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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte auch die Amtskirche, dass die zuvor vor allem von Einzelnen und freien Verbänden geleistete Arbeit auf sozialem Gebiet berechtigt und wichtig sei. Durch die Industrialisierung und Demokratisierung war eine Neuorientierung erforderlich geworden - die Vielzahl dieser Initiativen wird unter dem Begriff "Sozialer Protestantismus" zusammengefasst. Besondere Bedeutung kommt dabei der Zeit der Weimarer Republik zu, da sich nun die Amtskirche und die akademische Theologie konstruktiv auf die sozialen Herausforderungen der Moderne einließen. Deutlich wurde das in der in einzelnen Kirchenverfassungen verankerten Einrichtung von Sozialpfarrämtern und sozialen Dienststellen sowie der Einrichtung sozialethischer und diakonischer Institute und Lehrstühle. Darüber hinaus findet in diesen Jahren eine Pluralisierung der sozialethischen und sozialpolitischen Überzeugungen statt. (66)

Große Aufmerksamkeit widmeten die evangelischen Kirchen seit dem Ersten Weltkrieg gerade auch der Jugend, um einer Entscheidung gegen die Kirche schon frühzeitig im Leben des einzelnen entgegenwirken zu können. Eine Denkschrift des Oberkirchenrates der Evangelischen Kirche der Union aus dem Jahre 1917 ordnete die Jugendpflege erstmals den Gesamtaufgaben der Kirche zu und empfahl die Einrichtung von entsprechenden Ausschüssen. Bis 1926 hatten fast alle Landeskirchen, vor allem in den größeren Städten, spezielle Jugendpfarrämter. Zwischen den einzelnen Landeskirchen gab es aber nur eine geringe Zusammenarbeit in diesem Bereich, ebenso wie es zu Konkurrenz zwischen ihnen, der Inneren Mission und den evangelischen Jugendverbänden kam. (67)

Vorrangiges Ziel war es, die Jugendlichen in das Gemeindeleben einzubinden, sie zur Teilnahme an Gottesdienst und zum Abendmahlsempfang zu bewegen. Neben offenen Jugendabenden und -evangelisationen wurden in den Gemeinden auch Freizeiten, Ferienlager, Wanderungen und Führertagungen angeboten. An der Seite der Pastoren wurden hier Gemeindehelfer und vor allem die seit Ende der Zwanziger Jahre als Vikarinnen oder Pfarramtshelferinnen beschäftigten studierten Theologinnen eingesetzt. (68)

Als Fortsetzung der Christenlehre, der sonntäglichen Unterweisung der konfirmierten Jugendlichen, entstanden spezielle Jugendgottesdienste, die zumeist von den Jugendlichen selbst gestaltet und oftmals in schon bestehenden bündischen Kreisen durchgeführt wurden. Besondere Bedeutung erlangten dabei in Anknüpfung an die Musikalität der Jugendbewegung die Kirchenmusik - Chöre, Wechselgesänge, Einzelstimmen, Posaunenblasen - und symbolische Handlungen mit ihrer "gemeinschaftsbildenden Kraft". Gerade die streng-formal konzipierte Musik Johann Sebastian Bachs (1685-1750) entsprach dem Lebensgefühl der "neuen Sachlichkeit". In der Singbewegung, die sich nach 1920 aus der Jugendbewegung vor allem in der Großstadt - an erster Stelle ist hier Hamburg mit Fritz Jöde (1887-1970) zu nennen - herausgebildet hatte, spielte geistliche Musik eine besondere Rolle. Sie leitete Ende der zwanziger Jahre eine kirchenmusikalische Erneuerungsbewegung ein. Der Gemeindegesang wandelte sich, vor allem die Kirchenchöre wurden aus der Vereinsform in den Gottesdienst und die Gemeinde zurückgeführt. Eigene Kirchenmusikschulen setzten die musikalische Arbeit vor Ort fort. (69)

In der Methodik der Bibelrezeption vollzog sich während der Weimarer Republik ein einschneidender Wandel von der "erbaulichen" Bibelstunde zur "sachlichen" Bibelarbeit. Die Jugendlichen sollten zur Eigenaktivität hingeführt und Aussprachemöglichkeiten für subjektive Probleme geschaffen werden. Gerade die Arbeit in Kleingruppen zielte darauf, sie zum Selbstdenken anzuregen. Da dies der generellen Ablehnung alles Erbaulichen und Sentimentalen in der Jugend entsprach, ist die Versachlichung der Bibelarbeit auch als Anpassung an das säkularisierte Bewusstsein der Nachkriegsgeneration zu verstehen. (70)

Neben den offiziellen kirchlichen Einrichtungen bestanden noch zahlreiche freie evangelische Jugendverbände, wie der Christliche Verein junger Männer, der Reichsverband der evangelischen Jungmännerbünde Deutschlands und verwandter Bestrebungen, der Evangelische Reichsverband weiblicher Jugend, der Bund deutscher Bibelkreise und die Deutsche christliche Studentenvereinigung. Große Zuwachsraten hatte zwischen 1928 und 1933 nur noch die Christlichen Pfadfinder, die der Institution Kirche sehr kritisch gegenüberstanden. Zugleich wurden nach dem Ersten Weltkrieg Studentenpfarrämter an den Universitäten eingerichtet, um die Verbindung der Studierenden zur Kirche zu intensivieren bzw. überhaupt erst herzustellen. (71)

