(1)">
fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


4 Formen der Rechistianisierung und Resakralisierung

Die protestantischen Landeskirchen erkannten die durch die massiven Kirchenaustritte immer unübersehbarer gewordene Entkirchlichung der deutschen Bevölkerung und die daraus resultierende Gefahr für ihre gesellschaftliche Stellung. (55) Zudem war bei einem Anhalten des Trends die finanzielle Sicherung der kirchlichen Arbeit mittelfristig in Frage gestellt. Bei den Reaktionen auf diese Entwicklung muss man zwischen denen der Amtskirche bzw. der kirchenleitenden Elite und denen einzelner Pastoren oder Gruppen von Theologen unterscheiden. Letztere standen nicht immer im Einklang mit ihrer Kirchenleitung, oftmals sogar im Widerspruch zu ihr, so dass diese lieber Energie aufwandte, die Arbeit außerhalb des amtsoffiziellen Rahmens zu behindern oder zu unterbinden, als sich mit der Entkirchlichung selbst auseinander zu setzen. (56)

Die primäre Orientierung an der Sprache war und ist das wesentliche Charakteristikum des Protestantismus gegenüber dem Katholizismus. Evangelisches Christentum ist vor allem geistige Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift, Kernstücke des kirchlichen Lebens sind Wortverkündigung, Bibelauslegung, Predigt und Kirchenmusik. (57)

Ein zentrales Element aller protestantischen Gruppen war demnach die publizistische Auseinandersetzung. Es entstand eine Flut von Büchern, Traktaten, Flugblättern und Zeitungsartikeln, in denen sich Repräsentanten der Kirche und vor allem einzelne, den Austretenden näher stehende Gemeindepastoren äußerten. Konservative Autoren - und in ihrer Folge oft auch die Kirchenleitungen sowie der Deutsche Evangelische Kirchenausschuss - sahen die Ursache bei der Sozialdemokratie, der sie die "Schuld" zuwiesen und die planmäßige Unterstützung der Austrittsbewegung vorwarfen. Tatsächlich kamen - wie geschildert - in dieser Phase den Kirchensteuern neben etwaigen Differenzen mit dem jeweiligen Ortspfarrer größere Bedeutung zu. Die Reaktion der Kirche auf diese "Heimsuchung" war nicht einheitlich, einzelne Vertreter sahen in den Kirchenaustritten sogar einen Gewinn für das geistliche Leben. Auf die Vorwürfe der Gegner einzugehen, hielt man in kirchenoffiziellen Kreisen kaum für nötig. Liberale Theologen versuchten selbst zu begründen, warum sie in der Kirche blieben, und verzichteten auf Polemik gegen die Sozialdemokratie. Einzelne Theologen bemühten sich, die Position der Sozialdemokraten zu verstehen. Der Pastor und spätere Professor für Religionssoziologie und Systematische Theologie Emil Fuchs (1874-1971) vertrat die These, dass der Atheismus nur funktionale Bedeutung als Integrationsmoment habe, verstärkt durch die ablehnende Haltung der Kirche zu den politischen Forderungen der Partei. (58)

Besondere Bedeutung erlangte die Volksmission, die Wortverkündigung unter der Kanzel. Diskussionsabende, Evangelisationen, Volkshochschularbeit, Vortragsdienste, Weltanschauungswochen und Besuchsdienste sollten an der "Basis" die erforderliche Arbeit leisten, wobei sie von der Apologetischen Zentrale in Berlin-Spandau (1919-1935), dem Apologetischen Seminar in Wernigerode bzw. Helmstedt und kirchlichen Presseverbänden unterstützt wurden. Innerhalb des schulischen Rahmens übernahmen die evangelischen Elternverbände vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Funktion. Nach 1945 entstanden die Evangelischen Akademien, die die kirchliche Präsenz in der demokratischen Gesellschaft sicherstellen und erhöhen wollten. Sie waren und sind ein Forum zur Förderung der Fähigkeit zur Konsensbildung und Seelsorge in der modernen Gesellschaft. Sie woll(t)en den Menschen in seinem Beruf begleiten - genannt sei besonders der "Kirchliche Dienst Arbeitswelt" in der Evangelische Akademie Bad Boll - und gesellschaftliche Konflikte "im Lichte des Evangeliums" darstellen. Konzeptionell sehr ähnlich arbei(te)ten auch die Katholischen Akademien. (59)

