in Schlesien (vgl. Schaubilder 2 und 3). Hier waren insbesondere Arbeiter noch nicht in dem Maße wie im Norden aus ländlichen Bindungen gelöst und in Ballungszentren konzentriert, viele verfügten noch über Kleinbesitz und wiesen keine längere proletarische Tradition auf. Calvinistisch reformierte Kirchen waren eher in der Lage, Arbeiter zu integrieren als der Protestantismus lutherischer Prägung. Entsprechend den Austrittszahlen nahm die Freidenkerbewegung auch Aufschwung, deren Verbände 1932 rund 800.000 Mitglieder verzeichnen konnten. Ihre geographischen Schwerpunkte lagen in den Zentren der Arbeiterbewegung, z.B. in Sachsen, in Thüringen, im Rheinland und in Westfalen. (37)

Die Entkirchlichung wurde vereinzelt auch durch die demokratisch gewählten Regierungen gefördert, indem die Trennung von Staat und Kirche intensiviert wurde: Am 7. Dezember 1918 hob der Arbeiter- und Soldatenrat für Hamburg, Altona und Umgegend mit Wirkung vom 1. Januar 1919 den Religionsunterricht an den Schulen auf und untersagte Schulandachten. Drei Wochen später, am Heiligen Abend, wurde das Recht auf Austritt aus einer Religionsgemeinschaft jeder Person ab dem vollendeten 14. Lebensjahr durch Erklärung gegenüber dem Standesamt festgeschrieben. Weder Proteste der Kirche und von Seiten der Eltern aus dem Bürgertum noch die Garantie des Religionsunterrichts in der Weimarer Reichsverfassung konnten eine Aufhebung dieser Anordnung bewirken. Erst eine Entscheidung des Reichsgerichtes wischte die Forderung der Sozialdemokraten nach einer weltlichen Schule ohne Religionsunterricht als Regelschule vom Tisch - am 1. Januar 1921 musste dieses Fach in Hamburg wieder unterrichtet werden, wobei jetzt eine besondere Anmeldung der Kinder zum Unterricht erforderlich war. Die Pastoren beklagten dort immer wieder, dass die dort vermittelten Kenntnisse geringer seien als früher, und so wurde der Konfirmandenunterricht zeitlich ausgedehnt. Die Entkirchlichung machte sich also auch bei den nominellen Kirchenmitgliedern stärker bemerkbar. (38)

Neben der sinkenden Zahl der Kirchenmitglieder ging auch die Teilnahme an Amtshandlungen weiter zurück: Ein deutlicher Rückgang war bei den Taufen und dem Anteil der kirchlichen Trauungen an den Eheschließungen bei rein evangelischen Paaren zu verzeichnen, wobei in Großstädten grundsätzlich eine noch stärkere Abnahme erfolgte. (39) 1924 wurden in Deutschland 29,49 Prozent der evangelischen Bevölkerung als Abendmahlsgäste gezählt, weit darunter lagen Großstädte, wie Berlin mit 19,40 Prozent, Bremen mit 7,77 Prozent und als Schlusslicht Hamburg mit nur 7,12 Prozent. Aus den statistischen Unterlagen geht auch hervor, dass Frauen erheblich aktiver am Gemeindeleben teilnahmen als Männer. Zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich" lag ihr Anteil an den Abendmahlsgästen bei gut zwei Drittel. (40)

Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten gingen 1933 die Kirchenaustritte zunächst zurück und die -eintritte stiegen rapide an. Die Nationalsozialisten hatten, um die Akzeptanz ihrer Herrschaft in der Bevölkerung zu vertiefen, unter Berufung auf die Unterstützung eines "positiven" Christentums zunächst den Eindruck einer kirchenfreundlichen Politik erweckt und Eintritte sowie Gottesdienstbesuche - z.T. in Uniform - zentral gesteuert. Nach dem Scheitern der nationalsozialistischen Kirchenpolitik (41) 1934 und mit dem Ende der innen- und außenpolitischen Rücksichten nach 1936 stiegen auch die Austrittszahlen wieder deutlich an, wobei selbst die höchsten Werte der Anfangsjahre der Weimarer Republik noch übertroffen wurden. Während des Zweiten Weltkrieges sanken diese Zahlen, wie schon im Ersten Weltkrieg, deutlich: Ein Tiefstand wurde 1945 erreicht, als nur 9.493 Kirchenaustritte verzeichnet wurden. Nach Kriegsende kamen den Kirchen wichtige Funktionen zu, insbesondere in Entnazifizierungsverfahren. Da sie als "unbelastet" galten und zudem in der Bevölkerung ein großes Bedürfnis nach innerer Neuorientierung und Sinnstiftung bestand, wandten sich kurzzeitig die Menschen diesen Institutionen wieder stärker zu. Doch mit der Normalisierung der Lebensverhältnisse nahmen die Austritte wieder zu und erreichten 1949 eine Zahl von 83.695 (vgl. Tabelle 1).