Seit der Mitte der zwanziger Jahre bemühten sich protestantische Jugendführer verstärkt um eine eigene evangelische Pädagogik, wobei an reformpädagogische Ansätze angeknüpft werden konnte. 1925 wurde die Gesellschaft für evangelische Pädagogik gegründet, die ein vierbändiges christlich-pädagogisches Lexikon herausgab. An der Gießener Universität richtete der Praktische Theologe Leopold Cordier (1887-1939) ein Institut für evangelische Jugendkunde und evangelische Erziehungswissenschaft ein und verfasste eine dreibändige Evangelische Jugendkunde. Der Erfolg dieser Maßnahmen blieb für die Praxis aber nur begrenzt. Die Jugendarbeit der Kirchen konzentrierte sich auf immer jüngere Jahrgänge, die eigentlichen Jugendlichen wurden nur noch in geringem Maße erreicht. (72) Eine sinnstiftende Ideologie konnten der Nachkriegsgeneration weder die evangelische Kirche noch die großen Jugendverbände bieten. (73)

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66 Protestantismus und Soziale Frage. Profile in der Zeit der Weimarer Republik. Hg. von Traugott Jähnichen und Norbert Friedrich. Münster: LIT 2000 (=Bochumer Forum zur Geschichte des sozialen Protestantismus, 1).

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67 Hierzu und zum folgenden: Götz von Olenhusen bes. S. 157-266; Dieter Horst Toboll: Evangelische Jugendbewegung 1919-1933. Dargestellt an dem Bund Deutscher Jugendvereine und dem Christdeutschen Bund. Phil. Diss. Bonn 1971; Walter Uhsadel: Jugendbewegung und ev. Kirche. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 3.Aufl. Bd.3 Tübingen: Mohr 1959, S. 1018-1020; Kurt Frör: Jugendgottesdienst. In: Ebd., S. 1029-1030; Martin Affolderbach: Jugend. In: Theologische Realenzyklopädie Bd.17 Berlin-New York: de Gryuter 1988, S. 409-423; Arno Klönne: Jugendbewegung. In: Ebd., S. 423-426; Bernd Haasler: Evangelische Jugendarbeit in Schleswig-Holstein. Die Geschichte der landeskirchlichen Jugendarbeit von 1921 bis 1988. Neumünster: Wachholtz 1990, bes. S. 13-34 (=Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, I 36). Zum Hintergrund: Detlev J.K.Peukert: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne. Frankfurt/M: Suhrkamp 1987, bes. S. 94-100 (=Neue Historische Bibliothek); Ders.: Jugend zwischen Krieg und Krise. Lebenswelten von Arbeiterjungen in der Weimarer Republik. Köln: Bund 1987; Michael Mitterauer: Sozialgeschichte der Jugend. Frankfurt/M: Suhrkamp 1986 (=Neue Historische Bibliothek); Klaus Saul: Der Kampf um die Jugend zwischen Volksschule und Kaserne. Ein Beitrag zur "Jugendpflege" im Wilhelminischen Reich 1890-1914. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 1/1971, S. 97-143; Peter Dudek: Jugend als Objekt der Wissenschaften. Geschichte der Jugendforschung in Deutschland und Österreich 1890-1933. Opladen: Westdeutscher Verlag 1990, bes. S. 74-89.

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68 Vgl. Hering, Frauen; Ders.: Die Theologinnen Sophie Kunert, Margarete Braun und Margarete Schuster. Hamburg 1997: Verein für Hamburgische Geschichte (=Hamburgische Lebensbilder in Darstellungen und Selbstzeugnissen, 12), S. 71-98.

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69 Frör, Jugendgottesdienst; Ders.: Christenlehre. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 3. Aufl. Bd.1 Tübingen: Mohr 1957, S. 1684-1685; Walter Blankenburg: Singbewegung. In: Ebd. Bd.6 Tübingen: Mohr 1962, S. 45-46; Ders.: Kirchenchorwesen. In: Ebd. Bd.3 Tübingen: Mohr 1959, S. 1416-1417; Götz von Olenhusen S. 191-192; Dorothea Kolland: Jugendmusikbewegung. In: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal: Hammer 1998, S. 379-394. Otto Riethmüller (1889-1938) entwickelte seit 1926 Entwürfe für Sprechchöre und Sprechchorfeiern, die zum Ausbau der Jugendgottesdienste beitrugen.

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70 Götz von Olenhusen S. 187-189; Henkys. Der Terminus "Bibelarbeit" wurde erstmals 1919 verwendet.

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71 Götz von Olenhusen S. 195-261; Karl Kupisch: Studenten entdecken die Bibel. Die Geschichte der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV). Hamburg: Furche 1964; Rainer Hering: Kirche und Universität. Die Anfänge der evangelischen Studierendenseelsorge und akademischer Gottesdienste an der Hamburger Universität in der Weimarer Republik und im "Dritten Reich". In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 86 (2000), S. 275-306.

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72 Pädagogisches Lexikon. Bielefeld-Leipzig: Velhagen & Klasing 1928-1931, 4 Bde. Leopold Cordier: Evangelische Jugendkunde. Schwerin: Friedrich Bahn 1925-1929. Vgl. Götz von Olenhusen S. 175 und 342; Martin Greschat: Die evangelisch-theologische Fakultät in Gießen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945). In: Bernhard Jendorff/Cornelius Mayer/Gerhard Schmalenberg (Hg.): Theologie im Kontext der Geschichte der Alma Mater Ludovicana. Gießen: Ferbersche Universitätsbuchhandlung 1983, S. 139-166; Heinrich Steitz: Leopold Cordier (1887-1939), Theologe und Pädagoge. In: Hans Georg Gundel/Peter Moraw/Volker Press (Hg.): Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erster Teil Marburg: Elwert 1982, S. 146-157 (=Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 35); Franz Paul Mittermaier: Leopold Cordier und die Christdeutsche Jugend. In: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung 9 (1958), S. 1-21 (Bibliographie Cordiers ebd., S. 22-51).

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73 Götz von Olenhusen S. 194.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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