Schon im 19.Jahrhundert versuchten die Kirchen sich durch diakonische Arbeit stärker den ihnen entfremdeten Schichten, vor allem den Arbeitern, zuzuwenden. Frömmigkeitsgeschichtlich ist hier die Erweckungsbewegung zu nennen, die in pietistischer Tradition den protestantischen Glauben auf die Grundlage des persönlichen Erlebens bezüglich des Eingreifens Gottes in das individuelle Leben, auf die Basis des Gefühls stellte. Die Bibel sei die Grundlage des Lebens, wichtig seien die "Werke der Liebe". So entstanden Bibel- und Missionsgesellschaften, Rettungshäuser und Armenschulen, Anstalten und Stiftungen der Inneren Mission. Dies erfolgte aber nicht mehr auf kirchenamtlicher Basis, sondern in der freien Form der Vereine, in denen sich viele Laien engagierten. (60) Besonders zu erwähnen ist hier Johann Hinrich Wicherns (1808-1881) (61) Konzept der Inneren Mission als "christlich-soziale Aufgabe" (62), das zu einer "christlichen Wiedergeburt sozialer Verhältnisse des Volkslebens" (63) beitragen sollte. Wichern führte die sozialen Probleme auf den "Unglauben" zurück, er interpretierte die sozialen Probleme nicht ökonomisch, sondern religiös-sittlich. Sein Rezept war patriarchalische Fürsorge, sein Ideal die ständisch gegliederte Gesellschaft. Aufgrund ihrer stärkeren Bindung an die Kirche sollten vor allem Frauen in der Inneren Mission wirken und durch ihren Dienst "den Mann für das Reich Gottes in der Kirche des Herrn (...) gewinnen". (64) Es versteht sich, dass Frauen nicht selbständig, sondern unter der Aufsicht von Männern diese Aufgabe erfüllen sollten. Das übergeordnete Ziel der sozialen Arbeit der Inneren Mission und der 1899 gegründeten "Frauenhilfe" war es, den Prozess der Entkirchlichung aufzuhalten bzw. wenn möglich, rückgängig zu machen und Klassengegensätze abzumildern. Denjenigen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, sollte die "Liebesmacht des Evangeliums" nahegebracht werden. Frauen kam also für das religiöse Leben und vor allem im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen die fortschreitende Entkirchlichung eine besondere Bedeutung zu. (65)

Zurück zum Text  55.

55 Vgl. beispielsweise die klare, zeitgenössische Analyse von (August Wilhelm) Hunzinger: Wesen und Entstehung der modernen Unkirchlichkeit. In: Konservative Monatsschrift für Politik, Literatur und Kunst 71 (1913), S. 195-211. Hunzinger (1871-1920) war Hauptpastor an St. Michaelis in Hamburg.

Zurück zum Text  56.

56 Als Beispiele sei hier auf zwei Hamburger theologische Außenseiter verwiesen, vgl. Rainer Hering, Orthodoxie versus Liberalismus in der Kirche: Der "Fall Strasosky". In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 83/2 (1997), S.175-192. Ders.: "Nur Mensch sein!" - Wilhelm Heydorn. In: Iris Groschek/Rainer Hering (Hrsg): Wilhelm Heydorn: "Nur Mensch sein!". Lebenserinnerungen 1873 bis 1958. Hamburg-München: Dölling und Galitz 1999, bes. S. 7-19.

Zurück zum Text  57.

57 Irmtraud Götz von Olenhusen: Jugendreich, Gottesreich, Deutsches Reich. Junge Generation, Religion und Politik 1928-1933. Köln: Wissenschaft und Politik 1987, S. 187-189 (=Edition Archiv der Deutschen Jugendbewegung, 2); Jürgen Henkys: Bibelarbeit. Der Umgang mit der Heiligen Schrift in den evangelischen Jugendverbänden nach dem Ersten Weltkrieg. Hamburg: Furche 1966.

