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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Ludwig Heitmann (1880-1953) betonte in der Michaelsbruderschaft vor allem die soziale Komponente. Von 1913 bis 1920 hatte er ein dreibändiges Werk über Großstadt und Religion veröffentlicht, das in den zwanziger Jahren mehrfach aufgelegt wurde. Er wandte sich insbesondere an die bündische Jugend und plädierte für die Gleichnissprache als Hinweis auf die letzte Wirklichkeit. (90) 1929 erhielt er den theologischen Ehrendoktor der Universität Gießen als "bahnbrechende(r) Dolmetsch der evangelischen Botschaft in der modernen Großstadt". (91) Heitmann verfügte nicht über eine humanistische Bildung, sondern war vor allem an technischen und mathematischen Problemen interessiert, was zu seiner Aufgeschlossenheit gegenüber den Problemen der Moderne beitrug. Sein Wirken in Arbeitervierteln, insbesondere in der Jugendarbeit, wurde - wie zuvor schon bei Walter Classen - von der Kirchenleitung nicht anerkannt. Gerade bei der Tätigkeit im Arbeiterviertel Hammerbrook nahm die Frage, ob und wo Religion in der großstädtischen Lebensentwicklung überhaupt möglich sei, eine zentrale Rolle ein.

Von der kirchenleitenden Elite wurden die Aktivitäten von Classen und Heitmann sehr kritisch betrachtet und ihre Tätigkeit in der Lehrerausbildung an der Universität unterbunden, weil sie angeblich eine "Opposition" heranzüchten würden. Dies erscheint als Versuch, die Vermittlung einer Theologie, die auf die Situation der Masse der Arbeiter bezogen war, "von oben" zu verhindern. Hier zeigt sich, dass die Führung der Kirche - eine soziale und gesellschaftliche Elite aus dem Bildungsbürgertum - in ihrer Realitätswahrnehmung entsprechend geprägt gewesen ist. An dieser Stelle wird der Konflikt um die Reaktion der Kirche auf die gesellschaftliche Modernisierung deutlich: Die kirchenleitende Elite nahm eine antimoderne Haltung ein und versuchte, die Problematik durch Ausgrenzung von unliebsamen Positionen zu lösen. Die zunehmende Entkirchlichung konnte damit allerdings nicht aufgehalten werden. (92)

Obwohl die katholische Kirche insgesamt längst nicht so massiv durch die Entkirchlichung und Dechristianisierung betroffen war, wie die evangelischen Kirchen, gab es bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Aktivitäten, um auf die veränderte gesellschaftliche Situation zu reagieren. Die Frömmigkeitspraxis wurde unter Rückgriff auf alte Volksfrömmigkeit neu gestaltet: Gegen Aufklärung und Moderne wurden besonders die marianische Frömmigkeit mit Marienerscheinungen und - 1854 unterstützt durch das Dogma der Unbefleckten Empfängnis - andere Heiligenverehrungen und -kulte reaktiviert. Das Kloster- und Ordenswesen wurde wiederbelebt und erfuhr einen gewaltigen Aufschwung. Während Aufklärung und Liberalismus den Einzelnen in den Vordergrund rückten, setzte die katholische Kirche auf demonstrative Massenfrömmigkeit, z.B. bei Volksfesten, Wallfahrten - 1844 Ausstellung des Heiligen Rocks in Trier - und Umzügen. Ein differenziertes kirchliches Pressewesen entstand seit den 1830er Jahren, im folgenden Jahrzehnt setzte die Bildung katholischer Vereine ein. Als Reaktion auf die soziale Frage gründete Adolf Kolping (1813-1865) 1845 Gesellenvereine, die familien- und berufsbezogen sowie moralisch die "Standlosigkeit" der Gesellen überwinden sollten. Weiterhin wirkte die katholische Kirche durch konfessionelle Schulen und Lehrerseminare auf die Jugend ein. (93)

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90 Ludwig Heitmann: Großstadt und Religion. 3 Bde. Hamburg: C. Boysen 1913-1920; Ders.: Krisis und Neugestaltung im Erziehungswerk. Schwerin: Friedrich Bahn 1930, S.69 (=Werkschriften der Berneuchener Konferenz, 6). Zu Heitmann vgl. mit umfangreicher Bibliographie Rainer Hering: Heitmann, Ferdinand Carl Ludwig. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Begründet und hg. von Friedrich Wilhelm Bautz. Fortgeführt von Traugott Bautz. Bd. XVI. Herzberg: Bautz 1999, S. 649-667. Heitmann zog sich Anfang der vierziger Jahre aus der Michaelsbruderschaft zurück, weil er eine zu große Annäherung an den Katholizismus befürchtete.

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91 Universitätsarchiv Gießen, Theol O 9, Ehrenpromotionsurkunde vom 20.1.1929.

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92 Rainer Hering: Theologische Wissenschaft und "Drittes Reich". Studien zur Hamburger Wissenschafts- und Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1990, S. 145 (=Reihe Geschichtswissenschaft, 20); Ders.: Moderne S. 147-149; Ders.: Seminar S. 53; Georg Daur: Von Predigern und Bürgern. Eine hamburgische Kirchengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses 1970, S. 246-262 und 341; Hering: Theologie S. 341 und 414-415.

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93 Nipperdey: Bürgerwelt S. 383 und 406-423; Nowak: Geschichte S. 102-107; Victor Conzemius: Die katholische Kirche. In: Jacques Gadille/Jean-Marie Mayeur (Hg.): Liberalismus, Industrialisierung, Expansion Europas (1830-1914). Freiburg-Basel-Wien: Herder 1997, S. 294-308 (=Die Geschichte des Christentums. Religion-Politik-Kultur, 11). Zur Einordnung und zum Hintergrund vgl. Olaf Blaschke: Das 19. Jahrhundert: Ein zweites Konfessionelles Zeitalter?. In: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), 38-75; Karl-Egon Lönne: Katholizismus-Forschung. In: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), 128-170; Andreas Holzem: Dechristiansierung und Rechristianisierung. Der deutsche Katholizismus im europäischen Vergleich. In: Kirchliche Zeitgeschichte 11 (1998), S. 69-93; Wolfgang Schieder: Kirche und Revolution. Sozialgeschichtliche Aspekte der Trierer Wallfahrt von 1844. In: Archiv für Sozialgeschichte 14 (1974), S. 419-454.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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