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35 Dieser Prozess erfolgte nicht in allen evangelischen Landeskirchen zeitgleich und mit derselben Intensität: In der Pfälzischen Landeskirche z.B. stiegen die Kirchenaustrittszahlen erst 1920 massiv an und gingen 1923 wieder zurück, vgl. dazu und insbesondere zur Entwicklung in Ludwigshafen Theodor Hofäcker (Hg.): Evangelische Kirche in Ludwigshafen am Rhein 1919-1945. Ludwigshafen: Stadtarchiv 1989, bes. S. 119-120 und 423-431 (=Veröffentlichung des Stadtarchivs Ludwigshafen am Rhein, 13).

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36 Die katholische Kirche verlor von 1919 bis 1926 ca. 250.000 Mitglieder, einschließlich der Übertritte zu anderen Religionsgemeinschaften. Der jährliche Verlust lag bei 0,2 Prozent und damit weit unter dem der evangelischen Kirchen. Es gelang ihr mit einem umfangreichen, den unterschiedlichen Bedürfnissen entgegenkommenden Vereinswesen die Bindung an Religion und Kirche intensiver und aktiver zu gestalten. Zudem war eine persönlichere Betreuung durch den Geistlichen möglich, da der katholische Pfarrer im Reichsdurchschnitt mit 1.009 Gemeindemitgliedern weniger als die Hälfte seines evangelischen Amtsbruders (2.440 Gemeindemitglieder) zu versorgen hatte, vgl. Rudloff S. 29-35.

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37 Rudloff S. 23-38; Feige S. 532f.

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38 Rainer Hering: Sozialdemokratisch beeinflußter Staat und Lutherische Kirche in Hamburg: Die Auseinandersetzungen um den Religionsunterricht 1918 bis 1921. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 78 (1992), S. 183-207; Ders.: Auf dem Weg in die Moderne? Die Hamburgische Landeskirche in der Weimarer Republik. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 82 (1996), S. 127-166. Aus einzelnen Quellen lässt sich allerdings folgern, dass die Anordnung des Arbeiter- und Soldatenrates nicht überall befolgt, vielmehr der Religionsunterricht unter Tarnbezeichnungen oder im Rahmen des Deutsch- bzw. Geschichtsunterrichts fortgeführt worden war (Rainer Hering: Vom Seminar zur Universität. Die Religionslehrerausbildung in Hamburg zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Hamburg: Dölling und Galitz 1997, bes. S. 32 mit Anm. 74).

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39 Im Zusammenhang mit Eheschließungen wurde in Hamburg beklagt, dass diese zumeist auf den Sonnabend gelegt wurden und die damit verbundenen Feierlichkeiten bis weit in die Sonntagmorgenstunden andauerten, so dass der Kirchenbesuch entsprechend beeinträchtigt war. Ein weiteres Problem stellte der Alkoholgenuß dar, der sogar dazu führte, dass im Stadtteil Alt-Barmbek eine Trauung verweigert werden musste, weil das Paar selbst nicht mehr nüchtern gewesen sein soll (Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Kirchlicher Bericht über die Jahre 1923 und 1924 erstattet von Senior D. Stage. Hamburg: Selbstverlag 1925, S. 6-7).

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40 Statistische Mitteilungen aus den deutschen evangelischen Landeskirchen vom Jahre 1924, S. 14-19; Hans Georg Haack: Die evangelische Kirche Deutschlands in der Gegenwart (=Evangelische Kirchenkunde Deutschlands). Berlin: Mittler & Sohn 1929, S. 19-29. Eine wichtige Lokalstudie für die zwanziger Jahre ist die Dissertation von Jörg Kniffka: Das kirchliche Leben in Berlin-Ost in der Mitte der zwanziger Jahre. Eine Untersuchung der kirchlichen Teilnahme und ihrer Motivation in evangelischen Arbeitergemeinden von 1924 bis 1927. Phil. Diss. Münster 1971.

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41 John S. Conway: Die nationalsozialistische Kirchenpolitik 1933-1945. Ihre Ziele, Widersprüche und Fehlschläge. München: Kaiser 1969; Kurt Meier: Die Religionspolitik der NSDAP in der Zeit der Weimarer Republik. In: Zur Geschichte des Kirchenkampfes. Gesammelte Aufsätze II. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1971, S. 9-24 (=Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, 26); Ders.: Der evangelische Kirchenkampf. 3 Bände Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1976-1984; Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934. Frankfurt/M-Berlin-Wien: Propyläen 1977. Band 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934. Berlin: Siedler 1985; Leonore Siegele-Wenschkewitz: Nationalsozialismus und Kirchen. Religionspolitik von Partei und Staat bis 1935. Düsseldorf: Droste 1974 (=Tübinger Schriften zur Sozial- und Zeitgeschichte, 5).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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