Zurück zum Text  58.

58 Emil Fuchs/Wilhelm Hofmeyer: Unsere Aufgabe gegenüber der Austrittsbewegung. Referat und Korreferat, erstattet auf der gemeinschaftlichen Konferenz der Dekanate Groß-Gerau und Offenbach am 16. Februar 1914 zu Frankfurt a.M. Darmstadt: C.F. Wintersche Buchdruckerei 1914, S. 4. Siehe auch Kaiser, Sozialdemokratie S. 279-280 und 293-297. Eine Fallstudie am Beispiel Göttingen hat Rainer Marbach vorgelegt: Säkularisierung und sozialer Wandel im 19. Jahrhundert. Die Stellung der Geistlichen zur Entkirchlichung und Entchristlichung in einem Bezirk der hannoverschen Landeskirche. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1978. Er betont das Verhalten der Kirche und ihrer Amtsträger als Ursache der Entkirchlichung.

Zurück zum Text  59.

59 Reich S. 381-382; Carl Gunther Schweitzer: Praktische Apologetik. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 3. Aufl. Bd.1 Tübingen: Mohr 1957, S. 489-492; Friedrich Martiny: Die evangelischen Akademien. Kirche zwischen Anpassung und Parteilichkeit. Ein Beitrag zum Problem des gesellschaftlichen Handelns der Kirche. Frankfurt/M-Bern-Las Vegas: Lang 1977 (=Europäische Hochschulschriften, 22, 97); Matthias Pöhlmann: Kampf der Geister. Die Publizistik der "Apologetischen Centrale" (1921-1937). Stuttgart-Berlin- Köln: Kohlhammer 1998 (=Konfession und Gesellschaft, 16); Bernd Jaspert: Die Anfänge der Evangelischen Akademie von Kurhessen-Waldeck. In: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung 47 (1996), S. 187-226; Leonore Siegele-Wenschkewitz: Hofprediger der Demokratie. Evangelische Akademien und politische Bildung in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 108 (1997), S. 236-251; Christoph Th. Scheilke: Evangelische und katholische Akademien. In: Religion in Geschichte und Gegenwart 4. Aufl. Bd.1 Tübingen: Mohr 1998, S. 246-250; Rulf Jürgen Treidel: Intentionen und Wirkungen der Öffentlichkeitsarbeit Evangelischer Akademien im Nachkriegsdeutschland (1945-1962). In: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 97 (1999), 191-236.

Zurück zum Text  60.

60 Nipperdey: Bürgerwelt S. 424-427; Matthias Benad (Hg.): Friedrich von Bodelschwingh d.J. und die Betheler Anstalten. Fürsorge und Weltgestaltung. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1997. Hierzu und zu den Vorläufern: Hans Otte: Kirchliche Armenpflege in norddeutschen Städten zwischen Aufklärung und Erweckung: Hamburg, Braunschweig, Osnabrück. In: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus 25 (1999), 125-157.

Zurück zum Text  61.

61 Vgl. zu Wichern: Ulrich Heidenreich: Der Gründer des Rauhen Hauses. Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Hamburg: Verein für Hamburgische Geschichte 1997 (=Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen, 13); Helmut Talazko: Johann Hinrich Wichern. In: Martin Greschat (Hg.): Gestalten der Kirchengeschichte Bd.9,2. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1985, S. 44-63; Günter Brakelmann: Johann Hinrich Wichern. In: Klaus Scholder/Dieter Kleinmann (Hg.): Protestanten. Von Martin Luther bis Dietrich Bonhoeffer. Portraits. 2. durchges. Aufl. Frankfurt/M: Hain 1992, S. 239-252; Ders.: Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Bielefeld: Luther 6. Aufl. 1979, bes. S. 119-141; Ders.: Kirche und Sozialismus im 19. Jahrhundert. Die Analyse des Sozialismus und Kommunismus bei Johann Hinrich Wichern und Rudolf Todt. Witten: Luther Verlag 1966; Georg Schiller: Wichern-Bibliographie. Zusammenstellung der über Johann Hinrich Wichern (1808-1881) veröffentlichten Literatur. Manuskript 2. erw. Aufl. Hamburg 1983 (Staatsarchiv Hamburg, Bibliothek, A 773/37 Kapsel 1); Hans-Volker Herntrich: Im Feuer der Kritik. Johann Hinrich Wichern und der Sozialismus. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1969; Martin Gerhardt: Johann Hinrich Wichern. Ein Lebensbild. 3 Bde. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1927-1931; Friedrich Oldenberg: Johann Hinrich Wichern. Sein Leben und Wirken. 2 Bde. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses und W. Mauke Söhne 1884-1887.

