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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Die Amtshandlungen nahmen in den ersten Jahren des "Dritten Reiches" leicht zu, soweit es um einmalige Akte im Leben der Menschen ging. (42) Daraus kann allerdings nicht auf eine wirklich gesteigerte aktive Kirchlichkeit geschlossen werden. Der wichtige Indikator dafür, die Abendmahlsziffer, war selbst im Vergleich zur Weimarer Republik gesunken. (43) Der Anteil der Frauen überwog bei weitem den der Männer, sie blieben auch weiterhin die aktivsten Gemeindemitglieder. Der Trend zur immer kleineren aktiven Kirchengemeinde wurde also auch im "Dritten Reich" nicht unterbrochen, auch wenn die verstärkten Gottesdienstbesuche von uniformierten Nationalsozialisten 1933 zunächst diesen Eindruck erweckt haben mögen. Die innere Distanz der Bevölkerung zur Kirche war nicht geringer geworden, wie dann die nach 1936 massiv steigenden Austrittszahlen belegen. Der Zweite Weltkrieg hatte weiter mit zunehmender Dauer und Intensität dazu beigetragen, die öffentliche Kirchlichkeit geringer werden zu lassen. Die Taufziffern in rein evangelischen Ehen blieben bei 90 bis 95 Prozent relativ konstant, wobei in der Großstadt Hamburg ein deutlicher Rückgang auf 70 Prozent im Jahre 1940 zu verzeichnen war; damit wurde selbst der niedrigste Wert aus der Weimarer Republik noch unterschritten. (44)

In der Bundesrepublik im Jahre 1950 zählten 50,1 Prozent der Bevölkerung zur Evangelischen Kirche in Deutschland, 45,2 Prozent zur Römisch-katholischen Kirche; 3,2 Prozent bezeichneten sich als Freireligiöse und Freidenker. (45) Der Anteil der Frauen unter den Kirchenmitgliedern übertraf den der Männer (53 zu 46 Prozent), bei den Freireligiösen kehrte sich diese Relation um (60,7 Prozent Männer zu 39,3 Prozent Frauen). Die engere Bindung von Frauen an die Kirchen hielt sich also weiterhin und kann bis heute als eine Konstante der kirchlichen Zeitgeschichte gelten. (46)

Zwischen 1950 und 1967, einer Zeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Konsolidierung, die mit restaurativen Tendenzen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen verbunden war (47), blieben die Austrittszahlen auf einem relativ niedrigen Niveau von 0,05 Prozent - 1939 waren es noch 0,9 Prozent - stabil. Im Zusammenhang mit dem geistig-politischen Klimawechsel nach 1968 stiegen sie wieder deutlich an. Im Gegensatz zu den Jahren 1906 bis 1914 oder nach 1918 erfolgte diese Entwicklung aufgrund individueller Entscheidungen, die zumeist von Kosten-Nutzen-Überlegungen getragen waren. Mehr als die Hälfte aller Austritte pro Jahr finden seit mehr als 15 Jahren zwischen dem 16. und 32. Lebensjahr statt und umfassen zwischen 0,4 und 0,8 Prozent aller Mitglieder, wobei der Anteil der Männer überwiegt. Dass die Kirchen aber deswegen gesellschaftlich nicht isoliert sind, sondern auch bei jungen Menschen auf eine stärkere Resonanz zählen können, zeigen die hohen Teilnehmerzahlen der von Laien getragenen Kirchentage beider Konfessionen. (48)

Besonders krass verlief die Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) von 1949 bis 1990. Hier mussten sich die Kirchen in einem offiziell religionsfeindlichen Staat behaupten. (49) Entsprechend dramatisch sank die Zahl der Kirchenmitglieder: Gehörten vor Gründung der DDR 80 Prozent der Bevölkerung der evangelischen und zehn Prozent der katholischen Kirche an, so waren es 1991 nur noch 27 bzw. sechs Prozent. 64 Prozent der Bevölkerung waren konfessionslos, 40 Prozent der Erwachsenen gehörten zu keinem Zeitpunkt einer Kirche an. In der alten Bundesrepublik zählten nur elf Prozent zu keiner Religionsgemeinschaft. Während dort 22 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen wenigstens einmal im Monat in die Kirche gingen, waren es 1991 in den neuen Bundesländern nur vier Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen. In der alten Bundesrepublik blieb also die Mehrheit der Bevölkerung zumindest formal Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche. Noch immer kommt im Beitrittsgebiet der "Jugendweihe", die in der DDR 97 Prozent der Schulabgänger besuchten, unter den Jugendlichen ein hoher Stellenwert zu, im Frühjahr 2000 waren es ca. 100.000. In der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen Ostdeutschen konnte in der Zeit zwischen 1993 und 1998 ein deutlicher Bedeutungsgewinn des Glaubens für das subjektive Wohlbefinden ermittelt werden, der sich allerdings nicht in einer Zunahme der formalen Kirchenmitgliedschaft niedergeschlagen hat. (50)

