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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Zusammenfassend findet sich heute kirchliche Religiosität "eher bei Katholiken als bei Protestanten, eher bei Frauen als bei Männern, eher bei Alten und ganz Jungen als bei den Angehörigen der Mittleren Jahrgänge" (Alois Hahn). (51)

Die Entkirchlichung in Deutschland darf nicht nur unter konfessionellen, politischen, sozialen und soziologischen Gesichtspunkten gesehen werden, vielmehr gelangt man gerade unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Fragestellung zu wichtigen Ergebnissen: Frauen hielten und halten - wie schon angedeutet - viel eher zur Kirche als Männer. In allen Regionen und sozialen Schichten partizipieren Frauen erheblich intensiver am kirchlichen Leben als Männer. Diese Entwicklung ist auch in anderen europäischen Ländern und den USA zu beobachten. Theologische Funktionen, insbesondere die Sakramentsverwaltung, blieben im deutschen Protestantismus aber noch bis weit über die Mitte dieses Jahrhunderts hinaus allein Männern vorbehalten; im Katholizismus wird Frauen das Pfarramt bis heute vorenthalten. (52) Unter den Gottesdienstbesuchern und den ehrenamtlichen Mitarbeitern im Rahmen der kirchlichen Wohltätigkeitsarbeit stellten Frauen aber den weitaus größten Anteil. Bei der Abendmahlsfeier waren Frauen beispielsweise in Hannover doppelt so zahlreich vertreten wie Männer, in Berlin und Hamburg lag ihr Anteil bei über 60 Prozent, in Frankfurt am Main sogar bei 72 Prozent. (53)

Dieses Phänomen kann mit der gesellschaftlichen Situation der Frauen erklärt werden: Frauen hatten nur einen eingeschränkten Zugang zur Öffentlichkeit, so dass gerade die Kirche ihnen Raum für Engagement außerhalb der Familie und des eigenen Hauses bot. Sie fanden Kommunikationsmöglichkeiten, die nicht unbedingt von Ehemann, Kindern oder anderen Angehörigen bestimmt waren. Die meisten Männer wagten nicht, diese Unabhängigkeit direkt anzugreifen. Möglicherweise waren Frauen, die traditionell zu den ärmeren Bevölkerungsschichten zählten, von der karitativen Tätigkeit der Kirchen stärker angesprochen. Grundsätzlich gehörte die unentgeltliche, sozial orientierte Tätigkeit zum traditionellen Frauenbild. Eine weitere Ursache könnte darin liegen, dass Frauen erheblich weniger Spielraum für ein selbstbestimmtes Leben hatten. Daher habe - so Ursula Baumann - der Bereich des Schicksalshaften, das dem Individuum ohne sein Zutun widerfährt, die weibliche Existenz in höherem Maße bestimmt, weit über die allgemeinmenschlichen Grunderfahrungen wie Krankheit und Tod hinaus. Infolge dessen sei bei Frauen ein erheblich größerer Bedarf an Sinndeutung vorhanden gewesen als bei Männern, die durch das Berufsleben stärker von dieser Konfrontation mit den "letzten Dingen" abgelenkt seien. Frauen seien daher eher von Kirche und religiösen Fragen ansprechbar gewesen. (54) Möglicherweise spiel(t)en auch psychologische Gründe eine Rolle, da Frauen anders mit Emotionalität umgehen und religiöses Engagement bei Ihnen nicht als "peinlich" gilt, vielmehr mit ihrer gesellschaftlichen Rollenzuschreibung vereinbar ist. Ein weiterer Grund könnte der Mangel an Bildungschancen sein, der Frauen mehr Zeit und Raum für die Beschäftigung mit religiösen Fragen ließ.

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51 Hahn: Religion S. 25.

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52 Rainer Hering: Frauen auf der Kanzel? Die Auseinandersetzungen um Frauenordination und Gleichberechtigung der Theologinnen in der Hamburger Landeskirche. Von der Pfarramtshelferin zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin der Welt. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 79 (1993), S. 163-209.

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53 Zahlen nach Baumann S. 35-36.

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54 Baumann S. 36; Hugh McLeod: Weibliche Frömmigkeit - männlicher Unglaube? Religion und Kirchen im bürgerlichen 19. Jahrhundert. In: Ute Frevert (Hg.): Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert. 12 Beiträge. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1988, S. 134-156 (=Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 77).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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