Zurück zum Text  62.

62 Zitiert nach: Martin Hennig (Hg.): Quellenbuch zur Geschichte der Inneren Mission. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1912, S. 254. Zur Inneren Mission und kirchlichen Diakonie vgl. Jochen-Christoph Kaiser/Martin Greschat (Hg.): Sozialer Protestantismus und Sozialstaat. Diakonie und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1890 bis 1938. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1996; Jochen-Christoph Kaiser/Wilfried Loth (Hg.): Soziale Reform im Kaiserreich. Protestantismus, Katholizismus und Sozialpolitik. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1997 (=Konfession und Gesellschaft, 11); Jochen-Christoph Kaiser (Hg.): Soziale Arbeit in historischer Perspektive. Zum geschichtlichen Ort der Diakonie in Deutschland. Festschrift für Helmut Talazko zum 65. Geburtstag. Stuttgart-Berlin-Köln: Kohlhammer 1998; Ursula Röper/Carola Jüllig (Hg.): Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Diakonie 1848-1998. Berlin: Deutsches Historisches Museum 1998.

Zurück zum Text  63.

63 Johann Hinrich Wichern: Prinzipielles zur Inneren Mission. Die wichtigsten Aufsätze, Vorträge und Abhandlungen über Fragen und Aufgaben der Inneren Mission. Hg. von Friedrich Mahling. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1902, S. 390 (=Gesammelte Schriften D. Johann Hinrich Wicherns, 3); vgl. auch: Friedrich Mahling: Christlich-sozial. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 2.Aufl. Bd.1. Tübingen: Mohr 1927, S. 1581-1586, bes. S. 1583.

Zurück zum Text  64.

64 Johann Hinrich Wichern: Sämtliche Werke. Hg. von Peter Meinhold. Bd.III/1 Berlin-Hamburg: Lutherisches Verlagshaus 1968, S. 106; Nipperdey: Bürgerwelt S. 439.

Zurück zum Text  65.

65 Baumann S. 51-53, 143-144 und 270; Fritz Mybes: Der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein und seine Frauenhilfe. Köln: Rheinland-Verlag 1988, 2. Aufl. 1998 (=Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, 92); 100 Jahre Evangelische Frauenhilfe in Deutschland. Einblicke in ihre Geschichte. Hg. von Christine Busch. Düsseldorf: Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland 1999 (=Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland, 23). In den fünfziger Jahren versuchte die Katholische Kirche durch besonderen Schutz der Familie eine Rechristianisierung der Gesellschaft zu erreichen. Ein Bestandteil dieses Konzeptes war die Ablehnung der weiblichen Erwerbstätigkeit. Auch hier wurde der Frau von kirchlicher Seite eine besondere Bedeutung für die Festigung des Christentums in der säkularisierten Gesellschaft zuerkannt, vgl. Klaus-Jörg Ruhl: Familie und Beruf. Weibliche Erwerbstätigkeit und katholische Kirche in den fünfziger Jahren. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 17/1993, S. 30-38; Starke fromme Frauen? Eine Zwischenbilanz konfessioneller Frauenforschung heute. Hrsg. von Ute Gause; Barbara Heller; Jochen Christoph Kaiser. Hofgeismar 2000 (= Hofgeismarer Protokolle, 320).

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de