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42 Die Taufen in rein evangelischen Ehen lagen 1934 und 1935 bei 97 Prozent, 1936 sanken sie auf 95,61 Prozent, die Trauungen waren 1934 noch bei 93 Prozent, gingen aber bis 1939 auf 68 Prozent zurück, die Bestattungen blieben bei 92 Prozent stabil.

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43 1929 lag die Abendmahlsziffer bei 29,5 Prozent, 1934 bei 26,27 Prozent, und 1936 nahmen nur noch 24,31 Prozent der Kirchenmitglieder am Abendmahl teil.

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44 In der Hansestadt war 1939 der Anteil der Nichtchristen mit 13,5 Prozent bei nur noch 78 Prozent Angehörigen der Evangelischen Landeskirche auffallend hoch. Die Zahl der Trauungen ging auf 33 Prozent zurück, 1924 waren es noch 61 Prozent, und die Beteiligung am Abendmahl sank auf nur noch vier Prozent im Jahre 1940 (Statistische Übersicht betr. Äußerungen des kirchlichen Lebens [Tabelle II] in der Deutschen Evangelischen Kirche für die Jahre 1934, 1935 und 1936. In: Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen Kirche 1938, S. 89-114; Ernst Eberhard: Statistik der kirchlichen Lebensäußerungen 1940-1945. In: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 78 (1951), S. 335-362).

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45 In Großstädten blieb der Anteil der Freidenker mit 7,4 Prozent überdurchschnittlich hoch, in Braunschweig betrug er sogar 18,6 Prozent, in Berlin 15,2 Prozent, in Hamburg 14,4 Prozent und in Solingen 14,3 Prozent bei einem Bundesdurchschnitt von 3,2 Prozent. In Süddeutschland waren sie weitaus geringer vertreten als im Norden, so in Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden, Württemberg-Hohenzollern und Kreis Lindau mit einem Anteil zwischen 1,1 und 1,4 Prozent (vgl. Tabelle 2-4).

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46 Amtsblatt der Evangelischen Kirche in Deutschland 6 (1952), Statistische Beilage Nr.1; Kirchliche Statistik. In: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 78 (1951), S. 335-426.

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47 Vgl. Axel Schildt: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre (=Ordnungssysteme, 4). München: Oldenbourg 1999.

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48 Feige, S. 533-534; Peter Steinacker: Kirchentage. In: Theologische Realenzyklopädie Bd. 19. Berlin-New York: de Gruyter 1990, S. 101-110. Natürlich muss sich die Teilnahme am Kirchentag nicht auch in aktiver Kirchenarbeit niederschlagen, zumal gerade der Erlebnisform der Großveranstaltung und dem gemeinsamen Musizieren besondere Bedeutung zukommen. Vgl. auch Andreas Feige: Jugend und Religiosität. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 41-42/1993, S.3-8.

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49 Jochen-Christoph Kaiser: Zwischen Ideologie und Pragmatik. Zu den historischen Voraussetzungen der Religionspolitik von KPD und SED. In: Anselm Doering-Manteuffel/Kurt Nowak (Hg.): Religionspolitik in Deutschland. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Martin Greschat zum 65. Geburtstag. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1999, S. 241-259.

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50 Hahn: Religion S. 26-27; Statistisches Bundesamt (Hg.): Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland: Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2000, S. 533-534 (=Schriftenreihe, 365); FAZ Nr.83 vom 7.4.2000, S. 7; Wolf-Jürgen Grabner: Religiosität in einer säkularisierten Gesellschaft. Eine Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung in Leipzig 1989. Frankfurt am Main usw.: Lang 1994 (=Europäische Hochschulschriften, 23, 499).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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