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Dr. Rainer Hering: Säkularisierung, Entkirchlichung, Dechristianisierung und Formen der Rechristianisierung bzw. Resakralisierung in Deutschland (1)


Die katholische Kirche war kein monolithischer Block, sondern - wie der Protestantismus - durch die Dynamik einer Epoche der Bewegungen geprägt. Die Amtskirche öffnete sich für die außerkirchliche Religiosität, Träger der Reformen war aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in erster Linie der Vereins- und Verbandskatholizismus. Seit 1919 nahm die Zahl der Ordensniederlassungen deutlich zu. In der Weimarer Republik gab es auch im Katholizismus eine liturgische Erneuerungsbewegung, die durch Vermittlung der Liturgie die Gläubigen mit den religiösen Inhalten der Kirche vertrauter und sie enger an die Kirche binden wollte. Ausgerichtet war sie auf eine ganzheitlich-gottverbundene Frömmigkeit, deren Zentrum der Gottesdienst und die Sakramente waren. Besonders betont wurde der Gemeinschaftsgedanke, Leitbegriffe waren "Autorität", "Ordnung", "Gehorsam", "(Volks-)Gemeinschaft". Verbunden damit war distanzierte bis ablehnende Haltung zur Moderne und ihren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Erneuerungen. Geprägt war sie von Entwicklungen in Belgien und Frankreich, sie stand in der Tradition des Ultramontanismus, der sich gegen Liberalismus, zunehmenden Individualismus und Moderne wandte. War sie zunächst eine elitäre Bewegung "von oben", gelangte sie in den zwanziger Jahren zu größerer Breitenwirkung, gerade in Großstadtgemeinden. Ihre Träger waren mittelständische und bildungsbürgerliche Schichten. Ziel war es, nicht den ganzen Gottesdienst neu zu gestalten, sondern den bestehenden durch reichere und schönere Formen anziehender zu machen; entdeckt wurde die deutschsprachige Gemeinschaftsmesse. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Benediktiner Ildefons Herwegen (1874-1946) eine liturgische Erneuerung angeregt, die sich in der Weimarer Republik weit entfaltete. Die von ihm seit 1913 geleitete Abtei Maria Laach wurde zum Zentrum dieser Tendenzen. Zwischen der Abtei und dem katholischen Akademikerverband bestanden enge Beziehungen. Einflussreich waren die Veröffentlichungen Romano Guardinis (1885-1968) zur Liturgie. Insbesondere in der katholischen Jugend wurden sie intensiv rezipiert. Die Gottesdienste wurden in dem 1909 als katholischem Zweig der Wandervogelbewegung gegründeten "Quickborn", in der Schülerbewegung und in Jungmännerverbänden intensiver und mit tiefer Ergriffenheit gefeiert. Der "Quickborn" wollte seine Mitglieder in Verbindung mit Natur, Heimat und Volk aus der Kraft des Glaubens heraus zu Wahrhaftigkeit, Einfachheit, Reinheit führen. Er stellte die Verbindung zwischen liturgischer und katholischer Jugendbewegung dar. Obwohl Frauen als Träger der liturgischen Bewegung eine wachsende Rolle einnahmen, wurde weiterhin ein traditionelles Frauenbild überliefert und blieben ihre Handlungs- und Einflussmöglichkeiten gering.

Weiterhin zu nennen ist die katholische Bibelbewegung, die mehrere Neuübersetzungen des Neuen Testaments hervorbrachte. Das "Leben Jesu" wurde auf hohem ästhetischen Niveau literarisch dargeboten, Höhepunkt war die Darstellung Guardinis von 1937. So entstand eine vielfältige und lebendige katholische Frömmigkeitswelt, die viele der Kirche näher brachte bzw. die innere Verbindung verstärkte.

Im "Dritten Reich" erlangte die liturgische Bewegung durch die Zurückdrängung bzw. Auflösung der katholischen Verbände großen Einfluss, die Auseinandersetzung mit kirchlich-religiösen Themen nahm zu, da der politische Diskussions- und Handlungsrahmen drastisch reduziert war. Gerade volksliturgische Aspekte wurden positiv aufgenommen, die Bindung der Gläubigen an die Kirche wurde, u.a. durch Einbeziehung in den Ablauf der Eucharistiefeier, gestärkt. Auch nach 1945 blieb die liturgische Bewegung bedeutend und wurde zur Trägerin der beginnenden Ökumene. (94)

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94 Kurt Meier: Deutschland und Österreich. In: Jean-Marie Mayeur/Ders. (Hg.): Erster und Zweiter Weltkrieg. Demokratien und totalitäre Systeme (1914-1958). Freiburg-Basel-Wien: Herder 1992, S. 681-772, hier S. 687 (=Die Geschichte des Christentums. Religion-Politik-Kultur, 12); Nowak: Geschichte S. 219-222; Norbert Busch: Katholische Frömmigkeit und Moderne. Die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Herz-Jesu-Kultes in Deutschland zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg. Gütersloh: Kaiser 1997 (=Religiöse Kulturen der Moderne, 6); Michael Klöckner: Erneuerungsbewegungen im römischen Katholizismus. In: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Wuppertal: Hammer 1998, S.565-580; Bettina Schneider: Entwicklung der katholischen liturgischen Bewegung in der Weimarer Republik unter Berücksichtigung ihrer Auswirkungen auf die katholische Kirche in Hamburg. Magisterarbeit (Geschichtswissenschaft) ms. Hamburg 1998.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 10. April 2002
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